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07.08.04 / Griff nach Deutschland / Wie Stalins Politbüro 1923 die Machtübernahme probte

© Preußische Allgemeine Zeitung / 7. August 2004


Griff nach Deutschland
Wie Stalins Politbüro 1923 die Machtübernahme probte

Die kommende Revolution in Deutschland ist das wichtigste Weltereignis unserer Tage. Der Sieg der Revolution in Deutschland wird größere Bedeutung haben als der Sieg der russischen Revolution", hieß es in der Roten Fahne vom 10. Oktober 1923. Kein Geringerer als Josef Stalin, damals Vorsitzender der Russischen Kommunistischen Partei (RKP), hatte zur Feder gegriffen. Stand im Herbst des Jahres 1923 ein deutscher Oktober nach bolschewistischem Vorbild vor den Toren?

Lange hatten über die Umsturzpläne deutscher Kommunisten nur wenige gesicherte Erkenntnisse vorgelegen. Erst die Öffnung russischer Archive machte die entsprechenden Akten zugänglich. Ein Team europäischer Historiker hat exzellente Arbeit geleistet. Ihr lesenswerter Dokumentenband enthält 103 aussagekräftige Beschlüsse, Memoranden und Briefe deutscher und russischer Kommunisten. Gute Sachkenner wie Hermann Weber und Pierre Broue´ analysieren die Hintergründe des Geschehens.

1923 balancierte Deutschland hart am Rand des Abgrunds. Ruhrkampf, Hyperinflation, Separatismus und viele andere Krisen beutelten das geplagte Land. Immer tiefer geriet die KPD in die Abhängigkeit von der russisch dominierten Komintern. Gemeinsam mit Sozialdemokraten zu agieren, lehnten die meisten Kommunisten ebenso ab, wie sie "nationalbolschewistische" Tendenzen verwarfen.

Das Politbüro der RKP beschloß Ende August 1923, in Deutschland einen gewaltsamen Umsturz herbeizuführen. Die Komintern stellte dafür 500.000 Goldrubel bereit. Man wollte die russische Oktoberrevolution wiederholen und ein "Sowjet-Deutschland" begründen.

Sinowjew, der die Komintern leitete, hoffte genau wie Trotzki, daß ein kommunistisches Mitteleuropa dazu beitrage, Rußland politisch und wirtschaftlich zu entlasten. Der "rechte" Brandler-Flügel der KPD kritisierte anfangs die Revolutionspläne, folgte dann aber den "Linken" um Ruth Fischer. Abgesandte der Moskauer Führung, Karl Radek und Juri Pjatakoff, kommandierten die KPD-Zentrale.

Im Oktober 1923 beteiligte sich die KPD an den sächsischen und thüringischen Länderregierungen. Kommunistische Minister sollten ihre Stellung dazu nutzen, 250.000 "Revolutionäre" zu bewaffnen. Selbstverständlich waren diese grotesk realitätsfernen Ideen zum Scheitern verurteilt. Unter Reichskanzler Stresemann konsolidierte sich die Weimarer Republik, so daß nicht die geringste Chance bestand, einen erfolgreichen Staatsstreich zu inszenieren, ganz abgesehen davon, daß der KPD ohnehin jegliche ernsthafte militärische Kraft fehlte. Im Grunde fungierte die KPD nur als Instrument der verfehlten russischen Außenpolitik.

Reichswehrtruppen besetzten am 20. Oktober 1923 Sachsen und Thüringen; die dortigen Kabinette wurden zum Rücktritt gezwungen. Nun proklamierte die KPD-Zentrale einen Generalstreik; militante Aktionen sollten folgen. Als der Streik ausblieb, sagte Hermann Brandler die gesamte Unternehmung ab. Nur in Hamburg probten etwa 150 KPD-Anhänger den Aufstand, der beendet werden mußte, weil er keinen Zuspruch seitens der Arbeiterschaft erhielt.

Die in "Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern" veröffentlichten Quellen korrigieren etliche Legenden, welche die Hamburger Ereignisse betreffen. So erlitt die KPD letztlich eine "schwere Niederlage". KPD und Komintern machten linke Sozialdemokraten verantwortlich und erfanden damit die verhängnisvolle "Sozialfaschismustheorie". Endgültig senkte sich das Netz totaler Fremdbestimmung über die KPD. Der klägliche Ausgang des "Deutschen Oktober" stärkte in Rußland die Position Stalins, der die Losung vom "Sozialismus in einem Land" verbreitete. Rolf Helfert

Bernhard H. Bayerlein, Leonid G. Babicenko, Fridrich I. Firsov und Aleksandr Ju. Vatlin (Hrsg.): "Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern", Aufbau-Verlag, Berlin 2003, 479 Seiten, 40 Euro


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