© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Dezember 2005

Der Fall Gotovina ist für Kroaten eine Demütigung

Die Verhaftung des kroatischen Ex-Generals Ante Gotovina auf den Kanarischen Inseln war ein „sichtlicher“ Triumph für Chefanklägerin Carla del Ponte. Aber eigentlich nur ein Trostpflaster, hatte sie doch vor zwei Monaten hinnehmen müssen, daß die EU gegen ihren Willen Beitrittsverhandlungen mit Kroatien beschloß. Ein politisches Tribunal muß sich eben höheren Interessen beugen, und die USA konnten nicht zulassen, daß die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei wegen österreichisch-kroatischer Mätzchen verzögert werden.

Die Verhaftung des vom Tribunal in Den Haag als Kriegsverbrecher beschuldigten Gotovina ist natürlich selbst ein politisches Ereignis – mit weitreichenden Folgen. Unvermeidlich stellt sich dabei die Frage, mit wessen Hilfe Gotovina, der bisher jede Aussage verweigert hat, in den letzten vier Jahren als U-Boot leben und, wie es scheint, auch weite Reisen unternehmen konnte. Zur Auswahl stehen mehrere Netzwerke: Del Ponte verdächtigte stets politische Kreise in Kroatien selbst. Zweitens ist die Solidarität unter Auslandskroaten stark ausgeprägt – wie allgemein bei Auslandsgemeinden. Drittens war Gotovina Fremdenlegionär – auch hier gibt es eine Kameradschaft der „Ehemaligen“. Viertens hatten bei den Kriegshandlungen auf allen Seiten auch mafiöse Elemente eine Rolle gespielt – man könnte sich also Gotovina gegenüber „verpflichtet“ gefühlt haben. Und fünftens wird im Zusammenhang mit Kroatien immer gerne auch die Kirche und speziell der in Kroatien einflußreiche Franziskaner-Orden angeschwärzt. Mit selektivem Aufdecken oder Verschweigen wird sich also wieder einmal trefflich „Europa-Politik“ machen lassen.

Für die „Entente“ bedeutet die Verhaftung Gotovinas, daß die Blockade gegen Kroatien, die durch die USA-Türkei-Aktion schon formell aufgehoben war, nun auch materiell entkräftet ist. Da die Serben Karadjic, Mladic und Co. aber weiterhin auf freiem Fuß sind, ist es ein herber Rückschlag für den Plan, Serbien und Kroatien „gleich“ zu behandeln.

Gotovina wird in Kroatien als Nationalheld verehrt. Unter seinem Kommando gelang es 1995, die von serbischen Truppen besetzte Krajina zurückzuerobern und somit die Landverbindung zu den südlichen Teilen Kroatiens wiederherzustellen. Im Zuge der Rückeroberung kam es zu Flucht oder Vertreibung von 150000 Serben – und zu den üblichen „Nebenerscheinungen“.

Die mit der Verhaftung Gotovinas verbundenen Massenproteste könnten sich zu einer schweren Belastung für Präsident Mesic – er war der letzte Staatspräsident des „alten Jugoslawien“ – und für Ministerpräsident Sanader ausweiten. Beide werden als „Verräter“ bezeichnet, weil der entscheidende Hinweis zur Verhaftung Gotovinas vom kroatischen Geheimdienst gekommen sein dürfte und auch umfangreiches Aktenmaterial an den Den Haag weitergegeben wurde. Geradezu diabolisch wirkt, daß del Ponte die Verhaftung Gotovinas just während ihres Aufenthalts in Belgrad bekanntgab!

Die nationale Demütigung durch den Gotovina-Prozeß wird die ohnehin verbreitete EU-Skepsis in Kroatien weiter anheizen. Vom US-Außenministerium wird die Entwicklung als „bedeutender Schritt“ zur Nato-Aufnahme Kroatiens bezeichnet – schließlich geht es um die Adria-Häfen Split und Pula. Was sind da schon „nationale Würde“, „Ehre“, „Treue“ und ähnliche antiquierte Begriffe ... RGK


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren