© Preußische Allgemeine Zeitung / 25. Juni 2005

Viel Geld verpflichtete auch zu viel Kultur
Ein Besuch in den Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz

Am schönsten Platz von Chemnitz, dem Theaterplatz, steht das nach Bombenschäden teilrekonstruierte, denkmalgeschützte König-Albert-Museum. 1906 bis 1909 von Richard Möbius geschaffen, beherrscht es, zusammen mit der Oper, der Petrikirche und einer amphitheaterähnlichen Terrassenanlage das weite Geviert. Der gewaltige Museumsbau beherbergt sowohl das Naturkundemuseum wie auch die weit über Chemnitz hinaus gerühmten "Städtischen Kunstsammlungen". Diese gingen in der Gründerzeit, als Chemnitz in seiner Eigenschaft als führender Fabrik- und Handelsplatz eine der reichsten Städte Deutschlands war, aus der am 24. Januar 1860 gegründeten "Künstlerhütte" hervor, der ortsansässige Architekten, Bildhauer, Maler und Fotografen angehörten. Rechtens verwiesen sie darauf, daß viel Geld auch zu viel Kultur verpflichtet.

Rund 50.000 Exponate in den Bereichen Malerei und Plastik, Graphik, Textil- und Kunstgewerbe können in Augenschein genommen werden; notwendigerweise beschränken wir uns auf kostbare Einzelheiten. 35 Gemälde des bei Chemnitz geborenen Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff bilden blickfängerisches Feuerwerk. Seine "Seehofallee" (1956) besticht mit ihrem grellgelben Pfad, der zwischen blauen Bäumen im Meer endet. Liebermann, Slevogt, Corinth und Sterl vertreten den Impressionismus. Robert Sterl bildete insofern eine Ausnahme, als sein Sujet die Arbeitswelt war. 19 Gemälde besitzt das Museum, darunter den 1910 entstandenen "Sonnigen Steinbruch", der geradezu Gluthitze empfinden läßt. Unter der reichen Romantiker-Auswahl sind Caspar David Friedrich und Ludwig Richter zu finden. Bemerkenswerte Arbeiten von Künstlern der ehemaligen DDR legen Zeugnis für ihre Zeit ab ...

Im Skulpturen-Saal Werke von Rodin, Barlach und Maillol. Kühnstes Unternehmen der Museumsleitung war der Wiedererwerb der 1937 als "Entartete Kunst" konfiszierten Büste "Kopf eines Denkers" von Wilhelm Lehmbruck (1918). Im Verbund mit unzähligen Sponsoren gelang es, 1996 die Büste bei Christie's in London zu ersteigern. Nun ziert sie, gemeinsam mit dem von Lehmbruck 1911 geschaffenen, bildschönen "Geneigten Frauenkopf", der einer Beschlagnahme entging, den lichten Saal ...

Im Graphik-Kabinett vereint mit vielen: Daumier, Munch, Kollwitz, Klinger. Max Klingers Entwurfsstudie zum Wandbild "Arbeit - Schönheit - Wohlstand" für den Chemnitzer Ratssaal zeigt ein zartfarbiges, ätherisches Frauenantlitz, Schönheitsideal damaliger Zeit. In der Textil- und Kunstgewerbesammlung erlebt der Besucher die Hochblüte der Gewebeindustrie in Chemnitz. Die zur Zeit des Jugendstils angelegte "Vorbildersammlung" zeigt Exponate aus aller Welt, die zur Anregung und künstlerischen Schulung für nachwachsende Designer gedacht war. Wunderbare Modelldrucke sind zu betrachten: "Strawberry Thief" (Erdbeerdieb) von William Morris (1893); "Tulips" aus dem Silver Studio London (1898); "Mohnköpfe" von Koloman Moser (1900). 400 Stoff-Fragmente entstammen einer Schenkung koptischer Textilien, zumeist Grabfunde aus Ägypten.

Lustig anzusehen sind die Objekte der sächsischen Strumpf- und Handschuhproduktion aus den Jahren 1875 bis 1930. Erfolgsrenner war damals ein wollweißer Waschhandschuh mit schwarzen Steppnähten. Baumwollstrümpfe, kunterbunt gemustert, bestricken durch Farbfreudigkeit; fast vergißt man, daß diese "Strickwaren" vornehmlich der Erwärmung dienen sollten.

Erlesene Möbel, größtenteils entworfen von Henry van de Velde, stehen als Beispiel für Wohnkultur der Jahrhundertwende. Sie wurden aus der Villa des Chemnitzer Industriellen Esche übernommen, die van de Velde für ihn entworfen und erbaut hatte. Schlichte Eleganz präsentiert ein Notenschrank, desgleichen eine Steinzeugbodenvase. Der Allround-Designer Velde erlangte auch Ruhm mit einem Plakat für das Eiweiß-Präparat "Tropon", das in der Künstlerzeitschrift PAN als farbige Beilage erschien und den Umsatz des Präparates immens förderte. Das Plakat ist Bestandteil der etwa 3.000 Objekte umfassenden Sammlung. Glas, Keramik und Porzellan schließen sich an. Anrührend das "Russische Liebespaar", eine Porzellanschöpfung von Ernst Barlach.

Auch ein ausgedehnter Museumsbesuch hat einmal ein Ende. Wer sich noch Zeit nimmt und an anatomisch erhaltenen Hölzern, Steinen, lebenden Insekten und sonstigen Gliederfüßlern interessiert ist, kann nun in das Naturkundemuseum wechseln, das mit dem "Versteinerten Wald" an der Ostseite des König-Albert-Museums Weltruf genießt. Grau ragen die Baumstümpfe vor der Wand empor, 250 Millionen Jahre alt, durch Verkieselung entstanden. Phantastische Bizarrerie der Natur.

Esther Knorr-Anders

König-Albert-Museum, Städtische Kunstsammlungen Chemnitz, Theaterplatz 1, 09111 Chemnitz; Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr.

Wilhelm Lehmbruck: Kopf eines Denkers (Steinguß, 1918) Foto: Städtische Kunstsammlungen Chemnitz


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