© Preußische Allgemeine Zeitung / 14.Mai 2005

Die andere Demokratie
Auf Kuba geht es sehr persönlich zu

Rudolfo Rivera, 40jähriger Arzt in Havannas Altstadt, ist ein Macher. Er spricht und bewegt sich schneller als andere Zeitgenossen, er ist ein energischer Idealist und scheint dauernd unter Strom zu stehen. Wo Verantwortung winkt, da ist mit ihm zu rechnen. Vor zweieinhalb Jahren haben ihn die Leute seines Stadtviertels zum Kandidaten für einen Sitz im Gemeinderat gemacht, und wieder Erwarten ist er durchgefallen. Aber die Nachbarn wollten ihn im Rathaus sehen und haben ihn erneut vorgeschlagen. Rodolfo ließ sich nicht lumpen und kandidierte.

Das kubanische Wahlsystem hat seine Eigenheiten, und wer es nicht kennt, wer über seine demokratischen Feinheiten nicht Bescheid weiß, stimmt schnell in den Chor der internationalen Medien ein, hebt anklagend den Zeigefinger und verlangt wie Bush mehr Demokratie. Wer sich aber auf eine gründliche Recherche einläßt, bemerkt ziemlich rasch, daß er sich von so manchen liebgewordenen Vorurteilen trennen muß.

Der Wahlprozeß hier beginnt mit der Erstellung der Wählerlisten. Die werden an leicht einsehbaren Orten - Geschäften, Plätzen, Arztpraxen - ausgehängt, und jeder Wähler kann nachprüfen, ob man ihn nicht vergessen hat, ob der Name des Großvaters noch erscheint, obwohl der inzwischen verstorben ist, ob die Wahlkommission bemerkt hat, daß einer gerade 16 geworden und somit das Wahlrecht hat. Einen ganzen Monat hängen die Listen da, dann beginnt der zweite Teil des Wahlprozesses: Am Abend treffen sich die Bürger auf der noch warmen, schummrigen Straße und schlagen Kandidaten vor. Mindestens zwei müssen es sein in jedem Wahlkreis und höchstens acht. Freunde nennen Namen, empfehlen ihren Kumpel wegen hervorragender Leistungen, weil er schon gezeigt hat, was er kann, weil er sich immer anständig benommen hat, weil er Akademiker ist, weil sie ihn eben im Gemeinderat haben wollen. Es sind nette Veranstaltungen, diese Abende der Kandidatensuche, man ist unter sich, alle kennen alle. Am Ende wird abgestimmt, und damit haben die Leute im Viertel ihre Kandidaten.

Rodolfo wirkt ein wenig schüchtern an diesem Abend, aber er bekommt viel Unterstützung. Schließlich ist er Direktor eines Polyklinikums, und seine Ärzte betreuen täglich zwischen 600 und 700 Kranke oder Verletzte. Als er erneut Kandidat geworden ist, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Der erste Schritt ist getan. Und was hat er vor, wenn er gewählt wird? Soziale Projekte will er ankurbeln, mit den jungen Leuten arbeiten, dafür sorgen, daß es aufwärts geht im Viertel. An was er überhaupt nicht denkt, das ist Geld, denn anders als in den gewöhnlichen Demokratien wird er vom Staat nicht einmal mit einer kleinen Spende für das bedacht, was er dann leisten wird - falls er gewählt wird. Er bekommt auch keinen Einfluß, keine wirklichen Möglichkeiten, an sich selbst zu denken und in die eigene Tasche zu wirtschaften, was ihn aber auch nicht anficht, da er, wie gesagt, ein energischer Idealist ist.

Drei Kandidaten hat die abendliche Versammlung auf der Straße vorgeschlagen. Einer davon ist Rodolfo. Der zweite heißt Silvio (in diesem Land zählen immer nur die Vornamen), ist 53, und die 40jährige Rosalia ist die dritte im Bunde. Die Wahlkommission hängt die Lebensläufe und Paßfotos der drei aus. Silvio ist auf dieser Ebene ein politisches Schwergewicht. Er hat zwei Mal zwei Jahre in Afrika gekämpft, und jetzt gehört er zum Stab des Stadthistorikers Eusebio Leal, den man auch den König der Altstadt nennt. Außerdem ist Silvio Mitglied in den Komitees zur Verteidigung der Revolution, in der kommunistischen Partei, in der Gewerkschaft und im Verband ehemaliger Kämpfer.

Rosalia gehört ebenfalls der Gewerkschaft an, den Komitees, dem Frauenverband, kann Englisch und Italienisch und arbeitet bei einer ungeliebten Spezialeinheit der Polizei. Auch nicht schlecht.

Und Rodolfo? Rodolfo war ein guter Schüler und ist immer mit aufs Land gefahren im Rahmen des Programms Schule und Arbeit. Er hat die Renovierung seines Polyklinikums geleitet, und er hat Heroisches im Kampf gegen Aedes ägyptii geleistet, den Moskito, der das Denguefieber überträgt und kurz davor stand, eine böse Epidemie in der Stadt auszulösen. Er ist in der Partei, in der Gewerkschaft, in den Komitees und hat sechs Anerkennungsdiplome in seinem Hausschrank. Das ist alles.

Die Woche vergeht wie alle anderen: Es gibt keinen Wahlkampf, denn es gibt keine Parteien. Die Bürger entscheiden, ohne sich das Gezeter der Parteieliten anhören zu müssen.

Der Wahltag kommt und mit ihm die Überraschung: Rodolfo bekommt 277 Stimmen, Rosalia 224 und Silvio, das Schwergewicht, 161. Rodolfo und Rosalia gehen eine Woche später in die Stichwahl. In dieser Woche verliert Rodolfo ein wenig von seiner Ruhe, aber als das amtliche Endergebnis herauskommt, strahlt er: Er hat Rosalia mit neun Stimmen Vorsprung geschlagen. Jetzt sitzt er im Gemeinderat und hat Chancen, in die Nationalversammlung einzurücken, falls er alles richtig macht, denn anderenfalls kann er auch wieder abgewählt werden.

Über 90 Prozent der Wahlberechtigten haben gewählt. Etwa acht Prozent der Stimmen sind verlorengegangen, weil manche gar nicht erst hingegangen sind (es gibt keine Wahlpflicht), sich enthalten oder einen Fehler gemacht haben. In Rodolfos Wahlkreis beträgt dieser Verlust 14 Prozent, denn die Altstadt Havannas ist ein schwieriger Bezirk. Für Castros tropikalen Sozialismus trotzdem ein Erfolg. Henky Hentschel

Demokratie im Kleinen: Kommunalwahlen in Kuba Foto: Sven Creutzmann


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