© Preußische Allgemeine Zeitung / 01. Oktober 2005

Der Weg nach Nirgendwo
Vom glanzvollen Aufstieg und tiefen Fall des deutschen Schlagersängers Christian Anders

Das war nun mitten in der 68er Zeit. Dutschke und Ho Tschi Minh waren die Themen und die Studentenrevolte in vollem Gange. Sprechchöre auf dem Berliner Kudamm riefen "Bürger, runter vom Balkon - unterstützt den Vietcong!" oder auch "Das Übel an der Wurzel packen - alle Großkonzerne knacken!" Aber die meisten jungen Deutschen begeisterten sich gar nicht für Rudi Dutschke und Che Guevara. Sie schwärmten für die neuen, deutschen jungen Schlagersänger, die zu dieser Zeit anfingen, sich von den amerikanischen Vorbildern loszulösen und eigene deutsche Texte zu singen. Udo Jürgens zum Beispiel, Drafi Deutscher, Rex Gildo, Dieter Thomas Heck. Die Texte handelten auch nur von Liebe, Herz und Schmerz, waren aber leichter zu verstehen, und oft genug hatten sie auch einen neuen, eigenen balladesken Ton, der bei den Menschen ankam.

1969 dudelte plötzlich aus allen Lautsprechern, Autoradios und Musikboxen ein Lied "Geh nicht vorbei, als wär nichts geschehn. Es ist zu spät, um zu lügen". Wer kennt es nicht? Das Lied wurde offenbar fortwährend von den Hörern verlangt, manchmal wurde es dreimal an einem Tag im Radio gespielt, der Sänger trat bei Dieter Thomas Heck in Radio Luxemburg auf, die Schallplatten wurden wie rasend verkauft. Ich fand, das Lied hatte etwas Besonderes, das fanden offenbar die meisten Leute auch. Ich hatte damals in meinem Haus zwei junge Autoren als Hausgäste, die waren natürlich stramm links und intellektuell und fanden Schallplatten sowieso "Konsumscheiße" und Schlager ganz unmöglich. Sie waren entsetzt, als ich ihnen "Geh nicht vorbei" vorspielte, das könne doch nicht mein Ernst sein. Schnulzen im Hause Röhl. Ich sagte ihnen, Schlager hätte es immer gegeben, schon im späten Mittelalter, Gassenhauer wie "Innsbruck, ich muß dich lassen" oder oder "Ade nun zur guten Nacht", die wurden manchmal mehrere Jahrhunderte lang gesungen. Dann machte ich mit meinen jungen Gästen ein Experiment. Sie sollten die Schallplatte zwanzigmal hintereinander hören und sehen, was dann passiert, es gab einen Happen Essen und einen schönen Wein, und der Abend wurde lang. Am nächsten Morgen kamen die beiden die Treppe hinunter zum Frühstück und verlangten als erstes, die Schallplatte "Geh nicht vorbei" von Christian Anders noch mal zu hören, sie seien richtig süchtig danach. 1972 wiederholte ich das Experiment mit einem anderen Gästepaar, mit dem gleichen Erfolg.

Diesmal war es "Es geht ein Zug nach Nirgendwo", wieder von Christian Anders. Den Namen haben wir damals kaum gekannt, die Platte hörten wir bis zum Gehtnichtmehr. 800000 wurden vom "Zug nach Nirgendwo" verkauft, von "Geh nicht vorbei" waren es sogar 1,3 Millionen. Der Höhepunkt ist, wenn er in dem Lied, am Ende fast im Falsett kreischt "Oh Maria, ich hab dich lieb, / ich hab dich lieb, oh glaube mir / was auch immer mit der anderen war / das ist vorbei, das schwöre ich Dir!" Dann rattert wieder der Zug weiter, und alle deutschen Frauen glaubten ihm und waren aus dem Häuschen und die Millionen rasselten im Karton.

Christian Anders, der uneheliche Sohn einer Berliner Hausfrau und eines italienischen Diplomaten, war plötzlich ganz oben. 1968 fing er seine Karriere als Komponist und Sänger an, war vorher ein Schulversager und Rebell gegen alles gewesen, ständig in Schlägereien verwickelt, hatte Kampfsport gelernt, den schwarzen Gürtel erworben und sogar eine Karateschule geleitet und seine Fähigkeiten manchmal auch als brutaler Schläger eingesetzt. Wenn man so will und an Joseph Fischers Frankfurter Jahre denkt, war er auch eine Art 68er.

Der Durchbruch kam mit "Geh nicht vorbei". Mit Nachfolgetiteln wird er der erfolgreichste deutsche Liedermacher, er komponierte 900 Lieder und verkaufte 20 Millionen Platten, trat in allen populären Fernsehsendungen auf, die damals Mode wurden (bei Dieter Thomas Heck, Frank Elstner), fuhr schließlich einen goldenen Rolls Royce und zog schließlich ganz in den Modeort Marbella um (in das Haus von Sean Connery übrigens), schmiß das Geld mit vollen Händen raus und den Alkohol und Tabletten in sich hinein. Frauen aller Altersstufen liefen ihm noch weit mehr als allen anderen Schlagersängern förmlich die Bude ein, er selber spricht von rund 2000 Affären, offenbar hatte er auch hier etwas Besonders, das ihn aber ebensowenig wie das viele Geld glücklich machte oder auch nur beruhigte: Er liebte, soff, spielte - alles im Übermaß und war nach wenigen Jahren ausgebrannt und wieder in Deutschland, wirtschaftlich ruiniert, so total, daß eine einzige, verbliebene Freundin Mühe hatte, auch nur die Gebühren für den Gerichtsvollzieher aufzubringen.

Er floh vor den Schulden nach Los Angeles, ging nach Indien, wurde Buddhist, nannte sich Lanoo und schrieb esoterische Songs, die sich aber nicht verkauften, er wurde Guru, schrieb zwischendurch Bücher, 13 chaotische Bücher über alle möglichen chaotischen Themen, unter anderem stellte er die Behauptung auf, daß ein US-Forscher den Aidsvirus erfunden habe. Der weitere Abstieg war nicht aufzuhalten.

Er verließ auch Hollywood und die USA wieder, versuchte noch einmal in Deutschland ein Comeback, aus dem nichts wurde, trat am Ende auf zweit- und drittklassigen Bunten Abenden auf und sang auf Kreuzfahrtschiffen und rutschte immer tiefer ab, landete sogar im Knast wegen Beteiligung an einer Falschgeldaffäre. Kam wie immer wieder noch einmal hoch, fand immer noch einmal reiche ältere Frauen, die ihm halfen. Der ganze Mann, völlig am Ende und eher apathisch als abgeklärt, wurde in diesem Jahr 60 Jahre alt, sein Leben ist ein exemplarisches Stück Nachkriegsdeutschland, über das soeben ein Buch erschienen ist, spannend wie ein Kriminalroman.

In Hollywood hatte Christian Anders die ehemalige "WamS" und "BamS"-Chefreporterin Liselotte Millauer getroffen, die Staatsoberhäupter wie Indira Gandhi, den Schah von Persien, Ronald Reagan und Helmut Schmidt, hundert andere Prominente wie Kokoschka, Nurejew, Fellini sowie Hollywoodgrößen wie Gary Grant, Hitchcock und Henry Fonda interviewte. Liselotte Millauer, auch eine in Hollywood lebende Aussteigerin, war von 1987 damit beschäftigt, ein Buch über den ebenso genialen wie chaotischen Sänger zu recherchieren und in Deutschland zu veröffentlichen. Jetzt endlich, zum 60. Geburtstag des Sängers, ist es erschienen, schonungslos offen, aber mit liebevoller Anteilnahme geschrieben, die sich auf den Leser überträgt. Klaus Rainer Röhl

Liselotte Millauer: "Christian Anders - Es fährt ein Zug nach Nirgendwo", Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2005, 406 Seiten, 19,80 Euro


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