© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Dezember 2005

"Nationale Gefahr für Rumänien"
Während in Deutschland die Integration von Roma und Sinti gelungen ist, leben sie in Osteuropa im Elend
von Ernst Kulcsar

Der Rauch brennender Autos, der im novembertristen Frankreich um Paris sowie von Rennes bis Straßburg und von Lille bis Marseille in den Himmel stieg, ist verflogen. Vergessen auch die Schelte, die Frankreichs Innenminister Sarkozy erhielt, weil er Brandstifter als das bezeichnete, was sie nun einmal waren.

Längst schon wissen es die Politiker und weigern sich trotzdem, die Wahrheit zu akzeptieren: Der Kern des Problems ist die massenhafte Zuwanderung aus Ländern, die sich kulturell und zivilisatorisch fundamental von den Einwanderungsländern unterscheiden. Man kann Feuer und Wasser nicht zusammenbringen, auch nicht durch eine noch so fein ausgearbeitete Ideologie. Integration geht nur, wenn die Einwanderer oder die Bewohner des Einwanderungslandes bereit sind, auf Teile ihrer Identität oder gar ganz darauf zu verzichten. Und eben das wollen weder die einen noch die anderen.

Wir in Europa tun so, als sei das Problem für uns neu, dabei beschäftigt es uns seit nahezu einem Jahrtausend. Zwar wurden als große Erfolge gefeierte Integrationen von Sinti und Roma im Westen erzielt, aber diese sind nur durch die quasi totale Aufgabe der Identität der integrierten Roma und Sinti erreicht.

Die Konflikte der Völker Europas sowie der Sinti und Roma im Laufe der Jahrhunderte sind im wesentlichen entstanden, weil sich die Zigeuner nicht ihrer Identität entledigen und ihre Freiheit nicht gegen den mageren Komfort von Wohnkasernen tauschen wollten, obwohl ihre „Freiheit“ oft ein unbeschreibliches Elend war.

Wir wissen, daß die Zigeuner seit dem Mittelalter verfolgt wurden. Aus der Sicht der damaligen Zeitgenossen wohl wegen ihres Aussehens, ihrer Sprache, ihrer Religion und ihrer oft seltsamen Berufe (Bärenführer und Wahrsagerinnen), alles das gepaart mit einer etwas laxen Auffassung von Arbeit und Eigentumsverhältnissen. So können wir bis heute nicht feststellen: Schlug man den Sack und meinte den Esel, oder schlug man den Esel und meinte den Sack, mit andern Worten: Verfolgte man Zigeuner, weil sie sich nicht den zeitgenössischen sozialen Normen unterwarfen und Straftäter waren, oder verfolgte man Straftäter nicht wegen ihrer Taten, sondern weil sie Zigeuner waren

Das hatte sich auch unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nicht geändert, die 500000 Opfer, die in den NS-Konzentrationslagern ermordet wurden, hielten nicht alle davon ab, die sich nun teilweise Sinti und Roma nennende Bevölkerungsgruppe auch im Nachkriegseuropa zu diskriminieren. Die europäische Gruppe der Sinti und Roma wird auf acht bis zehn Millionen geschätzt, der Großteil davon in Mittel- und Südosteuropa sowie auf dem Balkan beheimatet.

Die Lage der Sinti und Roma ist in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern noch gut, obwohl Deutschlands Behörden sich bis in die 70er Jahre weigerten, Sinti und Roma die deutsche Staatsbürgerschaft zurückzugeben. Der Bundesgerichtshof hatte 1956 in einem umstrittenen Urteil die NS-Verfolgung der Roma und Sinti aus rassischen Gründen geleugnet, Diskriminierung und Rassismus setzten sich bis 1979 fort. Nach dem Dritte-Welt-Roma-Kongreß in Göttingen 1981 änderte sich das. 1982 wurde der „Zentralrat Deutscher Sinti und Roma“ mit Sitz in Heidelberg als Zusammenschluß von Sinti- und Romaverbänden gegründet. Die Bundesregierung erkannte 1995 die 80000 Sinti und Roma als nationale Minderheit an. Doch auch unter den Sinti und Roma gibt es Differenzen: Ein Teil des Zentralrats sieht die Bezeichnung „Zigeuner“ als Schimpfwort an, die Sinti Allianz Deutschland ist aber der Ansicht, „Zigeuner sei eine neutrale Bezeichnung aller ziganischen Völker“ und verwendet „Zigeuner“ auch als Selbstbezeichnung. Trotzdem hat Deutschland beachtliche Erfolge in der Integration erzielt, von denen aus welchen Gründen auch immer nicht gesprochen wird. So erklärte ein Funktionär des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland, 95 Prozent der deutschen Sinti und Roma seien dermaßen integriert, daß man sie von der Mehrheitsbevölkerung nicht unterscheiden könne. „Um Sie wohnen Sintis und Roma, und Sie wissen es nicht einmal.“

In anderen Teilen Europas sieht die Lage jedoch katastrophal aus. Bis oft 70 Prozent der Roma – so die Uno – bezögen ihr Einkommen aus staatlichen Mitteln. Ihr Gesundheitszustand sei überdurchschnittlich schlecht, das Bildungsniveau mehr als dürftig. Die demographische Struktur in den mittel- und südosteuropäischen Ländern weiche von jener der Mehrheitsbevölkerung beträchtlich ab. Jeder Romahaushalt habe drei bis vier Kinder, in der Slowakei liege der Durchschnitt bei fast acht Kindern. Katastrophal ist das Bildungsniveau. 1998 genossen nur 17 Prozent der Roma-Kinder Vorschulunterricht, während es bei der Gesamtbevölkerung 60 Prozent waren. Die Roma-Kinder enden meist in gesonderten „Romaschulen“ oder „Romaklassen“. Der Prozentsatz von ethnisch unterteilten Klassen hat schreckliche Ausmaße erreicht: in Bulgarien 49 Prozent, in der Tschechischen Republik 28, in Rumänien 32, in der Slowakei 40 und in Ungarn 28 Prozent. Seit Jahren wandern Romakinder ungeprüft in Spezialschulen und Schulen für geistig Behinderte – in zehn bis 15 Jahren können die meisten arbeitsuchenden Roma nicht mehr vermittelt werden. Bereits heute sind 50 Prozent der arbeitsfähigen Roma arbeitslos. Ein Phänomen, das sich vor allem nach 1989 verstärkt hat, so standen in Ungarn kurze Zeit nach dem Ende des Kommunismus 72 Prozent der damals arbeitenden Roma ohne Beschäftigung da.

In einer von der Stiftung Charles Stewart Mott finanzierten Dokumentation über die Minderheit der Roma in Zentral- und Mitteleuropa wird der Stand der Assimilierung in mehreren Ländern untersucht. Trotz großer Bemühungen der betreffenden Regierungen und auch großer Erfolge gibt es in Bulgarien noch immer über 75 Prozent Arbeitslose, sind 60 Prozent der Romakinder Straßenkinder und nur 0,9 Prozent der Romakinder haben einen Lyzeums- oder gar einen Hochschulabschluß.

In der Tschechei zeitigte eine 1958 erfolgte Zwangsansiedlung von 28000 Roma ein überraschendes Ergebnis: Als das Gesetz aufgehoben worden war, wollte keiner mehr zurück zum Nomadenleben. Heute sind in der Tschechei nur noch 6 Prozent Roma nicht seßhaft.

In Rumänien hat jetzt das Regierungsprogramm zur Verbesserung der Lage der Roma politischen Vorrang, nachdem der rumänische Geheimdienst SRI den Roma bescheinigt hatte, sie „schaden dem Ansehen Rumäniens im Ausland“ und seien daher „eine nationale Gefahr für Rumänien“. Seit 1990 haben auf die Roma in Rumänien mindestens 36 pogromartige Überfälle stattgefunden.

Es ist ein düsteres Bild, das sich dem Betrachter darbietet und es wird trotz der Bemühungen der nationalen Roma-Organisationen und Landesregierungen, der EU und der Uno mit dem Fortschreiten der Zeit nicht heller.

Das Schmunzeln über den Umstand, daß die Roma mit Ion Cioaba einen gewählten König haben und auch über zwei selbsternannte Kaiser, Iulian und Stanica, in Rumänien verfügen, kann einem schnell vergehen, wenn man bedenkt, wie schlimm schon die von Tausenden verwirrten Jugendlichen ausgelösten Wahnsinnsunruhen in Frankreich waren, denn dann bereitet der neue Selbstorganisationsdrang von Millionen überwiegend armer Roma Sorge.

Ausgangsort neuer Konflikte? Im Vergleich zu den Roma in Osteuropa (Foto) leben die französischen Randalierer im Paradies. Foto: eastway

 

Erste Migrationswelle

Schriftliche Belege zur Geschichte der Roma sind bis in die jüngste Zeit kaum vorhanden. Man nimmt an, daß sie aus Indien stammen und das Land vor mindestens 1000 Jahren verließen. Eine Theorie besagt, daß sie als Nomaden von Invasoren Indiens gegen Europa gedrängt wurden, eine andere Theorie geht davon aus, daß sie als Kriegerkaste den moslemischen Invasoren nicht standhalten konnten und sich in Richtung Westen abdrängen ließen. Von Sprachspuren ausgehend schließen Wissenschaftler, daß die Roma über Persien und Armenien zogen, von wo eine Gruppe an die Nordküste des Schwarzen Meeres gelangte, eine zweite in den Süden bis Ägypten vordrang und eine dritte nach Westen bis ins byzantinischen Imperium kam.

Zahlreiche Wörter griechischen Ursprungs weisen darauf hin, daß sie im byzantinischen Reich verhältnismäßig lange gelebt haben müssen. Auch der Name Zigeuner ist griechischen Ursprungs: atsiganos.

Die Vokabel „Roma“ hat nichts mit Rom oder Rumänien zu tun, sie bedeutet „Mann“ oder „Mensch“ Das Femininum ist nicht „Roma“ sondern „Romanca“ (auch „Romnia“). Ihre Sprache nennt sich „Romanes“. Die Rumänen versuchen übrigens das Wort in der Schreibweise „Rrom“ durchzusetzen, damit keine Verwechslung mit dem Namen der Stadt Rom oder mit Rumänien (rum.: România) aufkommt.

 

Zweite Migrationswelle

Nach dem Fall Konstantinopels 1453 kam es zur zweiten Migrationswelle. Ein Teil der Roma zog auf den Balkan, der andere breitete sich über ganz Europa aus. Von Ungarn erreichten erste Roma Spanien (1425) und verbreiteten sich bis Finnland (1597). In Deutschland wurden sie erstmals 1407 erwähnt, in Frankreich 1419. Nachdem sie anfänglich wegen ihres exotischen Aussehens und ihrer Sprache ziemliches Interesse geweckt hatten, begann man sie zu fürchten, zu verfolgen und zu vernichten – und das in fast allen Ländern Europas: In Spanien mußten sie 1499 das Land innerhalb von 60 Tagen verlassen, auf der Iberischen Halbinsel kam es am 30. Juli 1749 zum „Schwarzen Mittwoch“, als nach wiederholten gescheiterten Ansiedlungsversuchen 9000 bis 12000 Roma während einer Razzia in 75 Städten festgenommen wurden. In Belgien bezeichnete man sie als „Banden, die eine Bedrohung des öffentlichen Lebens darstellen“, Gustav I. Wasa ließ 1515 alle Roma aus Schweden des Landes verweisen, in England ließ Elisabeth I. während einer Aktion 106 Todesurteile gegen Roma aussprechen.

Trotz mehrerer Geleit- und Freibriefe wurden sie immer stärker verfolgt, Thüringen erklärte sie 1722 für vogelfrei und in den rumänischen Fürstentümern wurde die Sklaverei erst 1855 (Moldau) und 1856 (Walachei) abgeschafft. Im ach so fortschrittlichen Europa hatte sich keine Stimme gegen die Sklaverei vor der eigenen Haustür erhoben.

 

Dritte Migrationswelle

Die Literatur über Sinti und Roma ufert aus, aber sie gibt abgesehen von den ethnographischen und soziologische Fakten Aufschluß eher über die ideologische Verfassung des jeweiligen Autors als über den Genozid an den Sintis und Roma.

Nach dem Ende der Sklaverei der Roma in der Walachei und Moldau Mitte des 19. Jahrhundert begann die dritte Migrationswelle Richtung Westen.

Wohin sie auch kamen: Sie waren ungebetene Gäste und das neugegründete Deutsche Reich begann sie abzuwehren. 1887 ordnete man im ganzen Reich die Abschiebung der Zigeuner an. 1891 beschloß der Bundesrat eine Anweisung zur „Bekämpfung des Zigeunerunwesens“, ab 1911 nahm man Fingerabdrücke von allen Zigeunern. Das ging europaweit ähnlich zu. Trotzdem kämpften sie tapfer im Ersten Weltkrieg, viele erhielten zum Teil auch hohe Auszeichnungen.

Mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten tauchte der Gedanke einer „Endlösung“ auf. Michael Krausnick schrieb, „der Völkermord an mehr als 500000 Sinti und Roma und Millionen Juden in der Geschichte der Menschheit ist ein einzigartiges Verbrechen.“

Die Anzahl der im Zwischenkriegs-Europa lebenden Sinti und Roma schwankt je nach Autor zwischen fünf Millionen (nach Mateo Maximoff) und einer Million (nach Leon Poliakov). Die Anzahl der Überlebenden ist unbekannt.


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