© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Dezember 2005

Moskauer Modell?
von Harald Fourier

Eine Agenturmeldung: „Religion soll Pflichtschulfach an den russischen Schulen werden. Voraussichtlich schon im kommenden Jahr werde das neue Fach testweise an einigen Schulen eingeführt, sagte Bildungsminister Andrej Fursenko.“

Wer hätte das gedacht? Daß Religion zur Stunde noch nicht an russischen Schulen gelehrt wird, liegt nur daran, daß es nicht genug Schulbücher gibt. Vor 88 Jahren ereignete sich die „glorreiche Oktober- revolution“ und läutete das atheistische Zeitalter ein. Jetzt – ein langes Menschenleben später – werden russische Schulkinder wieder über die Zehn Gebote und die Passion Christi unterrichtet.

So weit, so gut. Auf dem Berliner Stundenplan steht dagegen weiterhin kein Religionsunterricht. In Berlin gilt die sogenannte Bremer Klausel. Das heißt, daß Religion kein Pflichtfach ist. Statt dessen gibt es einen freiwilligen Unterricht, der von den Kirchen ausgerichtet wird.

Jeder, der einmal Schüler war, wird sich daran erinnern, mit welcher „Begeisterung“ er selbst an freiwilligen Schulveranstaltungen dieser Art teilgenommen hat. Das wäre in Physik oder Mathematik nicht anders als in Religionskunde.

Diese bisherige Regelung ist schlecht. Aber die neue ist noch schlechter. Sie heißt „Werteunterricht“. Auf dem SPD-Parteitag vergangenen April begründete Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit die Einführung eines sogenannten Werte-unterrichts „in unserer multikulturellen Stadt“ so: „Insofern ist der allgemeinbildende Anspruch von Werteunterricht kein Angriff auf die Religionsgemeinschaften, sondern eine zeitgemäße Antwort auf die Vielfalt unserer Gesellschaft.“

Rot-Rot will Berliner Schüler offenbar in eine Art Multikulti-Kunde zwingen. Gegen dieses Vorhaben einer ganz offen atheistischen Regierungskoalition macht sich jetzt Widerstand bemerkbar. Eine ganz besondere Koalition hat sich in Anzeigen gegen die Senats-Pläne gewandt: Die beiden CDU-Altbürgermeister Eberhard Diepgen (1984–1989 und 1991–2001) und Richard von Weizsäcker (1981–1984) sowie deren SPD-Vorgänger Klaus Schütz (1967–1977), Dietrich Stobbe (1977–1981) und Hans-Jochen Vogel (Januar bis Juni 1981) setzen sich öffentlich dafür ein, daß Religion wenigstens gleichberechtigt mit dem neuen „Wertefach“ eingestuft werde.

Es bleibt zu hoffen, daß sich der Regierende Bürgermeister Wowereit von dem Votum fast aller seiner Amtsvorgänger (außer Walter Momper, „Regierender“ von 1989 bis 1991) beeindrucken läßt. Es wäre zu schlimm, um wahr zu sein, wenn Berlin nur 15 Jahre nach dem Zusammenbruch des menschenverachtenden Sowjetsystems in Religionsfragen ausgerechnet hinter Moskau zurückfallen sollte.


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