© Preußische Allgemeine Zeitung / 22. Oktober 2005

"Die Elite der Wehrmacht"
Ritterkreuzträger-Treffen in Bonn - Ordensgemeinschaft fordert Aufhebung des Kontaktverbotes
von Clemens Range

Sechzig Jahre nach Kriegsende und 50 Jahre nach dem Aufbau der neuen westdeutschen Armee appellierten Ritterkreuzträger für einen von Achtung getragenen Umgang zwischen den alten Soldaten der Wehrmacht und den jungen Soldaten der Bundeswehr. Die Spitze der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger (OdR) forderte anläßlich ihres 51. Bundestreffens in Bonn die Aufhebung des 1999 durch Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) verhängten Kontaktverbotes. Über Jahrzehnte indes war das Verhältnis zwischen den Soldatengenerationen kameradschaftlich und herzlich - politisch korrektes Handeln war so gut wie kein Thema und wurde von niemandem erwartet.

Die Ritterkreuzträger waren und sind bis heute ein Personenkreis, der aufgrund seiner besonderen soldatischen Leistungen weltweit einen herausgehobenen Stellenwert einnimmt. Ritterkreuzträger genossen insbesondere während des Krieges allgemein eine besondere Wertschätzung.

Nach der totalen militärischen Niederlage und der Besetzung Deutschlands durch die Siegermächte nahmen auch die Ritterkreuzträger aktiv am Wiederaufbau Deutschlands, der Demokratie und der Wirtschaft teil. So wirkten im politischen Leben die Ritterkreuzträger Erich Mende als Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen und Vizekanzler oder Hermann-Eberhard Wildermuth als Bundeswohnungsbauminister. Die Wehrbeauftragten Hellmuth Heye und Fritz-Rudolf Schultz waren gleichfalls Träger des Ritterkreuzes, ebenso wie Karl-Günther von Hase, der Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, später Botschafter in London und danach Intendant des ZDF war. Rolf Pauls war der erste Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Israel, und als Mittler zum jüdischen Staat fiel kein Schatten auf ihn, weil er mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet war. Klaus von Bismarck, ebenfalls mit dem Eichenlaub dekoriert, stand über viele Jahre dem WDR als Intendant vor und war Präsidialmitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Und die Stimme des Ritterkreuzträgers Herbert Zimmermann kennen bis heute nicht nur Millionen Menschen, sie machte sogar Sportgeschichte. Der spätere Leiter der Hauptabteilung Sport des Norddeutschen Rundfunks war es, der als Reporter bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 die legendären, sich überschlagenden Worte "Tor, Tor, Tor - Deutschland ist Weltmeister" ausrief.

Als von 1955 an die Bundeswehr vor allem durch etwa 40000 Offiziere und Unteroffiziere der einstigen Wehrmacht aufgebaut wurde, waren unter diesen nicht weniger als 800 Ritterkreuzträger. Allein 118 von ihnen wurden Generale und Admirale. Sie alle hatten die auch in dem Bundeswehr-Eid vorgegebenen Tugenden, treues Dienen und Tapferkeit ,in schwerster Zeit' gelebt. Sie waren es, die den beispiellosen Aufbau der Bundeswehr von Null auf 300000 Mann in nur fünf Jahren ermöglicht haben und die dringend benötigten, vielfältigen Erfahrungen in den Truppenalltag einbrachten.

Natürlich vermochten die wenigsten von ihnen, ihre herausragenden militärischen Einzeltaten im Frieden auf andere Weise zu wiederholen. Aber es zeigte sich, daß die höchste Kriegs- und Tapferkeitsauszeichnung in ihrer Wirkung fortdauerte, daß eine Verpflichtung unauflösbar geblieben ist. Für zahlreiche junge Soldaten der Bundeswehr wurden sie zu Vorbildern. Als der erste Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, 1967 zu Grabe getragen wurde, geleiteten Bundeswehr-Generale und Admirale, die sämtlich mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet worden waren, den Sarg in den Kölner Dom. Bis Ende der 70er Jahre führten Ritterkreuzträger Brigaden, Divisionen und Korps, bekleideten die Posten von Inspekteuren und Generalinspekteuren, oder waren in höchsten Nato-Verwendungen eingesetzt. Der letzte Ritterkreuzträger schied 1984 aus dem aktiven Dienst aus. Die derzeit amtierende Bundeswehrspitze hat Ritterkreuzträger als Vorgesetzte auf allen Ebenen erlebt.

Wenige Jahre nach der Wiedervereinigung und etwa eine Dekade nachdem die letzten kriegsgedienten Soldaten und damit auch die letzten Ritterkreuzträger aus der Bundeswehr entlassen wurden, werden sie politisch als Belastung empfunden. Verteidigungsminister Scharping verbot am 5. März 1999 die seit den 50er Jahren bestehenden dienstlichen Kontakte der Bundeswehr zu der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger (OdR) und beendete damit nur das Werk seines Amtsvorgängers Rühe. Die über Jahrzehnte selbstverständlich praktizierten militärischen Ehren wurden nun den Ritterkreuzträgern verweigert. Diese Reaktionen gegenüber den kriegsgedienten, einstigen Bundeswehr-Angehörigen sowie ihren, oft gefallenen Kameraden, wirkten verletzend und spaltend.

Dennoch: Wie schon in den Jahren zuvor, als die pensionierten Bundeswehrgenerale Franz Uhle-Wettler und Gerd Schultze-Rhonhof die Festredner von Ritterkreuzträger-Treffen waren, hielt nun in Bonn der einstige Amtschef des Heeresamtes, Generalleutnant a.D. Ernst Klaffus die Festansprache. Unter den etwa 300 Gästen waren neben zahlreichen Bundeswehrsoldaten auch die ehemaligen Bundeswehrgenerale Rolf Hüttel und Manfred Bertele sowie der ausscheidende CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann.

Generalleutnant a.D. Klaffus, Jahrgang 1935, stellte in seiner Rede fest: "Sie, meine Herren Ritterkreuzträger und Träger des Eisernen Kreuzes, haben in den harten, überaus opfervollen Jahren des Krieges herausragende soldatische Leistungen erbracht. Die Kämpfe deutscher Soldaten von Norwegen bis Nord-Afrika und der Normandie bis in die Weiten der Sowjetunion gehören zu den großen soldatischen Leistungen der deutschen, ja der internationalen Militär- und Kriegsgeschichte." Und weiter meinte Klaffus: "Sie, meine Herren Ritterkreuzträger, dürfen zu Recht darauf stolz sein, diese höchste Auszeichnung verliehen bekommen zu haben. Sie gehören zur Elite der Wehrmacht." Der Bundeswehrgeneral faßte seine Worte in folgender Bewertung zusammen: "Im Krieg, beim Wiederaufbau des zerstörten Deutschland und beim Aufbau der Bundeswehr haben sich

Ritterkreuzträger insgesamt be-sonders bewährt. Diesen Verdienst kann Ihnen niemand nehmen."

 

Die Geschichte des Ritterkreuzes

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 war in Abgrenzung zu früheren Verleihungsvorschriften erstmals eine für alle Dienstgrade einheitliche höchste Tapferkeitsauszeichnung gestiftet worden: Das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes.

Voraussetzung für den Erwerb des Ritterkreuzes war, daß der Beliehene aufgrund persönlicher Tapferkeit schon beide Klassen des Eisernen Kreuzes, das EK II und EK I, besitzen mußte. Das Ritterkreuz wurde verliehen für herausragende Tapferkeit, erfolgreiche Operationsplanung, Schlachten beeinflussende Taten und für besonders gelungene Truppenführung, es wurde verliehen für Standhaftigkeit und Opfermut, und dies nicht selten posthum. Das Ritterkreuz war in seinen Ausmaßen um fünf Millimeter größer als das Eiserne Kreuz und wurde am Hals mit schwarz-weiß-rotem Bande getragen. Mit dem Ordensgesetz von 1957 wurde das Tragen des Ritterkreuzes als Halsorden an dem alten Ordensband nach mancherlei politischen Querelen wieder offiziell gestattet, allerdings ohne das damalige Hoheitsabzeichen.

Die Dauer und zunehmende Härte des Krieges rechtfertigte schließlich die Schaffung weiterer Folgestufen des Ritterkreuzes, um die größer gewordenen Leistungen einzelner Persönlichkeiten voneinander abgrenzen und angemessen würdigen zu können. Die Verleihungsbestimmungen sahen vor, daß die nächstfolgende Ordensstufe nur erhalten konnte, wem die vorangegangene Auszeichnung bereits verliehen worden war. So wurden die Stufen "Eichenlaub", "Eichenlaub mit Schwertern", "Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten" sowie die nur einmal verliehene Stufe des "Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes mit Goldenem Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten" geschaffen.

Insgesamt wurden 7360 Ritterkreuze an Wehrmachtangehörige verliehen. Davon gab es:

• Einen Träger des "Goldenen Eichenlaubes mit Schwertern und Brillanten" - Luftwaffen-Oberst Hans-Ulrich Rudel (1982 verstorben),

• 27 Brillantenträger, von denen keiner mehr lebt,

• 160 Schwerterträger, von denen sechs noch leben und

• 890 Eichenlaubträger, von denen 48 noch leben.

Die offiziellen Verleihungsbestimmungen sahen in jedem Einzelfall die Befürwortung aller dem Beliehenen vorgesetzten Dienststellen bis hinauf zum Oberbefehlshaber des zuständigen Wehrmachtteils vor. Äußerte auch nur eine dieser übergeordneten Dienststellen hinsichtlich des Verleihungsvorschlages Bedenken, so galt damit der Antrag als abgelehnt. Allerdings waren die "Meß- und Bewertungsmaßstäbe" bei Heer, Luftwaffe, Marine und Waffen-SS nicht selten unterschiedlich. Dennoch gelang es weitgehend, die strengen Verleihungsmaßstäbe einzuhalten, und so wurde bis zum Kriegsende eine inflationäre Entwertung dieses Ordens verhindert. Daß insgesamt 7360 Ritterkreuze verliehen wurden, bedeutete, daß in einer Streitmacht, die in fünfeinhalb Kriegsjahren mehr als 18 Millionen Soldaten unter Waffen gehabt hat, auf etwa 2500 Soldaten rechnerisch jeweils nur ein Ritterkreuzträger kam. 2299 Ritterkreuzträger - über 30 Prozent - sind gefallen oder in der Kriegsgefangenschaft umgekommen.

Fotos: 

Drei von 7360 Ritterkreuzträgern einst und jetzt: Karl-Walter Lapp, Jahrgang 1913, Martin Drewes, Jahrgang 1918, erhielt als Nachtjäger das Eichenlaub, Günter Halm, Jahrgang 1922, erhielt in Afrika als 19jähriger das Ritterkreuz

Bundestreffen der Ritterkreuzträger in Bonn - Von einst 7360 leben noch 530 Ordensinhaber


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