© Preußische Allgemeine Zeitung / 04. September 2004


Das "Wunder an der Marne"
Warum die Deutschen vor 90 Jahren ihre große Westoffensive stoppten und damit den sicheren Sieg verschenkten

Nach den siegreichen Gefechten in Belgien und Nordfrankreich stand das deutsche Westheer mit fünf Armeen auf dem Angriffs- und zwei Armeen auf dem Defensivflügel vor der Erfordernis, die riesige Umfassungsbewegung laut Schlieffenplan durchzuführen. Gemäß der Weisung von Generalstabschef Helmuth v. Moltke sollen die beiden Armeen auf dem äußersten rechten Flügel Paris einschließen und dann unter Einschwenken nach Osten der Masse des Gegners in die Flanke fallen und mit Hilfe der übrigen Armeen in der Champagne und Lothringen niederringen. Aber schon Ende August zeigt sich, daß man den Kräftebedarf unterschätzt hat und die beiden Flügelarmeen zu schwach sind, um die Einkreisung der Franzosen westlich um Paris herum zu vollziehen. Die Oberste Heeresleitung sieht sich obendrein veranlaßt, zwei wichtige Armeekorps aus dem Vormarsch herauszuziehen, um die wankende Ostfront zu stützen.

Auf der anderen Seite hatte General Joseph Jacques Césaire Joffre, der französische Generalstabschef, die Wucht des deutschen Angriffs durch Belgien unterschätzt. Er kann nur für einen geordneten Rückzug und den Zusammenhalt der einzelnen Heereskörper sorgen. Die ständigen Verluste und Rückzugsbewegungen zehren an der Substanz seiner Truppen und belasten die Kampfmoral. Die nachstoßenden Deutschen finden beispielsweise zahlreiche weggeworfene Waffen und Ausrüstungsstücke. Aber noch ist der Zusammenhalt der Truppe gegeben. Auch die inzwischen zugeführte britische Armee mit drei Armeekorps unter Feldmarschall John French hat erhebliche Verluste erlitten und befindet sich in vollem Rückzug. French will erst wieder den Kampf aufnehmen, wenn die Truppe die Erschöpfung überwunden hat. Joffre muß energisch einschreiten, um die Briten von einem Rückzug an Paris vorbei abzuhalten. French willigt ein, seine Verbände in den Raum östlich von Paris zu führen, um den Anschluß an die Franzosen zu wahren.

Am 25. August ergeht von General Joffre die Weisung, eine neue Stoßgruppe bei Paris zu konzentrieren, die aus den Trümmern geschlagener Korps sowie aus Neuaufstellungen gebildet wird. Sie untersteht dem Stadtkommandanten von Paris, General Joseph Simon Gallieni, und wird bald als 6. Armee in den Kampf eingreifen. Sogar in Taxis werden die Soldaten nach vorn gefahren, um das Vorfeld von Paris zu verteidigen. Joffre befiehlt Anfang September den allgemeinen Rückzug bis hinter die Seine, wo endlich harter Widerstand geleistet werden soll.

In der Nacht zum 31. August trägt die deutsche 1. Armee unter General Alexander v. Kluck der Überforderung ihrer Kräfte Rechnung: Diese Armee, die am ärgsten unter den Strapazen des Vormarsches gelitten hat, schwenkt nach Süden ein: sie ist zu schwach, um noch die Hauptstadt westlich zu umfassen und strebt daher nur mehr die Einschließung der Franzosen und Briten östlich von Paris im Zusammenwirken mit der 2. und 3. Armee an. Aber der Siegeswille lebt, man will auf jeden Fall in der Champagne die große Entscheidungsschlacht schlagen! Damit läßt die 1. Armee Paris, wo sich eben die 6. französische Armee formiert, rechts liegen und bietet dem Gegner die offene Flanke.

Ohne von dieser Schwenkung zu wissen, hat aber Moltke einige Stunden zuvor die bisherige Vormarschrichtung bestätigt, also ein schweres Mißverständnis! Die langen Befehlswege machen sich negativ bemerkbar. Kluck schwenkt bereits nach Südosten über die Marne, um endlich den Gegner in der linken Flanke zu packen. Die Oberste Heeresleitung hat keine Reserven mehr, um Paris einzuschließen, wozu mindestens eine zusätzliche starke Armee erforderlich gewesen wäre. Moltke befiehlt daher am 2. September, den Gegner nach Südosten abzudrängen, wobei jedoch die 1. Armee tief gestaffelt den Flankenschutz gegen Paris übernehmen soll. Die dortigen Kräfte werden obendrein als schwach beurteilt. Man will also anstelle der großen Umfassung die "kleine Lösung" in der Richtung Provins-Troyes einleiten. Dies hätte immer noch zur Einkreisung von drei bis vier gegnerischen Armeen unter Einschluß der Truppen in Lothringen geführt. Doch schon machten sich ersorgungsprobleme bemerkbar, und dazu kam die quälende Sommerhitze.

Was Generalstabschef Moltke in seinem Hauptquartier in Luxemburg zunächst nicht wußte, war der Abtransport französischer Kräfte vom Ostflügel in Lothringen und ihre Verschiebung auf den äußersten Westflügel, da nämlich General Joffre eine Umfassung des deutschen Angriffsflügels nördlich von Paris anstrebte. Als Moltke dies erkannte, erließ er am 5. September neue Befehle. Demnach sollten die 1. und 2. Armee ihren Vormarsch einstellen und eine Abwehrfront gegen den Raum Paris errichten, während die 3. Armee einen Durchbruch durch das französische Zentrum in Richtung Troyes wagen sollte, ein durchaus sachgerechter Entschluß, der kein Risiko einging. Hätten sich die Befehlshaber der beiden Flügelarmeen daran gehalten, wäre keine Schwachstelle für den späteren Gegenschlag der Franzosen entstanden. Noch war die Siegeschance der Deutschen da.

Jetzt gestaltet sich die Lage an der Marne höchst dramatisch. Der ehrgeizige General v. Kluck läßt unter Mißachtung dieser Weisung nur schwache Deckungstruppen gegenüber Paris zurück und verfolgt ohne Rücksicht auf die bedrohte Flanke den zurückweichenden Gegner. Als er den gefährlichen Flankenangriff der französischen 6. Armee erkennt, bricht er am 6. September den Vormarsch ab und wirft die Masse seiner Armee in Eilmärschen nach Norden, um selbst den Gegner zu umfassen; an der so entstandenen Lücke in der Breite von 40 Kilometern läßt er nur Kavallerie zur Sicherung zurück. Die Parole heißt: Das Gesetz des Handelns hat Vorrang! Obwohl General Karl v. Bülow, der die 2. Armee führt, schwere Bedenken gegen die Öffnung dieser Lücke äußert, leitet Kluck den Gegenangriff gegen die 6. Armee ein. Diese wird am 9. September von Norden her umfaßt und zurückgedrängt. Gegen die Lücke an der Marne gehen Franzosen und Engländer andrerseits nur sehr zögernd vor. Damit steht der Ausgang der Schlacht auf des Messers Schneide.

In dieser Lage kommt es zur Mission des Oberstleutnant Richard Hentsch von der Obersten Heeresleitung (OHL), die nicht die entscheidende Bedeutung besitzt, die man ihr oft beigemessen hat. Hentsch hatte keinerlei Vollmachten, er sollte sich nur "orientieren" und darüber Moltke berichten. Nur für den Fall, daß sich die 1. Armee nicht behaupten könne, sollte er den Rückzug nach Norden anordnen. Hentsch schätzt die Lage bei der 1. Armee sehr pessimistisch ein, ohne sich vorher informiert zu haben, und gibt diese Einschätzung unbedacht an die 2. Armee weiter. Als Hentsch dann am 9. September mittags endlich das Hauptquartier der 1. Armee besucht, vernimmt er verblüfft, daß sich diese in vollem Angriff befindet, ja daß man vor dem Sieg steht und die Franzosen im Begriff sind, auf Paris zurückzuweichen. Er weiß nicht, daß zu diesem Zeitpunkt auch die 3. Armee erfolgreich angreift und den Durchbruch durch das Zentrum der Franzosen vor Augen hat. Diese Armee hatte durch einen entsetzlichen Bajonett-

angriff den Gegner, den späteren Marschall Ferdinand Foch, überrascht und geworfen. Wieder zeigt sich die große Schwäche im Nachrichtenwesen!

Aber v. Bülow, der über die Lage seines rechten Nachbarn im Ungewissen ist und nichts von dessen Erfolg weiß, bricht am 9. September knapp vor 12 Uhr selbständig den Kampf der 2. Armee ab. Nachdem Hentsch beim Kommando der 1. Armee schwere Bedenken wegen der gefährlichen Lage auf dem rechten Heeresflügel erhoben hat, bricht auch diese Armee - ohne sich vorher mit dem Nachbarn beraten zu haben - ihren Angriff ab. Die Begründung lautet, daß man der "Isolierung" vorbeugen müsse, eine arge Fehleinschätzung! Die Maßnahmen vom 9. September bedeuten die Wende der Entscheidungsschlacht. Dieses "Wunder an der Marne" hatte aber keinen übernatürlichen Ursprung, sondern beruhte auf Fehlentscheidungen der deutschen oberen Führung und der Unschlüssigkeit des Generalstabschefs. Am 11. September gibt Moltke dann den Befehl zum Rückzug des gesamten Umfassungsflügels auf Grund einer falschen Meldung der 2. Armee, ein Fehler, den Moltke später bitter bereut hat. Mit diesem Befehl wurde auch die fast schon vollzogene Einschließung der Festung Verdun aufgegeben. Was folgt, ist der "Wettlauf" zu den Kanalhäfen Flanderns und der Übergang zum Stellungskrieg.

Letztlich war es die psychische Labilität der maßgeblichen Persönlichkeiten in den Stäben der 1. und 2. Armee, die zu einer übertrieben pessimistischen Lagebeurteilung führte; es fehlte an Vertrauen in die Standfestigkeit des jeweiligen Nachbarn. Allerdings wäre es unfair, dem Generalstabschef die Hauptschuld am Scheitern der Offensive und die angebliche "Verwässerung" des Schlieffenplans aufzubürden. Man sollte anerkennen, daß nicht ein einzelner, sondern eine Kette von Führungsfehlern den Ausschlag gab. Auch die spätere Empfehlung, statt die Entscheidungsschlacht zu suchen, besser die Häfen am Kanal zu besetzen, geht am Kern des Problems vorbei: Die Deutschen mußten infolge des Zweifrontenkrieges eine rasche Entscheidung anstreben und diese konnte nur im baldigen Niederringen des französischen Heeres bestehen. Die Truppe hingegen hatte ihr Letztes gegeben und sah sich bereits als Sieger, als der Rückzugsbefehl eintraf. Bei besserer Führung hätten die Deutschen die Schlacht an der Marne und vor Paris im September 1914 nach menschlichem Ermessen für sich entschieden.

 

Die Marneschlacht am 9. September gegen 13 Uhr: Die gepunktete Linie markiert die vorderste Linie am 6. September, die aus Bögen zusammengesetzte Linie die vorderste Linie am 9. September, mittags. Es stehen die Abkürzung HKK 1 für Heereskavalleriekorps 1; II., III., IV., VII., VIII. und IX. für II. III., IV., VII., VIII. und IX. Armeekorps; IV.R. und X.Res. für IV. und X. Reservekorps sowie X.Gd für X. Gardekorps. Karte: Magenheimer

 

Die Lage an der Ostfront

An der Ostfront standen inzwischen die schwachen deutschen Kräfte vor einer gewaltigen Herausforderung. Moltke hatte im Sinne des Schlieffenplans mit nur ganz wenigen Kräften in Ostpreußen auskommen wollen und daher nur neun Divisionen mit mäßiger Kampfkraft dort belassen. Erst nach einem Sieg im Westen wollte er Verstärkungen in den Osten verlegen, um auch gegen Rußland vorzugehen. Mitte August 1914 fielen die 1. und 2. russische Armee in Ostpreußen ein und eroberten zunächst zwei Drittel des Landes. Ein Generalstabsoffizier im Stab der 8. Armee, die Ostpreußen verteidigte, schrieb, daß man es "die größte Frechheit der Weltgeschichte" nennen würde, wenn im nachhinein bekannt werde, mit welch geringen Truppen man die Ostfront halten mußte.

Nach der kühnen Umfassungsschlacht bei Tannenberg, die am 30. August mit der fast völligen Vernichtung der russischen 2. Armee unter General Samsonow geendet hatte, war die Hauptgefahr für Ostpreußen gebannt (vergleiche Folge 8). Die Sieger, Generaloberst Paul v. Hindenburg, und sein Stabschef, Generalmajor Erich v. Ludendorff, gliederten die 8. Armee, die inzwischen auf fünf Korps angewachsen war, um und stellten sie der russischen 1. Armee unter General v. Rennenkampf entgegen, um sie anzugreifen. Die Russen waren zahlenmäßig überlegen und standen weiter nördlich im Raum Wehlau, Bartenstein und Bischofstein. Rennenkampf besaß den Vorteil, die Masurische Seenkette zwischen Angerburg und Johannisburg als Hindernis ausnutzen zu können. Außerdem rechnete er mit der Zuführung von Verstärkungen.

Als die Deutschen am 5. September im Norden angreifen, läßt sich aber Rennenkampf auf keine Schlacht mehr ein und befiehlt den allgemeinen Rückzug. Ein Gegenstoß im Zentrum verhindert die von den Deutschen geplante Umfassung und ermöglicht das Ausweichen eines Großteils der Armee. Immerhin verliert Rennenkampf allein 40.000 Mann an Gefangenen. Die Russen ziehen sich schleunigst über den Njemen zurück. Die 8. Armee drängt nach und erzwingt auch im Süden eine bedeutende Frontverkürzung zwischen Mlada und Plock an der Weichsel. Die so gewonnene Frontlinie sollte zur Ausgangsstellung für den großen Angriff gegen den Frontbogen von Warschau im Juli 1915 werden. Nach den beiden Siegen in Ostpreußen stieg der Nimbus Hindenburgs und Ludendorffs über die Maßen. H. M.


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