28.10.2021

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28.05.05 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Leser

© Preußische Allgemeine Zeitung / 28. Mai 2005

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Leser
von Ruth Geede

Lewe Landslied und Familienfreunde,

das große Treffen in Berlin ist vorbei, und es wird noch lange seinen Nachhall finden. Auch in unserer Ostpreußischen Familie, denn aus Gesprächen in erhofften und unvermuteten Begegnungen ergibt sich vieles, was auch für einen größeren Kreis lesenswert ist. Aber auch vor dem Deutschlandtreffen hatten sich in unserer Familienpost viele Fragen, Wünsche und Antworten eingefunden, und so will ich diese berücksichtigen, ehe sie vor dem Eindruck des direkt Erlebten und Vermittelten in den Hintergrund geraten.

So lasse ich zuerst unsern Leser Horst Gutzeit zu Worte kommen. Seine Vorfahren kommen aus Ostpreußen, wie ja schon der Name vermuten läßt, aber sein Großvater war der Letzte, der dort geboren wurde. Horst Gutzeit hat durch seine Ahnenforschung eine enge Beziehung zu Land und Leuten aufgebaut, die er nun noch intensivieren will. So sucht er Nachkommen von Max Gutzeit, dem Bruder seines Großvaters, * 01. April 1862 in Osterode. Er hat bis zum Ersten Weltkrieg in einer deutschen Kolonie in Afrika gelebt und ist dann nach Deutschland zurückgekehrt. Sein letzter Wohnort war Berlin-Grünau, wo er auch nach 1930 verstorben ist. Mit seiner Ehefrau Frida, geborene Linsener, soll er zwei Kinder gehabt haben, eine Tochter hieß eventuell Leoni. Bereits der Urgroßvater Emil Friedrich Robert Gutzeit war von Osterode - wo er als Lehrer 1858 Thusnelda von Schleinitz geheiratet hatte - nach Berlin gezogen. Geht man noch weiter in der Ahnenliste zurück, führt sie in die Gegend von Friedland, nach Klein Schönau. Horst Gutzeits Vorfahr, * 1765, war der zweite Sohn einer Bauernfamilie, er wurde Lehrer, weil vermutlich der ältere Bruder den Hof übernahm. Herr Gutzeit besitzt Auszüge aus dem Taufregister der evangelischen Pfarrkirche Friedland-Klein Schönau aus den Jahren 1763 bis 1780. Damals wurde der Name teilweise "Guttzeit" geschrieben. Wer glaubt, mit dieser Linie verwandt zu sein, schreibe bitte an unseren Leser. (Horst Gutzeit, Am Lettenholz 31 in 83646 Bad Tölz, Telefon 0 80 41 / 45 70.)

In diesen Monaten, wo sich die Vertreibung zum 60. Mal jährt, wird die Erinnerung besonders lebendig und zwingt viele Vertriebene zu Aufzeichnungen und Berichten. So auch Frau Brigitte Thies geborene Rimat, die aus Muldenwiese, Kreis Insterburg, stammt, und im März 1945 zusammen mit ihrer Mutter und beiden Geschwistern mit einem Pferdegespann auf der Flucht war. Sie erreichten schließlich den kleinen Ort Linde, Kreis Lauenburg (Pommern). Hier mußten sie ihren Fluchtwagen stehen lassen und wurden zusammen mit anderen Flüchtlingen von Militärfahrzeugen in Richtung Zoppot mitgenommen. Unterwegs kam es zu Gefechten mit den nachdrängenden Russen, so daß sie zeitweilig die Wagen verlassen mußten. Schließlich erreichten sie Zoppot und wurden mit einer Barkasse nach Danzig-Neufahrwasser gebracht. Dort gelang es ihnen, an Bord des U-Boot-Begleitschiffes "Saar" zu kommen. Am 23. März lief das Schiff aus und ging vor Hela vor Anker. Von dort aus erfolgte die Flucht über See nach Kiel, das die "Saar" am 31. März erreichte. Frau Thies sucht nun Mitgefährten, auch Besatzungsmitglieder, die sich an diesen Fluchtweg erinnern, und bittet diese, sich bei ihr zu melden. (Brigitte Thies, Donnerburgstraße 21 in 38321 Klein Denkte, Telefon 0 53 31 / 6 13 75.)

Bis nach Hinterpommern war auch Lieselotte Arndt gekommen. Von Buddern bis Flötenstein ist schon ein weiter Fluchtweg, aber er war noch lange nicht zu Ende. Auch für die schon berufstätige Lieselotte Arndt, ihre Mutter, die zwei Schwestern und den erst vierjährigen Bruder begann dann erst der schwierigste Teil der Flucht. Frau Arndt hat sich jetzt alles von der Seele geschrieben, es wurden volle zehn Seiten, ihr Bruder hat sie auf vier gekürzt - aber auch sie sind viel zu lang für eine Veröffentlichung in der PAZ. Liebe Frau Arndt, es bleibt mir nur übrig, mich für Ihren Bericht zu bedanken, ihn zu archivieren und die drei Fragen, die sich aus ihm ergeben, hier zu bringen. Aber auch die bereiten mir Kopfschmerzen, denn ich muß sie aus dem Zusammenhang reißen, und es ist wirklich schwer, sie verständlich zu machen. Versuchen wir's! Von Flötenstein ging es mit einer von mehreren Militärkolonnen nach Gotenhafen. Hier kommt schon die erste Frage: Wer ist auch mit einer dieser Kolonnen von Flötenstein geflüchtet? In Gotenhafen bekamen sie einen Hinweis, daß dort am Yachthafen ein Kapitänleutnant Flüchtlinge in einer Baracke unterbringt. Tatsächlich half er auch den Flüchtlingen aus Buddern, mußte ihnen aber nach einigen Tagen mitteilen, daß sie zum Hafenbecken IV gebracht würden, um von dort auf ein größeres Schiff zu kommen, das auf See lag. Das geschah dann auch, wobei einige glückliche Zufälle halfen, die man auch als Wunder bezeichnen kann. Hier kommt Frage Nummer 2: Kann sich jemand noch an diesen älteren Kaleu in Gotenhafen erinnern, der vielen Flüchtlingen geholfen hat? Das ehemalige KdF-Schiff war als U-Boot-Jäger der 11. U-Boot- Flottille zugeteilt worden. Die Arndt-Familie wurde mit anderen Flüchtlingen in der Leutnants-Kajüte untergebracht. In der Nacht löste sich bei Windstärke 11 eine Bronzefigur von einem Regal und fiel auf die auf dem Fußboden schlafenden Frauen, ohne sie zu verletzen. Selbst für den Leutnant war dies ein Wunder, und er gab wohl aufgrund dieses Vorfalls der Mutter von Frau Arndt ein selbstgefertigtes Emblem der U-Boot-Jäger aus Messing mit der dazugehörenden Vorlage. Sie sollte es für ihren kleinen Sohn als Andenken aufheben! Er besitzt es noch heute, und er zählt es zu seinen Wertsachen. Und hieraus ergibt sich Frage 3: Ist noch jemand von der Besatzung am Leben, der sich an das Emblem und vielleicht sogar an den kleinen Flüchtlingsjungen erinnert? Das Schiff brachte die Flüchtlinge nach Swinemünde, wo es in dem kurz zuvor bombardierten Hafen anlegte. So, hoffentlich habe ich alles verständlich erklärt. Jetzt hoffe ich mit Frau Arndt und ihrem Bruder, daß sie die ersehnten Zuschriften bekommen. (Lieselotte Arndt, Grötschenreuth 17 in 92681 Erbendorf.)

Jede Dokumentation des damaligen Geschehens ist von großem Wert. Das sieht auch Herr Alfred Albrecht so, dem ich zuerst einmal Dank sagen möchte, weil er unsere Arbeit als "hervorragend" bezeichnet und schreibt: "Wenn wir nicht Obacht geben, wird das Leid und der Kummer unserer Flüchtlinge von 1914 und 1944 nach wenigen Generationen mit einer opferreichen Völkerwanderung verglichen werden. Und ich finde, deshalb ist die PAZ und Ihre Arbeit von unschätzbarem Wert." Herr Albrecht will seine Eindrücke, die er in Ostpreußen, dem Land seiner Vorfahren, gewonnen hat, in einer Erzählung dokumentieren. Er besuchte im vergangenen Sommer zum ersten Mal die Heimat seiner Eltern und Großeltern, das Dorf Dorschen, Kreis Lyck aus rein informativen Gründen - aber als er durch den kleinen Ort ging, hatte er das Gefühl, ihn zu kennen und hier zu Hause zu sein. Nur eine Woche weilte er dort, aber sie genügte, um Herrn Albrecht zu bewegen, das Schicksal der letzten deutschen Familien aus Dorschen aufzuzeichnen. Das bedeutet in erster Linie eine chronologisch-authentische Wiedergabe der Geschehnisse und Daten, aber genau darin liegen die Schwierigkeiten. Zwar konnte Herr Albrecht mit Hilfe der Kreisvertretung Lyck 28 ehemalige Familienmitglieder aus Dorschen ausfindig machen, aber bei einigen Familien fehlen Kontakte zu eventuellen Nachkommen. Deshalb bittet er unsere Ostpreußische Familie um Hilfe. Von folgenden Familien aus dem 164-Seelen-Dorf sind bisher noch keine Mitglieder gefunden worden: Gasthofbesitzer Glaubitz - Prostka - Podehl - Fritz Skorzinski - August Szesny - Moldau - Almon - Prytulla - Bahlo - Blaurock - Paske - Hertz - Mischalzyk - Hermann - Kurzik - Mathuszik - Kaffka. Sicherlich dürfte es noch Nachkommen von einigen dieser Familien geben. Meldungen und Hinweise bitte an Herrn Alfred Albrecht, Kurt Bennewitz Straße 35 in 04838 Eilenburg.

Eure Ruth Geede

Emblem der 11. U-Boot-Jagdflotille: Besatzungsmitglieder des U-Boot-Begleitschiffes "Saar", die sich an dieses Flottillenemblem und die Flüchtlingsfamilie Arndt erinnern, wenden sich bitte an Lieselotte Arndt, Grötschenreuth 17 in 92681 Erbendorf. Foto: privat


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