© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Dezember 2005

Vorschußlorbeeren
Pulitzer-Preis für Roman über schwarze Sklavenhalter

Der durchschnittliche Leser und die Werke von Literaturpreisträgern passen nicht immer sonderlich gut zusammen. Häufig bleibt beim Leser solcher Werke ein Minderwertigkeitsgefühl oder ein absolutes Unverständnis, warum gerade dieser Autor für diese vorliegenden Verrücktheit ausgezeichnet wurde, zurück.

In diesem Herbst ist nun „Die bekannte Welt“ von Edward P. Jones in deutscher Übersetzung erschienen. Edward P. Jones, ein Schwarzer aus Washington D. C., hat für sein Romandebüt 2004 den Pulitzer-Preis, den wichtigsten US-amerikanischen Literaturpreis, erhalten. Das von ihm gewählte Thema ist tatsächlich ungewöhnlich: Schwarze als Sklavenhalter im Süden der Vereinigten Staaten. Daß es diese gegeben hat, fand Jones so interessant, daß er um das Thema einen Roman gesponnen hat. Henry Townsend, Schwarzer und einst selbst Sklave, kauft in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts von seinem ehemaligen Besitzer selbst einen Sklaven und Land. Stück für Stück erhöht Henry sein Vermögen und am Ende seines kurzen Lebens – Jones läßt ihn nicht älter als 31 Jahre werden – hat er über 30 Sklaven in seinem Besitz. Hier beginnt auch der Roman.

In Rückblenden erzählt der Autor von dem Leben Henrys, seiner Sklaven, seiner Frau und vieler anderer Mitmenschen in Manchester County, Virginia. Noch interessanter als die Rückblenden sind jedoch die Vorausschauen, die der Autor sich immer wieder erlaubt. In wenigen Absätzen, manchmal nur Nebensätzen, deutet er an, was der gerade vorkommenden Person bevorsteht. „,Das ist eine hübsche Puppe‘, bemerkte Fern. ,Die hat mein Papa für mich gemacht‘, erklärte Tessie. Kurz vor ihrem Tod, fast 90 Jahre später, würde sie die Worte wiederholen.“ Dieses Spiel mit der Zeit, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, gelingt dem Autor meisterhaft. Allerdings ist es auch ein wenig anstrengend für den Leser, zumal der Autor nicht nur stets durch die Zeit reist, sondern auch ständig wechselnde Personen in den Mittelpunkt seiner Erzählungen stellt. Jones fabuliert hervorragend, und gibt dem Leser dabei vermeintliche Fakten in die Hand, die jedoch durchaus umstritten sind. Bedauerlicherweise wird weder in einem Vorwort noch einem Nachwort darauf eingegangen inwieweit die genannten Zahlen, Personen und Belege stimmen. Jones tut so, als ob es alle seine Personen wirklich gegeben hätte, nennt sogar Historiker, die die Familienzusammenhänge erforscht haben wollen, gleichzeitig hieß es aber in zahlreichen Rezensionen zu dem Buch, daß die Informationslage sehr bescheiden gewesen sein soll.

Kann der durchschnittliche Leser nun nachvollziehen, warum gerade Jones 2004 den Pulitzer-Preis erhalten hat? Ohne Zweifel hat der Autor schon Vorschußlorbeeren eingeheimst, weil er ein bisher kaum behandeltes Thema gewählt hat. In der Umsetzung jedoch erwartet man dann auch einen kritischen Tenor, doch Jones ist weit entfernt von einer literarischen Anklage à la „Onkel Toms Hütte“. Zwar sind die von ihm geschilderten Lebensumstände der Menschen und das Denken ihrer Welt aus heutiger Sicht mehr als bedenklich, doch Jones beschreibt sie nur. Auch ist das in den Medien in den Mittelpunkt gerückte Thema „Schwarze als Sklavenhalter“ nur ein Thema unter vielen. Viel zu wenig geht er auf Henry Townsend ein, übergeht völlig, wie der schwarze Plantagenbesitzer in der Gemeinschaft der weißen Plantagenbesitzer akzeptiert wird.

Unbestritten bleibt jedoch, daß Jones ein großer Erzähler mit viel Phantasie ist. Die Dichte und Farbenfülle seines Romans überwältigt. Allerdings wundert es, daß gerade ein ehemaliger Lektor eines Wirtschaftsmagazins so locker mit bedenklichen Fakten hantiert. R. Bellano

Edward P. Jones: „Die bekannte Welt“, Hoffmann und Campe, Hamburg, geb., 447 Seiten, 22 Euro


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