© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Dezember 2005

Wie in Trance
Ottersberger berichten über ihre Fluchterlebnisse

Bis in das Jahr 1945 hinein war das nordöstlich von Bremen gelegene Ottersberg trotz Kriegswirren noch ein beschaulicher Ort. Erst mit Kriegsende bekamen die Einwohner den Krieg zu spüren. Innerhalb von kurzer Zeit stieg die Einwohnerzahl von 1781 auf 3091. Bei dem Zuwachs handelte es sich meist um Frauen, Kinder und alte Leute aus allen Teilen der deutschen Ostgebiete. Auf einmal mußten sich die Ottersberger ihren Besitz mit den abgemagerten, ungebetenen Flüchtlingen teilen.

Ute Fetkenhauer hat sich nun dieser Menschen angenommen und sie 60 Jahre nach Kriegsende nach ihren Erinnerungen bezüglich ihrer Heimat, der Flucht und der Aufnahme in Ottersberg befragt. So berichtet die heute 76jährige Anita in „Wir tun flüchten“ wie sie als 15jährige mit ihrer Mutter und ihren vier Schwestern über die See nach Stralsund flüchtete und die Mutter ihre drei älteren Töchter aus den Augen verlor, weil sie mit einem Beiboot über das Meer gebracht wurden. Mitten im Bombenhagel auf die Hafenstadt suchte die verzweifelte Frau ihre drei Ältesten und fand sie unbeschadet. Die heute 78jährige Martha berichtet hingegen, daß ihr und ihrer Familie die Flucht nicht mehr rechtzeitig gelang. Sie gerieten in die Hände der Feinde und von da an begann für sie die Zeit der Zwangsarbeit. „Nach der Ernte teilte man mich einer Gruppe zu, die Kohlewaggons entladen mußte … Ein Jahr habe ich mit den Händen viele Tonnen Steinkohle von Waggons abgeladen.“ Häufig dachte sie an Selbstmord, indem sie die Aufseher provoziert und dann erschossen wird, doch letztendlich fehlte ihr selbst dazu die Kraft.

Viele der Männer und Frauen berichten davon, daß sie die für sie schlimme Zeit wie in Trance verbrachten, nie über ihre Situation nachdachten, weil sie sonst wahnsinnig geworden wären.

Die Autorin berichtet auch davon, daß es selbst heute nicht immer einfach ist, die heutigen Ottersberger von ihrer Vergangenheit erzählen zu lassen. Viele haben dort ihr Häuschen, ihre Familien und wollen gar nicht mehr an die traumatisierenden Erlebnisse von Flucht und Vertreibung erinnert werden. Trotzdem brachte sie die Menschen zum Reden. So berichtet beispielsweise der heute 74jährige Herrmann davon, wie er nach mißglückter Flucht in die Hände von Polen geriet. Vor allem die jugendlichen Polen quälten den 13jährigen aus dem Warthegau in dem sie Hakenkreuze auf Papier schmierten und sie mit Stecknadeln auf der nack-ten Haut feststeckten. „Die Peinigungen ließen nicht nach. Wir Kinder wußten an manchen Tagen kaum noch, wer wir waren … Eines Tages zwangen die Polen uns mit anzusehen, wie sie deutsche junge Mädchen schlugen und vergewaltigten. Als die Mädchen winselnd am Boden lagen, hängte man sie kurzerhand auf.“ Doch nicht einmal mehr weinen konnte der Junge damals noch. Erst 1950 durfte er in den Westen ausreisen.

So viele menschliche Tragödien alle in einem einzigen Ort versammelt. Ute Fetkenhauer verdient größte Anerkennung, daß sie diese meist erschütternden Geschichten dieser Menschen für die Nachwelt festgehalten hat. R. Bellano

Ute Fetkenhauer: „,Wir tun flüchten‘ – Fluchterlebnisse von Frauen und Kindern aus Ottersberg“, Ottersberg 2005, broschiert, 203 Seiten, 10 Euro

Alle Bücher sind über den PMD, Parkallee 84/86, 20144 Hamburg, Telefon (0 40) 41 40 08 27, www.preussischer-mediendienst.de, zu beziehen.


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