© Preußische Allgemeine Zeitung / 16. Oktober 2004


Als der rote Terror Deutschland erreichte
Vor 60 Jahren begingen Rotarmisten das Massaker von Nemmersdorf
von Pater Lothar Groppe

Am 21. Oktober jähren sich zum 60. Mal die Greuel in dem nur 637 Seelen zählenden ostpreußischen Dorf, das ähnlich wie Auschwitz, Dresden oder Lamsdorf Symbolcharakter hat, obwohl es sich zahlenmäßig um vergleichsweise nur wenige Opfer handelt. Was dort an diesem Oktobertag geschah, wurde alsbald in ganz Deutschland wie auch über die Grenzen unseres Vaterlandes bekannt. Bis zum Sommer 1944 war Ostpreußen vom Krieg verschont geblieben, wenngleich die Todesanzeigen der Gefallenen daran erinnerten, daß der Tod auch bei ostpreussischen Soldaten reiche Ernte gehalten hatte. Aber im Gegensatz zu West- und Mitteldeutschland gab es bis zu den verheerenden Terrorangriffen auf Königsberg im August keine Bombenangriffe und zahlreiche Ausgebombte aus dem Westen wurden nach Ostpreußen evakuiert. Aber als die gewaltige Sommeroffensive der Sowjets im Sommer 1944 losbrach, schwand das Gefühl der Sicherheit, zumal sich die Rote Armee rasch der Reichsgrenze näherte und auf 140 Kilometer Breite nach Ostpreußen vorstieß. Bereits nach drei Tagen eroberten die Sowjets die Kreise Gumbinnen und Goldap. Zwar konnte die Wehrmacht am 5. November die Bolschewisten wieder über die Grenze zurückwerfen, aber die kurze Zeit der Besatzung hatte das Land in Furcht und Schrecken versetzt. Als die Wehrmacht Goldap und Gumbinnen zurückeroberte, fand sie nur wenige Überlebende vor. Vor allem Nemmersdorf wurde zum Schreckgespenst der Menschen, die nun der Parteipropaganda glaubten, die Alternative zum Sieg sei bolschewistisches Chaos, wie die Plakate verkündeten. Nach dem renommierten amerikanischen Völkerrechtler Alfred de Zayas ist Nemmersdorf eines der am besten belegten Beispiele sowjetischer Greueltaten im Zweiten Weltkrieg. Zwar war Nemmersdorf bei weitem nicht der einzige Ort, in dem die bolschewistische Soldateska Verbrechen beging, dennoch gewann es ähnliche Symbolkraft wie Lamsdorf oder Dresden.

Natürlich stellt sich die Frage, warum es in Nemmersdorf zum Massaker kam. Die verantwortlichen Befehlshaber, so General Friedrich Hoßbach, hatten bereits im August 1944 vorgeschlagen, die östlichen Gebiete Ostpreußens vorbeugend zu evakuieren. Doch Partei und insbesondere der berüchtigte Gauleiter Erich Koch verurteilten diese Vorschläge als Defaitismus und verboten die Evakuierung, bis es zu spät war und die russische Dampfwalze über die östlichen Kreise gerollt war. Nemmersdorf mußte als einer der ersten Orte das Grauen sowjetischer Besatzung erleiden.

Generalmajor Erich Dethleffsen, der Generalstabschef der 4. Armee, erklärte als Zeuge im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß unter Eid: "Als im Oktober 1944 russische Verbände in der Gegend Groß-Waltersdorf die deutsche Front durchbrachen und vorübergehend bis Nemmersdorf vorstießen, wurde in einer größeren Anzahl von Ortschaften südlich Gumbinnen die Zivilbevölkerung - zum Teil unter Martern wie Annageln an Scheunentore - durch russische Soldaten erschossen. Eine große Anzahl von Frauen wurde vorher vergewaltigt. Dabei sind auch etwa 50 französische Kriegsgefangene durch russische Soldaten erschossen worden. Die betreffenden Ortschaften waren 48 Stunden später wieder in deutscher Hand. Die Vernehmung lebendgebliebener Augenzeugen, ärztliche Berichte über die Obduktion der Leichen und Photographien der Leichen haben mir wenige Tage später vorgelegen." In einem persönlichen Gespräch mit Professor de Zayas bestätigte der General seine Zeugenaussage vom 5. Juli 1946.

Oberleutnant d. R. Heinrich Amberger, Chef der 13. Fallschirmjäger- und Panzerkompanie, erklärte ebenfalls unter Eid: "Am Straßenrand und in den Höfen der Häuser lagen massenhaft Leichen von Zivilisten, die augenscheinlich nicht im Lauf von Kampfhandlungen durch verirrte Geschosse getötet, sondern planmäßig ermordet wurden. Unter anderem sah ich zahlreiche Frauen, die man, nach Lage der verschobenen und zerrissenen Kleidungsstücke zu urteilen, vergewaltigt und danach durch Genickschuß getötet hatte; zum Teil lagen daneben auch die ebenfalls getöteten Kinder."

Karl Potrek aus Königsberg, der zum Volkssturm eingezogen und sofort zum Aufräumen in den Raum Gumbinnen-Nemmersdorf geschickt wurde, berichtete, daß neben dem Gasthaus ‚Roter Krug' eine Scheune gestanden habe. An beiden Scheunentoren sei jeweils eine Frau nackt, in gekreuzigter Stellung, durch die Hände angenagelt gewesen. In den Wohnungen hätten sich insgesamt 72 Tote, Frauen, Kinder und ein alter Mann, befunden. Fast ausschließlich seien sie bis auf wenige, die Genickschüsse aufgewiesen hätten, bestialisch ermordet worden. Die Leichen hätten sie auf den Dorffriedhof getragen, wo sie liegengeblieben seien, weil sich eine ausländische Ärztekommission angemeldet hätte, um die Leichen zu untersuchen. Eine Krankenschwester aus Insterburg, die aus Nemmersdorf gestammt habe, habe alle Ermordeten als Nemmersdorfer identifiziert. Erst am fünften Tag nach dem grausigen Geschehen sei die Ärztekommission erschienen. Da die Toten inzwischen bestattet gewesen seien, hätten die Gräber noch einmal geöffnet werden müssen. Die Ärzte hätten festgestellt, daß sämtliche Mädchen von acht bis zwölf Jahren ebenso vergewaltigt worden seien wie eine alte blinde Frau von 84 Jahren. Nach der Untersuchung der Leichen seien die Toten wieder beigesetzt worden.

Ein weiterer Zeuge, Hauptmann Emil Herminghaus, gab an: "Es war trotz aller in den Jahren erlebten Kampfeindrücke das Scheußlichste, was es überhaupt gab. Seitens der Armee wurde sofort um Entsendung der damals noch neutralen Presse gebeten. Es waren Reporter aus der Schweiz und Schweden, auch Spanier und Franzosen aus dem besetzten Frankreich seien dorthin gebracht worden, die das schreckliche Geschehen auch in Augenschein nahmen. Selbstverständlich sind auch auf Photos die Eindrücke festgehalten."

Der Bericht der Ärztekommission wie auch die gesamten Berichte der 4. Armee sind verlorengegangen und wahrscheinlich in die Hände der Sowjets gelangt.

Nach der Wiederbesetzung von Nemmersdorf durch die Wehrmacht beauftragte das Oberkommando des Heeres den Major i. G. Hans Hinrichs, an Ort und Stelle die gemeldeten Greuel der Sowjets zu überprüfen. In seinem Bericht vom 26. Oktober behandelte er nicht nur den Fall Nemmersdorf, sondern auch die Greueltaten in der Umgebung. In seiner Zusammenfassung schrieb er: "Die hier eingedrungenen Feindverbände der 11. sowjetischen Garde-Armee sind mit Masse zentralrussischer Abstammung. Bei Gefechtsstand 5. Panzerdivision vernommene Kriegsgefangene gaben die Schuld an diesen Greueltaten den eingefleischten Bolschewisten unter ihnen, die der Forderung des Stalin-Befehls, ‚das Tier in seiner Höhle zu vernichten', in bestialischer Weise nachkommen."

Der Vertreter des Auswärtigen Amtes bei der Heeresgruppe Mitte meldete am 13. November 1944: "Aus Gefangenenaussagen konnte bisher kein einheitliches Bild darüber gewonnen werden, ob die Ausschreitungen der Roten Armee gegen die deutsche Bevölkerung Einzelfälle darstellen oder auf einheitlichen Befehl zurückzuführen sind. Jetzt liegen nunmehr zwei unabhängige Aussagen eines polnischen und eines russischen Gefangenen vor, die übereinstimmend bestätigen, daß den Truppen ein Befehl Stalins bekanntgegeben wurde, wonach sich die Russen beziehungsweise die Polen für die auf russischem beziehungsweise polnischem Boden begangenen Schandtaten an der deutschen Bevölkerung rächen sollten."

Am 4. April 1945 überreichte der Wehrmachtführungsstab dem Auswärtigen Amt eine Zusammenfassung über das sowjetische Verhalten in den besetzten deutschen Gebieten. Danach hätten sowjetische Kriegsgefangene ausgesagt, "daß sie von ihren politischen Offizieren darüber unterrichtet worden seien, daß sie auf deutschem Gebiet tun und lassen könnten, was sie wollten. Dies gelte insbesondere für die Behandlung von Frauen und Mädchen, die ohne weiteres vergewaltigt werden könnten."

Die Donau-Bodensee-Zeitung vom 27. Oktober berichtete unter der knalligen Überschrift "Sowjetische Bestien wüteten in Ostpreußen" über Verbrechen in Nemmersdorf. Dort "fanden unsere Truppen bei der Wiedereinnahme in dem ausgeplünderten und zerstörten Ort die Leichen durchweg ausgeraubt und durch Nahschüsse getötet. Sofort entsandte ärztliche Kommissionen haben an Ort und Stelle die grausigen Leichenfunde untersucht und bilddokumentarisch festgehalten." Der Hinweis, daß die Opfer durch Nahschüsse mit Pistolen getötet wurden, weist die Täter als Offiziere beziehungsweise Kommissare aus, denn nur sie trugen kleinkalibrige Pistolen.

Manche Ausschreitungen sowjetischer Soldaten waren Ausdruck der Rache für das, was SS und Einsatzgruppen in der Sowjetunion begangen hatten. Andererseits war es vor allem Ilja Ehrenburg, der die Rote Armee systematisch aufhetzte: "Die Deutschen sind keine Menschen. Von jetzt ab ist das Wort ‚Deutscher' für uns der allerschlimmste Fluch. Von jetzt ab bringt das Wort ‚Deutscher' ein Gewehr zur Entladung. Wir werden nicht sprechen. Wir werden uns nicht aufregen. Wir werden töten. Wenn du nicht im Laufe eines Tages wenigstens einen Deutschen getötet hast, so ist es für dich ein verlorener Tag gewesen. Wenn du glaubst, daß statt deiner der Deutsche von deinem Nachbar getötet wird, so hast du die Gefahr nicht erkannt. Wenn du den Deutschen nicht tötest, so tötet der Deutsche dich. Er wird die Deinigen wegnehmen und sie in seinem verfluchten Deutschland foltern. Wenn du den Deutschen nicht mit einer Kugel töten kannst, so töte ihn mit dem Seitengewehr. Wenn in deinem Abschnitt Ruhe herrscht und kein Kampf stattfindet, so wird der Deutsche den russischen Mann aufhängen und die russische Frau schänden. Wenn du einen Deutschen getötet hast, so töte einen zweiten - für uns gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen. Zähle nicht die Tage. Zähle nicht die Kilometer. Zähle nur eines: Die von dir getöteten Deutschen! Töte den Deutschen! - dieses bittet dich deine greise Mutter. Töte den Deutschen! - dieses bitten dich deine Kinder. Töte den Deutschen! - so ruft die Heimaterde. Versäume nichts! Versieh dich nicht! Töte!"

Es kann bei der Erinnerung an die Greuel von Nemmersdorf nicht darum gehen, alte Wunden aufzureißen. Aber es trägt nicht zur Versöhnung bei, wenn von Politikern und Medienleuten fast ausschließlich an deutsche Schuld erinnert wird. Sonst besteht die Gefahr, daß eben aufgerechnet wird. Aber Verbrechen, von welcher Seite sie auch begangen wurden, rechtfertigen nicht andere Verbrechen, zumal sie allzu oft Unschuldige treffen. Mit dem Psalmisten sollten wir bekennen: Keiner ist ohne Sünde, auch nicht einer. Wenn wir der Opfer des Krieges gedenken, sollten wir den gemeinsamen Vater im Himmel bitten, er möge das vergossene Blut zur Versöhnung über den Gräbern werden lassen.

Papst Johannes XXIII. begann sein letztes Rundschreiben, dem er den Titel gab, "Frieden auf Erden", mit den Worten: "Der Friede auf Erden, nach dem die Völker aller Zeiten sehnlichst verlangen, kann nicht gesichert werden, wenn nicht die von Gott gesetzte Ordnung gewissenhaft beobachtet wird."

Aufgereihte Opfer: Nach dem Massenmord der Roten Armee Foto: Archiv

 

Die Stimme eines Neutralen

Der Krieg in Ostpreußen, der sich im Dreieck Gumbinnen-Goldap-Ebenrode abspielt, steht im Augenblick im Vordergrund des Geschehens, seit Goldap von den Deutschen wieder eingenommen worden ist. Die Lage wird nicht nur durch die erbitterten Kämpfe der regulären Truppen, durch das Übermaß an eingesetztem Material auf beiden Seiten und dadurch gekennzeichnet, daß die neugeschaffene deutsche Miliz [gemeint ist offenbar der Volkssturm] mit eingesetzt wird, sondern leider auch durch allzu bekannte Methoden der Kriegsführung: Verstümmelung und Hinrichtung von Gefangenen und die fast vollständige Ausrottung der deutschen Bevölkerung, soweit sie in ihrem Gebiet geblieben war, am Spätnachmittag des 20. Oktober ... Die Zivilbevölkerung ist sozusagen aus dem umkämpften Gebiet verschwunden, denn die meisten Landbewohner sind mit ihren Familien geflohen. Mit Ausnahme einer jungen deutschen Frau und eines polnischen Arbeiters ist alles von der Roten Armee vernichtet worden. 30 Männer, 20 Frauen, 15 Kinder sind in Nemmersdorf den Russen in die Hände gefallen und umgebracht worden. In Brauersdorf habe ich selbst zwei Landarbeiter französischer Herkunft gesehen, ehemalige Kriegsgefangene, die ebenfalls massakriert worden waren. Einer konnte identifiziert werden. Nicht weit davon 30 deutsche Gefangene, die das selbe Schicksal erlitten hatten. Ich verschone sie mit der Schilderung der Verstümmelung und dem entsetzlichen Anblick der Leichen auf offenem Feld. Es sind Eindrücke, die auch die lebhafteste Phantasie übersteigen."

Aus dem Schweizer Courier vom 7. November 1944


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