© Preußische Allgemeine Zeitung / 09. Oktober 2004


Im Sumpf und Sand der Mafia
Schock in der Mark: Neuruppin jahrelang im Griff einer kriminellen Bande
von Annegret Kühnel

Über seine Geburtsstadt Neuruppin schrieb Theodor Fontane: "Sie gleicht einem auf Auswuchs gemachten großen Staatsrock, in den sich der betreffende, weil er von Natur aus klein ist, nie hineinwachsen kann. Dadurch entsteht eine Öde und Leere, die zuletzt den Eindruck der Langeweile macht." Karl Friedrich Schinkel, der andere berühmte Sohn der Stadt, muß es ähnlich empfunden haben, weshalb seine Sehnsucht nach Italien ging.

Eine Sehnsucht, die bis heute in der Stadt lebendig ist. Die Räuberpistole jedenfalls, die jetzt durch die Presse geistert, scheint eher zum mafiosen Süden Italiens zu passen als zu einem märkischen Provinzflecken. In den letzten Jahren hatte eine straff und hierarchisch organisierte Bande - die sich "die Familie" nannte - die Stadt fest im Griff. Die Ermittlungen der Polizei richten sich inzwischen gegen 100 Personen, gegen Kommunalpolitiker, Polizisten, Unternehmer, Angestellte. Sechs von ihnen sitzen in Untersuchungshaft, gegen zwei weitere sind Haftbefehle beantragt.

Die Ermittler werfen ihnen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Drogenhandel, illegale Prostitution, Steuerhinterziehung, verbotenes Glücksspiel, Bestechung, Geldwäsche und Verstoß gegen das Ausländergesetz vor. Die Prostituierten wurden aus Osteuropa eingeschleust, um in einem Bordell der "Familie" anzuschaffen. Spinne im Netz soll der 36jährige ehemalige Elektroinstallateur Olaf Kamrath gewesen sein.

Der inzwischen inhaftierte Kamrath verkaufte nach 1989 zuerst Pommes, verdiente dann viel Geld mit Glückspielautomaten, wurde Unternehmer, Immobilienhändler und CDU-Politiker. Seine Fraktion nominierte ihn für den Haupt- und Finanzausschuß der Stadtverordnetenversammlung. Wie ein echter Pate gab er sich als Wohltäter, spendete Geld für soziale Projekte, für arme Kinder und für ein Gefängnis, in dem immer mal wieder "Familien"-Mitglieder einsaßen. Die "Familie" bezahlte die Anwälte der Inhaftierten, schickte ihnen Geld und versorgte sie nach ihrer Entlassung mit neuen Arbeitsstellen. Man fuhr Mercedes und BMW, die Autonummern trugen die Initialen OPR-XY, weshalb von der "XY-Mafia" gesprochen wurde. Aus der "wirtschaftlichen Präsenz" folgte "politischer Einfluß", der Kamrath "den Anschein der Unangreifbarkeit" verschaffte, heißt es bei den Ermittlern.

Bürgermeister Otto Theel (PDS), der jetzt in den neuen Landtag wechselt, hat Kamrath nach eigenem Bekunden stets für einen Ehrenmann gehalten. Zwar wären Gerüchte kursiert, aber auf die könne ein Bürgermeister nichts geben. Theel galt über die Stadtgrenzen hinaus als Musterbeispiel des kompetenten, unideologischen PDS-Bürgermeisters. Jetzt werden pikante Details bekannt: Zwei Söhne Theels, die der CDU-Fraktion angehören, unterhielten zu Kamrath gute Kontakte. Sie sollen ihn bei dem Versuch unterstützt haben, einen Stadtverordneten zu bestechen. Einer der Theel-Sprößlinge, der als Nachfolger seines Vaters gehandelt wurde, nahm nicht nur an einer Willkommensparty für ein Bandenmitglied teil, das wegen Kokainschmuggels in österreichischer Haft gesessen hatte, seine Cateringfirma hatte auch das Festbufett ausgerichtet. Inzwischen haben die Behörden eine Nachrichtensperre verhängt.

Das Problem der Organisierten Kriminalität in den Neuen Ländern ist bisher wenig beachtet worden. Mitte des Jahres berichtete die Zeitschrift Superillu - die für Mitteldeutschland soviel bedeutet wie für den Westen der Stern - einen alarmierenden Artikel. Demnach sind in Brandenburg vor allem Menschenhandel und die Verschiebung gestohlener Autos an der Tagesordnung. Berlin ist zwischen der Russen-Mafia und zehn arabischen Großklans aufgeteilt, die jeweils 500 bis 1.000 Mitgliedern haben. 15 Prozent der Klan-Mitglieder kassieren Sozialhilfe. Ein Kriminaldirektor des LKA wurde mit den Worten zitiert: "Die plündern das Volksvermögen aus - und wir sind weitgehend machtlos." An der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern sollen Millionenbeträge der italienischen Mafia in die touristische Infrastruktur geflossen sein. In Neuruppin braucht man derlei Entwicklungshilfe nicht mehr.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren