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16.04.05 / Befreiung, Niederlage oder was? / Das deutsch-polnische Verhältnis (Teil VIII) 

© Preußische Allgemeine Zeitung / 16. April 2005

Befreiung, Niederlage oder was?
Das deutsch-polnische Verhältnis (Teil VIII) 
von Gerd Schultze-Rhonhof

Der nach Rußland, Litauen und der Tschechoslowakei vierte Staat, mit dem Polen keinen Frieden findet, ist das Deutsche Reich im Westen. Beide Staaten haben aus subjektiver Sicht weitgehende Forderungen in Bezug auf Territorien und Menschen an den jeweils anderen. Deutschland muß 1920 nach dem Vertrage von Versailles die Landesteile Westpreußen, Posen und Ost-Oberschlesien mit zwei Millionen deutschen Staatsbürgern an das neue Polen abgeben. Die polnische Delegation auf der Versailler Konferenz fordert außerdem die Angliederung ganz Oberschlesiens, Ostpommerns, ganz Westpreußens einschließlich der rein deutschsprachigen Kreise, das Ermland und Masuren sowie das Memelland. Damit verlangt Polen mehr, als es seit 1772 in den drei Teilungen verloren hat.

Die deutsche Öffentlichkeit empfindet die erzwungenen Gebietsabtretungen je nach Landesteil als unterschiedlich hart. Die verlorenen Territorien werden - je nach Geschichte und je nach Sprachzugehörigkeit der Mehrheit der Bewohner - teils durchaus als polnisch, teils als deutsch und teils als urdeutsch angesehen.

Die Provinz Posen ist bis 1793 polnisch. Nur 35 Prozent der Bevölkerung sind Deutsche. Im Deutschen Reich wird die Angliederung der Provinz Posen an das neue Polen deshalb auch bald akzeptiert.

In der Provinz Westpreußen liegen die Verhältnisse nicht so einfach. Das Land, das die Polen Pommerellen nennen, hat in seiner Geschichte von Anfang an oft zwischen polnischer und deutscher Herrschaft hin- und hergewechselt. 1918 sind je nach Statistik 73 bis 65 Prozent der Bevölkerung deutscher und weitere sechs Prozent kaschubischer Muttersprache. So sind in Westpreußen-Pommerellen bei Kriegsende 1918 nur ein Viertel der Bewohner Polen. Die Forderung der Deutschen nach einer Volksabstimmung in der Provinz wird von den Siegermächten abgelehnt.

1938 und 1939 spitzt sich der Streit zwischen dem Deutschen Reich und Polen um den Nordteil der Provinz zu. 1938 fordert Deutschland zunächst nur gesicherte, exterritoriale Verkehrswege durch den Nordteil Pommerellens, durch den sogenannten polnischen Korridor. Als Polen das nicht zugesteht, fordert Deutschland eine Volksabstimmung im umstrittenen Gebiet. Bemerkenswert ist dabei, daß Deutschland von Polen bis zum Kriegsausbruch kein einziges Mal verlangt, ganz Westpreußen zurückzugeben.

Ein Teil der früheren Provinz Westpreußen ist die Stadt Danzig als Hauptstadt der Provinz. Die alte deutsche Hansestadt wird 1920 nach dem Beschluß der Siegermächte ohne Volksabstimmung vom Deutschen Reich getrennt und "unter den Schutz des Völkerbunds gestellt". 97 Prozent der Bevölkerung sind Deutsche, drei Prozent sind Ausländer, davon die meisten Polen.

Die Bürger Danzigs verlangen in den Jahren zwischen beiden Kriegen mehrmals eine Volksabstimmung über ihre Zugehörigkeit zu Deutschland. Der Völkerbund lehnt dieses Begehren ab, das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" auf Danzig anzuwenden.

Artikel 102 des Versailler Vertrags trennt die Hansestadt von Deutschland ab, ohne es jedoch dem neuen Polen anzugliedern. Doch in den 19 Jahren bis 1939 versucht der Staat Polen, sich Danzig in einer Folge kleiner Schritte einzuverleiben. In mancher Hinsicht ist das Schicksal Danzigs in der polnischen Umklammerung nach dem Ersten Weltkrieg dem Schicksal Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg ähnlich.

Der vierte Gebietsverlust an Polen liegt in Ost-Oberschlesien. Polen fordert beim "Höchsten Alliierten Rat" der Sieger ganz Oberschlesien. Im Juni 1919 gesteht der "Höchste Alliierte Rat" den Deutschen gegen Frankreichs Stimme eine Volksabstimmung zu. Der polnische Bevölkerungsanteil in Oberschlesien versucht, die Abstimmung mit vier Volksaufständen zu verhindern, und die polnische Regierung läßt elf Divisionen an der Schlesien-Grenze aufmarschieren. Die Volksabstimmung findet statt, und Dank des seit 40 Jahren zugewanderten Anteils polnischer Gastarbeiter erreichen die Polen in Ost-Oberschlesien eine 60-Prozent-Mehrheit. Der polnische Historiker Halecki schreibt dazu: "Auf diese Weise gewann Polen auch einen beträchtlichen Teil der reichen industriellen Landstriche ... Die neue polnische Provinz Schlesien war der einzige, verhältnismäßig kleine Teil der wiederhergestellten Republik, der die Grenzen der Zeit vor den (polnischen) Teilungen überschritt."

Seit dem Abschluß des deutsch-polnischen Abkommens von 1934 gestalten sich die Beziehungen zwischen Berlin und Warschau im großen und ganzen positiv. Selbst bei den polnisch-deutschen Differenzen um die Einhaltung der Menschenrechte für die Minderheiten und um die strittigen Gebiete sieht es zeitweise so aus, als seien Lösungen nicht ausgeschlossen. Nach Hitlers Zugeständnis um Teschen und um die "deutsche" Stadt Oderberg hofft man in Deutschland auf ein entsprechendes Zugeständnis der Polen in der Danzig-Frage.

Was nun folgt, ist eine Serie vergeblicher Versuche von deutscher Seite, das Danzig-, das Korridor- und das Minderheiten-Problem auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Kern der deutschen Kompromißvorschläge ist das Angebot, die polnischen Gebietserwerbungen an ehemals deutschem Land aus den Jahren 1918 bis 1921 als endgültig anzuerkennen. Um diese Anerkennung hatte der polnische Regierungschef, Marschall Pilsudski, von 1920 bis zu seinem Tode 1935 mehrfach vergeblich nachgefragt. Die 20 Reichsregierungen vor Hitler hatten diesen Wunsch der Polen nicht erfüllen wollen. Hitler bietet die erbetene Garantie nun gegen zwei "Tauschobjekte": die Angliederung der Hansestadt Danzig, die völkerrechtlich ohnehin nicht polnisch ist, zurück ans Reich und exterritoriale Zugangswege in das abgetrennte Ostpreußen.

Die deutsche Reichsregierung nimmt sechsmal vergeblich Anlauf zu Verhandlungen. Die Serie der Gespräche beginnt am 24. Oktober 1938 und setzt sich mit immer neuen Versuchen am 19. November, am 5. Januar 1939, am 25. und 26. Januar, am 21. März und am 28. April fort, bis am 30. August 1939 die letzte Offerte an Polen geht. Am 24. Oktober 1938, drei Wochen nachdem die Polen Teschen und Oderberg erhalten haben, schlägt Außenminister von Ribbentrop seinem polnischen Kollegen ein Acht-Punkte-Programm zur Lösung der deutsch-polnischen Differenzen vor. Die sechs ersten davon lauten: (1) Der Freistaat Danzig kehrt zum Deutschen Reich zurück. (2) Durch den Korridor wird eine exterritoriale, Deutschland gehörende Reichsautobahn und eine ebenso exterritoriale mehrgleisige Eisenbahn gebaut. (3) Polen behält im Danziger Gebiet ebenfalls eine exterritoriale Straße oder Autobahn und Eisenbahn und einen Freihafen. (4) Polen erhält eine Absatzgarantie für seine Waren im Danziger Gebiet. (5) Die beiden Nationen anerkennen ihre gemeinsamen Grenzen (Garantie) oder die beiderseitigen Territorien. (6) Der deutsch-polnische Vertrag wird von zehn auf 25 Jahre verlängert.

Am 5. Januar 1939 besucht Polens Außenminister Beck Hitler in seiner Alpenresidenz, auf dem Obersalzberg. Hitler spekuliert bei diesem Treffen noch immer auf eine gewisse Dankbarkeit für Oderberg und Teschen. Er unterbreitet ein zweites Mal den Vorschlag vom Oktober und bietet erneut die Anerkennung der verlorenen Gebiete als polnischen Bestand. Er verlangt dafür Danzig und exterritoriale Transitwege. Seinen Danzig-Vorschlag bringt Hitler auf die Formel: "Danzig kommt politisch zur deutschen Gemeinschaft und bleibt wirtschaftlich bei Polen." Selbst der Korridor soll dabei polnisch bleiben.

Am 26. Januar 1939 fordert der französische Ministerpräsident Daladier bei einer Debatte zur französischen Außenpolitik in der Pariser Nationalversammlung, den deutschen Forderungen in Bezug auf Polen "ein kategorisches Nein entgegenzusetzen". Zu dieser Zeit fordert Deutschland noch immer nicht mehr als den Anschluß des Völkerbundmandatsgebiets Danzig an das Mutterland, exterritoriale Verkehrsverbindungen durch den "polnischen Korridor" und eine Garantie für die Einhaltung der Menschenrechte für die in Polen verfolgten "Volksdeutschen". Frankreich lehnt diese Forderungen ab. Zu diesem Zeitpunkt kann es sich noch nicht um eine berechtigte Reaktion Frankreichs auf die widerrechtliche deutsche Besetzung der Tschechei gehandelt haben, denn die erfolgt erst später. Es geht den Franzosen erkennbar darum, die Reste von Versailles zu erhalten und eine endgültige Aussöhnung der Deutschen und der Polen zu verhindern.

Fortsetzung folgt


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