© Preußische Allgemeine Zeitung / 25. Juni 2005

Die "Grauen Wölfe" kehren zurück
Vor 70 Jahren endete mit der U1-Indienststellung die Vorgeschichte der zweiten deutschen U-Bootwaffe

Im Verlaufe des Ersten Weltkrieges hatten 320 deutsche U-Boote 3.274 Einsätze durchgeführt sowie 6.394 Handelsschiffe mit 11.948.702 Bruttoregistertonnen und 100 Kriegsschiffe vom Linienschiff bis zum U-Boot mit 366.249 Tonnen versenkt. Insofern ist es verständlich, daß die Kriegssieger die deutsche U-Bootwaffe längerfristig ausschalten wollten. Nicht nur daß Deutschland gemäß der Waffenstillstandsbedingungen seine U-Boote den Siegern ausliefern mußte, ihm wurde im anschließenden Friedensvertrag auch noch für alle Zukunft der Besitz wie der Bau dieser Waffe verboten. Ebenso verständlich wie das Interesse der Sieger ist der Wunsch des Besiegten, dieses Verbot zu unterlaufen. Dieses gilt um so mehr, als das U-Boot die klassische Waffe des Unterlegenen ist, sozusagen die Schleuder des David, und die den Deutschen verbliebene Reichsmarine den Seestreitkräften der anderen Großmächte unterlegen war.

Die Konstruktionszeichnungen für ihre Weltkriegs-U-Boote hatte man den Deutschen gelassen und anders als nach dem Zweiten Weltkrieg waren auch keine deutschen Wissenschaftler deportiert worden. So versuchte man zumindest auf theoretischem Gebiet mit den anderen Großmächten im U-Bootbau Schritt zu halten, um in einem späteren deutschfreundlicheren internationalen Klima oder im Mobilisierungsfall ohne Verzug nachrüsten zu können. Die Reichsmarine motivierte die Germania- und die Vulcan-Werft sowie die AG Weser zur Gründung eines gemeinsamen Konstruktionsbüros für U-Boote. Aus Gründen der Tarnung sollte dieses Büro seinen Sitz im Ausland haben. Da die Niederlande geographisch nahe waren und zum befreundeten Ausland gezählt werden konnten - hier hatte der Kaiser Asyl gefunden - entschied man sich für Den Haag. 1922 erfolgte die Gründung der N.V. Ingenieurskaantor voor Scheepsbouw (IvS).

Diese Firma vermochte sich auf dem Markt jedoch nicht im erhofften Maße durchzusetzen. Da die Reichsmarine jedoch wollte, daß die deutschen IvS-U-Bootkonstrukteure nicht nur Trockenübungen machen und zukünftige U-Bootfahrer möglichst reichlich die Gelegenheit erhalten, bei ausgedehnten Probefahrten Fahrpraxis zu gewinnen, entschloß sie sich, der IvS durch staatliche Subventionierung Dumpingpreise zu ermöglichen, damit sie endlich an genügend Aufträge herankam. Zu diesem Zwecke wurde das staatliche Tarnunternehmen Mentor Bilanz gegründet, das vor den drei Gründerwerften nun der Hauptaktionär der IvS wurde.

Im Laufe dieser konspirativen Arbeit beteiligte sich die IvS am Bau von U-Booten für Finnland, Rumänien, Schweden, die Sowjetunion und die Türkei. Von besonderer historischer Bedeutung sind dabei die 1930 in Cadiz vom Stapel gelaufene türkische "Gür", die auf dem deutschen Weltkriegsentwurf UG beruhte, und die in Abo 1933 vom Stapel gelaufene finnische "Vesikko", die auf dem Kriegsentwurf UF beruhte, da aus ihnen später der Hochsee-U-Boottyp Ia und der Küsten-U-Boottyp IIa entwickelt wurden. Vom Typ Ia sind die 1936 in Dienst gestellten Boote U25 und U26. Nun könnte man von der Typenbezeichnung darauf schließen, daß auch Deutschlands erstes Nachkriegs-U-Boot von diesem Typ gewesen sei, doch dem war nicht so. Es war vielmehr wie die fünf folgenden U-Boote der Kriegsmarine vom kleineren Typ IIa.

Nachdem in der Weimarer Zeit die Wurzeln zur Nachrüstung gelegt worden waren, ging es in der NS-Zeit forciert voran. Bereits im Herbst des Jahres der "Machtergreifung" wurde in Kiel-Wik unter der Tarnbezeichnung "Unterseebootsabwehrschule" eine U-Bootschule gegründet, um Besatzungen für die neu zu bauenden Boote zu gewinnen. Bereits Mitte August des Folgejahres war das gesamte Material für den Zusammenbau von sechs U-Booten des Küstenboottyps IIa bei der Deutschen Werke Kiel AG (DWK) beschafft. Die erste Bauhalle war fertig, zwei weitere in Bau. Für jedes der Boote waren bereits 700.000 Reichsmark aufgewendet worden. Für den Zusammenbau rechnete man mit weiteren 800.000 Mark. Nachdem man vorher aus politischen Gründen gewartet hatte, wurde am 8. Februar 1935 der Zusammenbau der sechs Küstenboote vom Typ IIa freigegeben. Elf Tage nach dem Abschluß des deutsch-britischen Flottenabkommens vom 18. Juni 1935 konnte dann mit U1 das erste der sechs ersten U-Boote der Kriegsmarine in Dienst gestellt werden. Ihm sollten im nächsten Jahrzehnt Hunderte folgen, welche die deutsche U-Bootwaffe zu einer der bedeutendsten der Kriegsgeschichte machten, ehe es anschließend wieder bei null anfing. Manuel Ruoff

Deutschlands erstes U-Boot nach dem Ersten Weltkrieg: Am 16. April 1940 wurde U1 von einem britischen U-Boot in der Nordsee versenkt. Foto: Archiv


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren