© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Dezember 2005

Trügerischer Schein
Familientragödie im Linz zur Zeit des Nationalsozialismus

Zufrieden feiert man 1939 in Linz im Hause Bellago die Taufe der kleinen Elisabeth.

Die Geburt ihrer zweiten Tochter erfüllt die Eltern Antonia und Ferdinand mit Stolz. Doch ist die Stimmung getrübt. Das Regime der Nationalsozialisten hat das Volk fest in seinem eisernen Griff umklammert. Auch Antonias Vater muß als Hochschullehrer am eigenen Leibe erfahren, daß in diesen Zeiten die eigene Meinung nicht nur wenig zählt, sondern daß es sogar gefährlich ist, sie zu äußern.

„Mit jeder Vorlesung, die ich halte, ziehen sich unsere Freunde weiter von uns zurück, schleichen unsere Feinde näher. Erst hat man mich verspottet, dann verachtet, und jetzt bin ich nur noch ein Ärgernis, das man loswerden möchte. Wenn ich nicht gehe, wird man mich irgendwann als Gefahr betrachten und schließlich als Feind. Ich möchte nicht in Dachau enden ...“ Und wie erwartet spitzt sich die Lage zu, der befürchtete Krieg bricht aus und die Angst, als Vaterlandsverräter denunziert zu werden, wächst ebenso stetig wie Hunger und Armut.

„Erst als ein kurzer Windstoß den Blick freigab, bemerkte sie das Auto draußen auf der Straße: ein Militärfahrzeug, wie so viele in der Stadt. Dieses hier aber war mit einem Peilsender ausgestattet. Oft genug hatte Antonia diese Autos mit ihren runden Antennen durch die Straßen fahren sehen. ,Kettenhunde‘ nannte die Bevölkerung die Häscher der MP, die von ihrem bequemen Sitzplatz aus gleichsam Witterung aufnahmen, in welchem Gebäude die Frequenz der Feindsender empfangen wurde, obwohl dies doch bei schwersten Strafen, von Zuchthaus bis zum Tode, verboten war ... Den Bruchteil einer Sekunde zu lang hatte sie mit ihrer Antwort gezögert. Der Polizist drehte sich um und lief mit dem Hund an ihr vorbei die Treppe hinauf ... Sie wußte, was er entdecken würde, wenn er die Tür öffnete: das kleine Radio auf ihrem Nachtischchen! Nicht einmal ausgeschaltet hatte sie es, als sie die Klingel an der Haustür hörte. Nur leise gestellt, aber der Polizist würde trotzdem sofort den englischen Akzent des BBC-Sprechers erkennen ...!“ Spannend und schicksalsschwer erzählt Rosemarie Marschner wie erst das Nahen des Krieges, dann dessen Auswirkungen und letztendlich dessen dramatisches Ende das Leben der Familie Bellago beeinflussen.

Als es für Antonia und ihre Töchter in Linz zu gefährlich wird, zwingt ihr Vater sie, mit den Kindern aufs Land zum Jagdhaus zu fahren, wo er sie in Sicherheit glaubt. „Mit einem letzten, kräftigen Ruck blieb die elegante Familienkarosse der Bellagos auf dem weitläufigen, kiesbedeckten Vorplatz des Jagdhauses stehen. Die beiden Mädchen sprangen aufgeregt heraus und blickten auf das ehrfurchtgebietende Gebäude, das mit Efeu fast zugewachsen war.“ Doch anstatt leichter wird hier für Antonia vieles noch schwerer. Die Leute zeigen ihre Ablehnung und meiden die Mutter und ihre Kinder. Ein dunkles Geheimnis, welches die Familienehre zu beflecken scheint, gilt es zu enträtseln.

Dieser Roman gibt dem Leser das Gefühl, dem Krieg von den drohenden Anfängen bis zum bitteren Ende beizuwohnen. Mit den Augen einer jungen Mutter, die die Gefahr für ihre Familie spürt und fürchtet, blickt er auf das Geschehen. Sehr berührend. A. Ney

Rosemarie Marschner: „Das Jagdhaus“, dtv, München 2005, broschiert, 460 Seiten, 14,50 Euro


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