© Preußische Allgemeine Zeitung / 28. August 2004


"... daß Du, Königsberg, nicht sterblich bist"
Vor 60 Jahren wurde die Pregelstadt ein Opfer alliierter Terrorangriffe

Diesen Abend kann ich nicht vergessen: Es ist der 27. August 1944. Ich bin zehn Jahre alt und stehe mit meiner Mutter und anderen Frauen des Hauses Hindenburgstrasse 12 in Braunsberg auf dem Dachboden. Wir schauen durch das kleine Fenster. Etwa 50 Kilometer Luftlinie entfernt ein glutroter Himmel. Königsberg, Ostpreußens Hauptstadt, brennt. Die Nacht zuvor haben 174 britische Flugzeuge ihre tödliche Phosphorbombenlast auf unschuldige Zivilisten, überwiegend Frauen, Kinder und Alte, geworfen. Zerstört waren keine eigentlichen Kriegsziele, wie Bahnhöfe, Gleisanlagen, Brücken oder Rüstungsbetriebe. Nein, getroffen waren reine Wohngebiete wie das Gebiet von Maraunenhof zwischen Cranzer Allee und Herzog-Albrecht-Allee. Im Süden schnitt der Angriff mit dem Wallring ab, traf also die Innenstadt kaum. Das wußte die Royal Air Force, eins ihrer Aufklärungsflugzeuge hat es fotografiert. Etwa 1.000 Tote waren zu beklagen, 10.000 Königsberger wurden obdachlos. Zerstört waren etwa fünf Prozent aller Königsberger Gebäude.

Das Gesicht meiner Mutter ist sehr ernst. Wir Ostpreußen sind ja bisher von Alarmen und Fliegerangriffen verschont geblieben. Wie oft hatte meine Großmutter aus Hildesheim von gestörter Nachtruhe bei Angriffen auf Hannover und dem Dröhnen von Hildesheim überfliegenden Verbänden geschrieben. "Wie gut daß Ihr in Braunsberg sicher seid." Und bei meiner Großmutter auf dem Gut Liebhausen bei Heilsberg hatte man keine Angst. Es wurde verdunkelt, das war es. Allerdings fehlten inzwischen nicht nur die wehrfähigen Männer, seit 1943 waren die 16- und 17jährigen Jungen als Flak- und Luftwaffenhelfer eingezogen.

Schon 1934 war die Entrümpelung der Dachböden angeordnet worden. 1935 wurde das Reichsluftschutzgesetz erlassen und 1937 gab es einige 14tägige Seminare für Journalisten und Lehrer, in denen auf den modernen Luftkrieg hingewiesen wurde. Es wurden Aufgaben für Selbstschutzkräfte präzisiert und Brand- wie Gasschutz geübt. Reichsluftfahrtminister Hermann Göring aber war Realist genug, in einer Rede am 14. November 1935 auszuführen: "Wenn wir eine Luftflotte noch so groß aufbauen würden, wenn wir an allen Ecken und Enden Zehntausende von Kanonen und Maschinengewehren aufstellen würden, so würde das niemals ausreichen, um dem deutschen Volk einen wirklichen Schutz zu gewähren, um die Volksgenossen vor den Folgen eines Luftkrieges zu bewahren."

Königsberg hatte mit dem Oberbrandingenieur Hans Rumpf einen erstklassigen Luftschutzfachmann. 1931 erschien sein Buch "Brandbomben". Im April 1933 entstand der Reichsluftschutzverband. In Königsberg wurde bei der Branddirektion eine Luftschutzabteilung (Lu-Abt.) gegründet. Die Feuerwache 4 (Süd) Artilleriestrasse 73/77 war im Erdgeschoß einer ehemaligen Kaserne stationiert. Daneben wurde eine Gerätehalle (Lu-Halle-Süd) für den zivilen Luftschutz gebaut. In ihr wurden alle für die Brandbekämpfung erforderlichen Löschfahrzeuge, Schlauchmaterial und anderes bereitgestellt. Alle Fahrzeuge - mit Ausnahme jener der Feuerwehr, die polizeigrün blieben, - wurden luftwaffengrau gespritzt. Für die Ausbildung freiwilliger Feuerwehrmänner wurde am 28. Februar 1937 die Feuerwehrschule Metgethen eröffnet.

Im Sommer 1943 wurde im Königsberger Stadtzentrum mit dem Bau von Splittergräben begonnen. Die Notwendigkeit sahen die Bürger ein, denn einige Male hatten sowjetische Langstreckenbomber die Stadt am Pregel erreicht, ohne größeres Unheil anzurichten. Alarme hatte es also gegeben, aber die Gedanken der Königsberger waren bis zum 27. August 1944 bei ihren Soldaten an der Front.

Der britische Bombenangriff dauerte knappe zehn Minuten. Der Manchester Guardian schrieb am 28. August 1944: "Die Lancaster-Bomber machten Sonnabendnacht einen Rundflug von 2.000 Meilen, um ihren ersten Angriff auf Königsberg, die Hauptstadt Ostpreußens und zur Zeit wichtigster Versorgungshafen der Deutschen, die 100 Meilen östlich gegen die Rote Armee kämpfen, durchzuführen. Ihre Ladung schloß eine Anzahl der neuen flammenwerfenden Brandbomben ein. Einer der Piloten beschrieb des Feuer als das größte, das er je gesehen habe. Die Feuersbrünste waren 200 Meilen weit zu sehen. Der Hafen wurde von vielen Luftabwehrbatterien verteidigt, aber nachdem der Angriff halb vorüber war, wurden diese Abwehrmaßnahmen unregelmäßig und wirkungslos. Nur fünf der Bomber kehrten nicht zurück."

"Was wird uns noch bevorstehen?" schrieb an diesem Tage der Königsberger Schriftsteller Wilhelm Matull in sein Tagebuch. Leider war seine Ahnung berechtigt. Am 30. August, 0.05 Uhr heulten die Sirenen, 189 Flugzeuge näherten sich der Pregelstadt.

Dr. Elimar Moser, heute Bonn, erlebte diesen zweiten verheerenden Luftangriff als 14jähriger Junge in Cranz: "Der erste Angriff war wohl nur ein Test. Diesmal waren es viel mehr Maschinen, und zwar der Engländer wie der Kanadier. Der Himmel hatte sich blutrot gefärbt, als sie über Cranz hinweg zurück flogen. Am nächsten Tag versuchte ich, bei hellem Sonnenschein zur Schule zu kommen. Die Bahn von Cranz fuhr bis zum Nordbahnhof. Bis zu meinem ebenfalls zerstörten Friedrichskollegium eine einzige Trümmerwüste. Einen Tag vorher war ich noch in einer blühenden Stadt gewesen. Diese Katastrophe ist der nachhaltigste Eindruck in meinem Leben."

Der Verbindungsoffizier bei der Feuerschutzpolizei, Otto Stolzke, berichtet: "Durch die erhitzten Straßenzüge raste heulend mit Orkanstärke ein Feuersturm mit Funkenregen, dazwischen wirbelten brennende Bauteile und anderes brennbares Material. Es war die Hölle auf Erden."

Über die Zahl der Flugzeuge gibt es verschiedene Angaben. Genannt werden 800, Fritz Gause in seiner dreibändigen "Geschichte der Stadt Königsberg" schreibt von 600. Es fällt übrigens auf, daß Gause den Luftangriffen ganze 18 Zeilen widmet. War er am Schluß seiner Geschichtsschreibung erschöpft oder fehlten ihm die Akten? In "Der redliche Ostpreuße" von 1984 ist von 189 Maschinen die Rede. Diese Zahl stützt sich auf Unterlagen des "Imperial War Museum". Zusammenfassend heißt es dort weiter: "Am 29/30. August war das Ziel anfangs durch niedrige Wolken verdeckt, und für einen Zeitraum von etwa 20 Minuten war ein Bombardement unmöglich. Dann konnte das Ziel durch Löcher in den Wolken deutlich ausgemacht werden, und Markierungen wurden präzise gesetzt. Der Erfolg der dann folgenden Zerstörung war außerordentlich groß: Die Bomber waren konzentriert auf das Stadtzentrum, und die Hälfte der Gebäude in der Stadt war entweder vollständig vernichtet oder ernsthaft zerstört. Etwa 100.000 Einwohner müssen obdachlos geworden sein, und wichtige Wirtschaftsgebäude, nicht zuletzt 44 Lagerhäuser an den Ufern des Pregel, waren zerstört ... Ruinen und Schutt prägten nunmehr das Leben in Ostpreußens Hauptstadt." Etwa 4.200 Personen waren tot oder vermißt, 200.000 obdachlos.

Die Notausgabe der Königsberger Allgemeinen Zeitung versprach am 31. August 1944 für den zerstörten Besitz "vollen Ersatz durch das Reich". Daraus wurde nichts.

Anerkannt aber werden muß die schnelle und unbürokratische Hilfe. Umgehend wurden die Obdachlosen in Königsbergs Umgebung untergebracht. Viele nahmen die Bombenopfer in beispielhafter Weise auf, manche mußten dazu gezwungen werden.

Für alle, die das Inferno überlebt hatten, war es ein Schrecken für immer, der sie bis heute begleitet. "Wir hatten nichts mehr", erinnert sich die damals 16jährige Margaret Lingnau. Und wie ging es auf den Friedhöfen zu? Felix Blume über die Beerdigung seiner Mutter: "Der Friedhofsinspektor an der Tapiauer Straße hatte keine Totengräber, teils waren diese durch die Bombenangriffe abwesend, die übrigen waren mit vielen Soldaten beschäftigt, Massengräber für tote Soldaten zu schaufeln, die bei dem Angriff, teils durch ein getroffenes Lazarett, ums Leben gekommen waren. Den Sarg, einen Schrank mit Spiegelfenster, erhielt ich von Frauen, für die ich mit meinem Freund aus einem stark qualmenden Keller am Burgkirchenplatz Wäsche und Bekleidung herausholte, da wir ja unsere Gasmasken bei uns hatten. Dann haben wir einen Handwagen organisiert, den Sarg im Hof Junkerstraße 8 aufgeladen und über all die Trümmer durch die Französische Straße, Königstraße, Sackheimer Tor zum Friedhof. Es war eine fürchterliche Fahrt, die Stadt lag unter einer riesigen Rauch- und Staubwolke, oft mußten wir den Karren über Hindernisse hinwegheben, die Hitze war groß."

Ostpreußens große Dichterin Agnes Miegel schrieb am 5. Oktober an ihre Freundin Lieselotte Popp: "Zuletzt, ehe sie sanken, haben im Feuersturm noch alle Kirchenglocken geläutet, wirklich das Sterbelied." In ihrer Totenklage "Abschied von Königsberg" heißt es dann aber in dem bewegenden und richtigen Schlußvers: "Daß noch in Dir, o Mutter, Leben ist, und daß Du, Königsberg, nicht sterblich bist".

Dennoch: Das alte Königsberg, der einstige Hochmeistersitz des Deutschen Ordens, die Residenz der Herzöge von Preußen, die Krönungsstätte des preußischen Königs Friedrich I., die Pflegestätte deutscher Dichtung und Literatur, die 1544 eröffnete Universität, alles war vernichtet. Lediglich das Grab Immanuel Kants war erhalten und wurde zum Keim der Wiedergeburt.

"Kaum eine Stadt verdeutlicht den sozialgeschichtlichen Verlauf, den Freiheit und Aufklärung in Europa hatten, so sehr wie Königsberg, Kants Heimat, die er nie verließ", schreibt Lorenz Jäger zum 200. Todestag des weltberühmten Philosophen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in ihrer ersten Ausgabe dieses Jahres.

Über Sinn und Unsinn des Bombenkrieges gibt es allein in den USA etwa 280 wissenschaftliche Untersuchungen. Das in Churchills Auftrag vom Chef des Bomber Command Arthur Harris, dem in England ein Denkmal gesetzt wurde, durchgeführte "area bombing" hat das erklärte Maximalziel nicht erreicht: Weder trieben die nächtlichen Angriffe der Royal Air Force die Deutschen dazu, aufzugeben oder sich gegen den Nationalsozialismus zu erheben, noch gelang es den Fliegenden Festungen der Amerikaner bei Tag, die Rüstungsmaschinerie des Reichs auszuschalten.

Königsberg erlebte im Zweiten Weltkrieg insgesamt elf Angriffe und 69 Alarme. Not und Tod faßt Hildegard Sturm zusammen: "Anfang September war ich noch einmal in Königsberg, um nach dem Bruder meiner Mutter und seiner Familie zu suchen. Sie wohnten auf der Dominsel. Die Straßenbahn fuhr nicht mehr und so ging's vom Bahnhof zu Fuß. Doch Häuserschutt versperrte mir oft den Weg, und ich brauchte lange, bis ich vor dem Haus meiner Verwandten stand. Auch hier gab es nur noch Ruinen. In den Kellern glühte noch der Koks und die Luft war von einem unangenehmen Geruch erfüllt. Weit und breit kein Mensch, den ich hätte fragen können. Mich packte das Grauen, und ich hastete weiter. Später bekamen wir Nachricht, daß die ganze Familie ein Opfer des Terrorangriffs geworden und unter Nummer sechstausendsoundsoviel begraben worden sei." n

Der Verfasser ist Autor des 1986 im Droste Verlag Düsseldorf erschienenen Buches "Ostpreußen als die Bomben fielen".

Nur noch Ruinen: Hier die Burgstraße in Königsberg Foto: Archiv


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