© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Dezember 2005

"Verstrickt in den Nationalsozialismus"
Darmstadt benennt nach langem Streit seine Hindenburgstraße in Dönhoffstraße um

Straßennamen können wie eine Einladung sein – wer möchte nicht gern im „Heimweg“ wohnen oder in einer „Parkallee“ arbeiten. Jede Stadt hat schöne oder wenigstens schön bis blumig klingende Straßen, auch Darmstadt. So die „Saalbaustraße“, den „Grünen Weg“ oder den „Schloßgartenplatz“. Zum Aufreger und somit zum Politikum werden Straßen und ihre Namen hingegen leicht, wenn sie nach Personen benannt sind. Besonders politisch tätige oder geschichtliche Persönlichkeiten unterliegen ständiger Beurteilung und bisweilen auch Umdeutung. So ist es der Darmstädter „Hindenburgstraße“ ergangen, einer Ausfallstraße mit viel Verkehr, eine wichtige Nord-Süd-Achse und Lebensader der Stadt. Sie soll einen neuen Namen tragen, schlug die Straßenumbenennungskommission der Stadt Ende November einstimmig vor. Das „Darmstädter Echo“, einzige Darmstädter Tageszeitung, lieferte die Begründung: „Verstrickt in den Nationalsozialismus“ sei Hindenburg gewesen und außerdem kein Demokrat, denn: „Nach dem Tod des sozialdemokratischen Reichskanzlers Friedrich Ebert wurde Hindenburg 1925 zu dessen Nachfolger gewählt. Aus seiner Ablehnung gegen die Republik machte er jedoch nie einen Hehl“, so die Zeitung. Hindenburg war Reichspräsident, aber nie Kanzler – soviel zum zeitgeistigen Geschichtsverständnis des „Echos“. Auch hatte Hindenburg – bei aller Zwiespältigkeit seiner Rolle in der Weimarer Republik – auch manches Verdienst. Der Sieg bei Tannenberg, den das „Echo“ kurz erwähnt, und somit die Errettung Ostpreußens, wenn nicht Deutschlands vor einer russischen Eroberung im Ersten Weltkrieg war nicht das einzige. Als Reichspräsident mit deutlich mehr Macht ausgestattet als ein heutiger Bundespräsident, widersetzte sich Hindenburg in seinem Amt länger als andere demokratische Institutionen der Zeit dem Aufstieg Adolf Hitlers, dem Hindenburg als „böhmischen Gefreiten“ durchaus mißtraute. Bei seiner Widerwahl als Reichspräsident 1932 bekam Hindenburg – nicht ohne Grund – die Unterstützung der SPD. Die Partei, die heute die Umbenennung begrüßt, sah in ihm damals den einzigen möglichen Retter der Republik vor Hitler. Eine Rolle, die Hindenburg aus Verfassungstreue, die er stets übte, übernahm. Konnte er im Greisenalter ahnen, daß die Not-Kabinette, die nur noch kraft seiner Erlasse regierten, mit der Beteiligung der Nationalsozialisten genauso ihr Ende finden würden wie die Demokratie an sich? Letztere war bereits ausgehöhlt – auch die demokratischen Parteien hatten mit ihren Kampforganisationen dazu beigetragen. Der grüne Stadtrat Klaus Feuchtinger irrt somit, wenn er sagt: „Ich kann mir keine Argumente vorstellen, die für eine Beibehaltung des Namens Hindenburgstraße sprechen“ – er will es schlicht nicht.

Unbesehen der neuen Namenspatronin, Marion Gräfin Dönhoff, die wenigstens auch den Bezug zu Ostpreußen ermöglicht, bleibt ein schaler Beigeschmack: Eine Generation Deutscher und ihre Erfahrungen wird stellvertretend mit Hindenburg aus dem öffentlichen Raum verbannt und, wenn möglich, auch aus dem kollektiven Gedächtnis. Sie paßt nicht mehr in das politisch korrekte Schwarz-Weiß-Muster, das nur Gegner oder Befürworter des NS-Regimes kennt und zugleich alle historischen Vorgänge auf diese zwölf tragischen Jahre hin deutet. Hindenburg und die Deutschen, die Versailles und seine Folgen erlebten, können in dieser Lesart nur überwiegend Täter sein. Daß es neben vorbildlichen auch Demokraten wider Willen mit Verdiensten gab, soll nicht mehr erinnert werden.

Es ist eine seltsam verspätete Abgrenzung, 60 Jahre nach Kriegsende – warum denn die Hindenburgstraße im Gegensatz zu anderen „belasteten“ Ortsmarken bisher nicht umbenannt wurde, vermag das „Echo“ nicht zu erklären, „allen Protesten zum Trotz“. Immerhin scheiterten andere Umbenennungspläne in „Oskar-Schindler-Straße“ sowie Vorschläge der Offene Liste / PDS / DKP.

Pro Forma läßt Darmstadt nun die Anwohner – Firmen und Privatleute – zu Wort kommen. Sie hatten bisher kein Problem mit Hindenburg und dürfen nun bekunden, daß sie kein Problem mit Marion Gräfin Dönhoff haben werden – demokratischer könnte das Echo nicht ausfallen. A. S

Zu aller Ideologie kommt noch Unwissenheit hinzu

Mit Hindenburg wird eine ganze Generation offiziell geschmäht


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