© Preußische Allgemeine Zeitung / 23. April 2005

"25 Studenten und ein Bierfaß"
Das Korporationsleben an Ostpreußens einziger Universität, der Albertina 
von Kurt Ulrich Bertrams

Studentenverbindungen in Ostpreußen - das bedeutet immer Verbindungen an der Albertina, denn andere Universitäten gab es in dieser preußischen Provinz keine. Wohl gab es katholische Korporationen an dem Lyceum Hosianum und in Tilsit soll eine Pennalie Baltia existiert haben, aber von einem eigentlichen Verbindungsleben kann nur in Königsberg gesprochen werden.

Die Albertus-Universität, 1544 von Preußens erstem weltlichen Herzog, Albrecht von Brandenburg-Ansbach (1490-1568), im Geiste des Humanismus gegründet, war Bildungsstätte und Ausstrahlungszentrum der evangelischen Lehre zugleich. Herzog Albrecht öffnete die Universität nicht nur für Preußen, sondern ausdrücklich auch für die "benachbarten Völker".

Die Vorläufer der heutigen Verbindungen entstanden im 17. Jahrhundert, um den um sich greifenden Pennalismus, sprich die Gewaltherrschaft älterer Studierender über jüngere, - mit der Folge von Raufereien, Zechgelagen, Ruhestörungen - einzudämmen. Der Senat der Universität richtete landsmannschaftlich geprägte Nationes ein: Pommern, Schlesier, Preußen und Westfalen, denen sich jeder Student nach der Immatrikulation anzuschließen hatte. Nur dem preußischen Adel und den Stadtkindern wurde die Mitgliedschaft freigestellt.

Wie im Reichsgebiet kam die erste Zäsur mit den napoleonischen Kriegen. Seinen Ausdruck fand sie in der Gründung einer allgemeinen Burschenschaft nach dem Beispiel der Jenaischen Urburschenschaft, in welcher die alten Landsmannschaften aufgingen. Bereits 1818 sind zwei Königsberger Delegierte auf dem Allgemeinen Burschentag in Jena nachgewiesen. Ihr vorläufiges Ende fand die allgemeine Burschenschaft schon mit den Karlsbader Beschlüssen 1819. Der Begriff Burschenschaft erhielt sich für die Gesamtstudentenschaft, die "Allgemeinheit". Diese gab sich 1824 einen allgemeinen Comment, der die alten Studentensitten festschrieb und viel burschenschaftliches Gedankengut bewahrte. In den Folgejahren bildeten sich verschiedene Kränzchen, die sich schon bald als Landsmannschaften konstituierten, sofern sie nicht schon landsmannschaftlich orientiert waren. So entstanden 1820 die Landsmannschaften Lithuania, Pommerania und Masovia. 1824 wandelte sich das Adels-Kränzchen Pappenhemia in ein Corps. 1829 wurden die Landsmannschaft Borussia sowie die Corps Scotia und Teutonia gestiftet. Ab 1835 nannten sie sich alle "Corps", trugen Farben und bildeten einen Seniorenconvent zur Beratung gemeinsamer Angelegenheiten. Infolge dieser Veränderungen nahm die restliche Burschenschaft die Farben Schwarz-Weiß-Rot an. Es folgten Jahre des Aufschwungs. 1833 zählte allein das Corps Masovia 122 Mitglieder. Von der zweiten Demagogenverfolgung 1833 war nur die "Allgemeinheit" betroffen und mußte sich offiziell auflösen, lebte aber in Kränzchen weiter. Aus diesen heraus bildeten sich neue Korporationen: Corps Normannia (1833), Corps Baltia (1834) sowie 1838 die Corps Barbaria, Gothia, Hochhemia, Nibelungia und die burschenschaftlich orientierte "Allgemeinheit Albertina". Anfang der 40er Jahre war diese Entwicklung abgeschlossen. Die Corps hatten das enge landsmannschaftliche Prinzip aufgegeben, die burschenschaftlichen Kränzchen sind zu festen Verbindungen geworden. Formen und Institutionen wie Chargierte und Convent setzten sich allgemein durch. Auch das äußere Erscheinungsbild der Korporierten hatte sich zu dem heute üblichen entwickelt.

Die Königsberger Studenten galten von jeher als besonders klingenfreudig. Klagen über das Tragen von "großen Plempen und Soldaten-Degen" sind seit dem 17. Jahrhundert überliefert. Auch Todesfälle bei Raufhändeln kamen vor. Erst im 19. Jahrhundert wurde das Duellwesen kanalisiert. Ein Universitätsfechtlehrer wurde bestallt, die Paukbrille setzte sich als Schutzmittel allgemein durch, und 1865 führten die Corps die Bestimmungsmensur statt der bisherigen Contrahagen nach realer oder behaupteter Beleidigung ("Dummer Junge") ein. Ab 1872/73 akzeptierten alle Waffenverbindungen den "Allgemeinen Paukcomment". Gefochten wurde auf Hieb mit dem Glockenschläger, der einen schnellen und eleganten Fechtstil ermöglicht.

Zu einer dritten Gründungswelle kam es nach der Reichsgründung. Bis zur Jahrhundertwende wurden 20 neue Korporationen gestiftet, darunter zahlreiche fakultätsbezogene, nichtfarbentragende Vereine.

Wie im Kaiserreich üblich, wurde auch in Königsberg großer Wert auf ein repräsentatives, "couleurfähiges" und "commentgerechtes" Auftreten gelegt. Man gab sich "preußisch", ein wenig zackig, kühl und distanziert. Korrekte Kleidung war unerläßlich. Was couleurfähig war, bestimmte der Convent. Rauchen auf der Straße gehörte nicht dazu.

Politisch standen die Korporationen, sieht man einmal von der zionistisch orientierten, gleichwohl aber loyalen Maccabaea ab, treu zu Kaiser und Reich. Das Verhältnis zu den jüdischen Kommilitonen war friedlich und korrekt. Sämtliche Korporationen, auch die Burschenschaften, nahmen getaufte Juden auf.

Das 350. Jubiläum brachte der Universität ein Institut, das unter allen deutschen Hochschulen einzigartig war: die Palaestra Albertina. Der in New York zu Geld und Ansehen gekommene Dr. Friedrich Lange, Mitglied der Burschenschaft Gothia, stiftete Geld und Grundstück zur Errichtung eines imposanten Gebäudes zum Zwecke "körperlicher Veredelung" der Studenten. Es enthielt Fechtsäle, eine Turnhalle, Hallenbad, Billardzimmer, Kegelbahn sowie eine Mensa. Sportanlagen und Tennisplätze kamen hinzu. Die Palaestra wurde im August 1944 Opfer des britischen Bombenangriffs.

Als Ostpreußen mit dem Ersten Weltkrieg Kriegsgebiet wurde, eilten Professoren, Studenten und Bürger in Stadt und Land zu den Waffen. Die Aktivitates der Verbindungen vertagten oder führten den Betrieb in stark reduziertem Umfang weiter. Später, als immer mehr Studenten infolge Verwundungen felddienstunfähig geworden waren und zum Studium zurückkehrten, konnten einige Bünde die Suspension aufheben und erneut Nachwuchs "keilen". So erhielt etwa die Burschenschaft Germania in der Kriegszeit über 20 neue Füchse. Andere Verbindungen traf es härter. So kehrte kein Aktiver der Turnerschaft Franconia lebend aus dem Felde zurück.

Mit dem Waffenstillstand und dem Sturz der Monarchie war für die Königsberger Studenten der Krieg noch nicht zu Ende. Der Kampf ging weiter zum Grenzschutz gegen Polen und Litauen sowie im Innern gegen die Bedrohung durch revolutionäre Arbeiter- und Soldatenräte. Einzelne Verbindungen rückten geschlossen zum Grenzschutz ab; mancher Student trug den feldgrauen Rock bis in das Jahr 1920 hinein.

Auch am Abstimmungskampf 1920 beteiligten sich maßgeblich die Burschenschaften in den zur Disposition gestellten Regierungsbezirken.

Erst ab dem Sommersemester 1920 hatten sich die Verhältnisse wieder soweit normalisiert, daß das Verbindungsleben in vollem Umfang wieder aufgenommen werden konnte. Doch die Bedingungen waren andere als vor dem Krieg. Armut, Arbeitslosigkeit und Inflation bestimmten das Leben Königsbergs und seiner Studenten. Hinzu kam die Bedrohung der durch den "Korridor" abgetrennten Provinz durch die neu entstandenen Nachbarstaaten. Wie real diese Bedrohung war, erkennt man daran, daß das kleine Litauen am 10. Januar 1923 das Memelland besetzen und später annektieren konnte. Von Polen wurde ähnliches erwartet.

Die Korporationen versuchten durch Wehrsport, vormilitärische Übungen und getarnte Lehrgänge bei einem der beiden Infanterieregimentern, ihren Beitrag zur Landesverteidigung zu leisten.

Ab 1925 wurden weitere 13 Korporationen an der Albertina gegründet, darunter bündische, wie beispielsweise die abstinente Skuld ("die Veranstaltungen sind rausch- und rauchgiftfrei").

Eine bekannte Studententradition der Albertina waren die "Couleurboote" auf dem Schloßteich. Diese trugen die Farben der Verbindungen, "25 Studenten und ein Bierfaß". In der Nacht zum 1. Mai war das "Maisingen" guter Brauch. In den mit Lampions geschmückten Kähnen sangen die Studenten mit ihren Damen zu der Begleitung einer Ziehharmonika oder einer Laute, daß es weit über das Wasser schallte.

In den letzten Jahren der Republik wurde das Verhältnis zwischen ihr und den Königsberger Korporationen, die der "Reaktion" zugerechnet wurden, keineswegs besser. Viele Korporierte traten den nationalen Kampfverbänden, darunter der SA und dem Stahlhelm, bei. 1930 wurde der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) bei den Studentenschaftswahlen zweitstärkste Fraktion, ein Jahr später die stärkste. Die 1933 beginnende mehr oder weniger freiwillige Auflösung der Korporationen vollzog sich in Königsberg nicht viel anders als im übrigen Reich. Trotz Auflösung gab es auch während des Zweiten Weltkrieges korporative Ansätze. So gründeten Medizinstudenten einer Luftwaffenkompanie die nach der griechischen Sagenfigur Dädalus benannte freie Verbindung Daidalia - das blausilberblaue Band wurde unter dem Waffenrock getragen -, die später der Burschenschaft Gothia beitrat.

Wenige Wochen nach dem Jubiläum 400 Jahre Albertina im Sommer 1944 gingen das Stadtbild Königsbergs, die Albertina und die Verbindungshäuser im Bombenhagel der Anglo-Amerikaner und in den späteren Bodenkämpfen für immer unter.

Viele Königsberger Korporationen konstituierten sich in der jungen Bundesrepublik in Kiel, Hamburg, Göttingen und andernorts neu oder fusionierten mit westdeutschen Verbindungen. Sie alle pflegen noch heute mehr oder weniger Königsberger Studententraditionen, darunter das Tragen der Albertennadel an der Mütze.

Weitere Informationen aus erster Hand zu der Thematik bietet Adolf Wischnaths beim R.G. Fischer Verlag in Frankfurt am Main 2001 erschienenes, 152 Seiten starkes Buch "Gaudeamus igitur - Als ,reichsdeutscher' Student 1931/32 in Königsberg", das für 10,12 Euro über den PMD bezogen werden kann.

Anno dazumal: Studentenleben in Königsberg, hier im Börsengarten am Schloßteich. Foto: Archiv


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