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19.11.05 / Streit um Karlsbader Oblaten / Die Vertreiber wollen mit Hilfe der EU den Vertriebenen jetzt auch noch deren Gütesiegel nehmen

© Preußische Allgemeine Zeitung / 19. November 2005

Streit um Karlsbader Oblaten
Die Vertreiber wollen mit Hilfe der EU den Vertriebenen jetzt auch noch deren Gütesiegel nehmen

Eine an sich positive EU-Verordnung, dank derer regionale Spezialitäten wie Parmaschinken und Münchner Weißwurst durch Registrierung ihres Namens als sogenannte Ursprungsbezeichnung geschützt werden können, droht nun zu ernsthaften Auseinandersetzungen zu führen. Stein des Anstoßes sind Anträge seitens der Tschechischen Republik an die Brüsseler EU-Kommission, dem Erzeugnis "Karlovarské oplatky" diesen Bezeichnungsschutz zuzuerkennen. Dieser würde dann nämlich auch den deutschen Begriff "Karlsbader Oblaten" umfassen, da die Registrierung einem erfolgreichen Antragsteller das Monopol auf den entsprechenden Namen in allen EU-Amtssprachen sichert.

Dies könnte bedeuten, daß die weltberühmte Oblatenerzeugerin Marlene Wetzel-Hackspacher in Dillingen an der Donau ihr unerreicht wohlschmeckendes, nach altem Familienrezept gebackenes Erzeugnis nicht mehr "Karlsbader Oblaten" nennen dürfte. Dabei hat sie diese kulinarische Tradition seit über einem halben Jahrhundert erfolgreich am Leben erhalten. Dieser Weg hatte damit begonnen, daß sie das Original-Waffeleisen bei der Vertreibung aus dem böhmischen Bäderdreieck im Kinderwagen versteckt nach Bayern gerettet hatte. Ein solches Schicksal ist in der Verordnung freilich nicht vorgesehen, wogegen selbst billige Oblaten-Imitate, wenn sie nur in der Tschechischen Republik erzeugt werden, laut Verordnung Nr. 2081/92 "den Schutz von Bezeichnungen von Lebensmitteln" für sich reklamieren könnten, "deren Qualität sich aus einem geographischen Ursprung ergibt."

Grund genug für den CSU-Europaabgeordneten Bernd Posselt, Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, im Straßburger Europaparlament zu diesem Thema eine Anfrage an die Kommission zu stellen: "Karlsbader Oblaten sind eine seit etwa 200 Jahren nach alten Familienrezepten hergestellte Waffelspezialität, die ihre weltweite Bekanntheit der damaligen Blütezeit des böhmischen Kurortes Karlsbad (Karlovy Vary) verdankt. Sie wurden bis 1945 vor allem im damals mehrheitlich von Deutschen bewohnten ,Bäderdreieck' Karlsbad-Marienbad-Franzensbad, aber auch in Österreich hergestellt. Mit der Vertreibung großer Teile der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei nach Ende des Zweiten Weltkrieges sind viele der alteingesessenen Bäckerfamilien aus Karlsbad und anderen Teilen des Bäderdreiecks unter anderem nach Deutschland und Österreich gekommen und haben mit ihrem Savoir-faire dort die Herstellung der Karlsbader Oblaten wieder aufgebaut. Ist sich die Kommission dieser Umstände bewußt, und wie wird sie diese bei der Bewertung des tschechischen Schutzantrages berücksichtigen?"

Die Antwort der zuständigen Landwirtschaftskommissarin, der Dänin Mariann Fischer Boel, war eher bürokratisch, skizzierte aber sehr präzise den Weg, den das Verfahren jetzt nehmen wird. Sie bestätigte, daß der entsprechende tschechische Antrag eingegangen sei, und hob hervor, daß die Kommission in diesem Prüfungsstadium keine Information und kein Material von dritter Seite entgegennehmen dürfe, das nicht im Antrag selbst enthalten sei. Sollte dieser den Voraussetzungen der Verordnung entsprechen, würden der Name und eine Zusammenfassung der Spezifikation im offiziellen Journal der EU veröffentlicht. Dies erlaube jeder Partei mit legitimiertem Interesse, einen entsprechenden Einspruch bei der Regierung ihres jeweiligen Mitgliedstaates zu deponieren, der sich daraufhin innerhalb von sechs Monaten an die Kommission wenden könne, die dann in eine entsprechende Prüfung eintreten müsse.

Bernd Posselt versuchte in seiner Zusatzfrage die europäische Dimension seines Anliegens zu verdeutlichen: Er glaube schon, daß die Kommission auch Informationen aus dem Parlament berücksichtigen sollte. Karlsbader Oblaten wurden in Karlsbad und in Marienbad erzeugt und verkauft. Sie wurden im Kloster Tepl erfunden. Sie wurden schon im 19. und 20. Jahrhundert weltweit erzeugt und vertrieben, und heute werden die besten Karlsbader Oblaten der Welt in Dillingen an der Donau von der Firma Wetzel erzeugt. Posselt bat, in diesem Fall zu prüfen, ob man eine derart internationale und europäische Bezeichnung tatsächlich geographisch verengen kann. "Das wäre eine Verarmung unserer europäischen Kultur", so der Sprecher der Landsmannschaft der Sudetendeutschen.

Dieses leidenschaftliche Plädoyer ließ die Kommissarin jedoch ungewohnt locker reagieren: "Unter diesen Umständen hätte ich erwartet, diese extrem köstlichen Waffeln selbst probieren zu können; aber das mag bei einer anderen Gelegenheit geschehen." Unerwarteterweise wurde sie in diesem Wunsch von der amtierenden Vizepräsidentin des Europaparlamentes, der sonst nicht für launige Zwischenbemerkungen bekannten PDS-Abgeordneten Sylvia-Yvonne Kaufmann, unterstützt: "Ich kann fraktionsübergreifend bestätigen, daß die Oblaten tatsächlich sehr gut schmecken. Vielleicht, Herr Posselt, sollten Sie der Kommissarin eine mitbringen."

Bald geht die Auseinandersetzung in die nächste Runde, zumal auch das Thema Olmützer Quargel auf der Tagesordnung der EU steht. D. T.


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