© Preußische Allgemeine Zeitung / 16. April 2005

Königsberger Dom soll Kleinod zurückerhalten
Die geschnitzten Regale der legendären Wallenrodtschen Bibliothek werden rekonstruiert
von Manuela Rosenthal-Kappi

Im Königsberger Dom werden zur Zeit die geschnitzten Regale der Wallenrodtschen Bibliothek rekonstruiert, nachdem sich Dombaudirektor Igor Odinzow mit der Geschichte der berühmten Büchersammlung beschäftigt hat.

Der preußische Kanzler Martin von Wallenrodt hatte im Jahre 1623 mit der Büchersammlung für eine eigene Bibliothek begonnen. Nachdem 3.000 Bände und Urkunden einem Brand zum Opfer gefallen waren, ließ der Bücherfreund sich nicht entmutigen und begann erneut mit der Sammlung für seine Bibliothek.

Sein Sohn Johann Ernst von Wallenrodt wollte das kleine Museum vor den Wechselfällen des Schicksals schützen und brachte 1650 die Bibliothek im Königsberger Dom unter. Die Kollektion wuchs, so daß die Bibliothek im Jahr 1688 einen weiteren Raum im Nordturm erhielt.

Graf Wallenrodt untersagte seinen Erben testamentarisch, die Bibliothek unter sich aufzuteilen. Statt dessen erlegte er ihnen auf, das Geld für ihre künftige Unterhaltung aufzubringen. Damals war es verboten, Bücher aus der Bibliothek auszuleihen, "Freunden der Wissenschaft" jedoch war die Sammlung jeden Dienstag- und Freitagnachmittag zugänglich. Für die bibliothekarischen Arbeiten wurde nur hochqualifiziertes Personal eingestellt, wobei der Dienst in der Wallenrodt-Bibliothek als große Ehre galt, für dessen Verrichtung nur Professoren der Albertina per Auswahlverfahren eingestellt wurden. Die Kandidaten benannte die Familie Wallenrodt selbst.

Im 18. Jahrhundert umfaßte die Bibliothek über 90.000 Bände, darunter 200 seltene Handschriften. Von besonderem Wert waren genealogische Niederschriften und Wappenbücher, die das Zeugnis der ältesten Geschlechter Preußens bewahrten.

1828 wurde die Bibliothek erstmals aufgeteilt, einige der wertvollsten Bücher und ein Teil der numismatischen Kollektion wurden nach Berlin verbracht. 1909 ging ein Großteil der Bücher in den Bestand der Universitätsbibliothek der Albertina über. 3.000 Bücher blieben im Dom.

Nicht nur die Bücher, sondern die gesamte Ausstattung der Bibliothek war von Wert. 1841 schmückte das große Fenster im ersten Stock eine Vitrine mit dem Wappen der Familie Wallenrodt. Die Reproduktion des Buntglasfensters kann man heute schon besichtigen. In Anlehnung an die Bibliothek des Louvres, in der die Leuchter in Form von Zypressen gestaltet sind, ließen die Wallenrodts hölzerne Palmwedel als Buchstützen anfertigen. Die Herstellung dieser Kunstwerke dauerte fünf Jahre. Diese sollen nun nach Zeichnungen und Fotographien nachgebildet werden, den Auftrag für die Reproduktion der Regale hat die russische Möbelfirma Max Ibrahimow erhalten. Die Arbeit wird einige Zeit und beträchtliche Summen kosten, weil laut Odinzow hierfür verschiedene Holzarten vonnöten sind wie Linde, Mahagoni, Kiefer und Zeder. Odinzow legt Wert auf Qualitätsarbeit, denn sein ehrgeiziges Ziel ist es, zum Jubiläum im Sommer den Besuchern der Stadt zeigen zu können, wie die Bibliothek einmal ausgesehen hat.

Die Bücher selbst zurückzuführen wird wohl nicht gelingen. Hierüber laufen Verhandlungen, die langfristiger sind. Unmittelbar nach dem Krieg wurde 1945 ein Teil der Bücher nach Moskau verschleppt, ein Teil ist in Polen und Litauen wieder aufgetaucht. Im März 1995 hat der damalige Chef des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation, Medwedjew, zehn Bücher der Wallenrodt-Bibliothek zusammen mit weiteren Büchern der Albertina zurückgegeben, deren Direktor zu dieser Zeit sein Bruder war. Diese Bücher befinden sich heute im Museum der Universität.

Neben der Wallenrodtschen Bibliothek gab es noch eine Schloßbücherei, die 1529 auf Befehl Herzog Albrechts eingerichtet worden war, sowie die staatliche Universitätsbibliothek, die 1875 im alten Universitätsgebäude auf dem Kneiphof untergebracht war.

Zum Jubiläum soll mit der Bibliothek Kants im Gedächtnissaal des Doms ein neues Kapitel in der Geschichte der Bibliotheken der Stadt geschrieben werden, wenn es nach den Wünschen Odinzows geht. Hier befinden sich Bücher, die dem Philosophen gewidmet sind, in den verschiedensten Sprachen, sogar in chinesisch und japanisch. Den Saal werden dann Statuen Buddhas, Konfuzius', Aristoteles' und Kants schmücken.

 Wallenrodtsche Bibliothek: Wenn auch die Bücher zumindest mittelfristig weiter verstreut bleiben, so werden doch wenigstens die Regale jetzt rekonstruiert. Foto: Archiv


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