© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Dezember 2005

"Feines Echo" auch noch nach 100 Jahren
Museen und Galerien gedenken landauf und landab der Gründung der Künstlergemeinschaft "Brücke"

Im Jahr des Gedenkens an die Gründung der Künstlerguppe „Brücke“ vor 100 Jahren haben viele Museen in Deutschland ihre Bestände gesichtet und Arbeiten von Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff, Pechstein, Mueller und Nolde ausgestellt. Höhepunkt und Abschluß des Jubiläumsjahres ist zweifellos die Ausstellung des Berliner Brücke-Museum in der Berlinischen Galerie. Das Brücke-Museum als einziges Spezialmuseum für die Kunst der „Brücke“ hat diese Präsentation gemeinsam mit dem Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid vorbereitet. Nach Madrid und Barcelona ist Berlin nun die dritte Station dieser Ausstellung mit den wohl bedeutendsten Werken der „Brücke“-Künstler.

Doch auch andere Museen in Deutschland müssen sich ihrer Bestände und Ausstellungen nicht schämen. So ist im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloß Gottorf eine ansehnliche Präsentation früher Druckgraphik der „Brücke“-Künstler zu sehen, während das Saarland Museum in Saarbrücken Arbeiten unter dem Thema „Die Brücke in der Südsee – Exotik der Farbe“ zeigt.

Die Ausstellung präsentiert neben bahnbrechenden Gemälden der eigentlichen „Brücke“-Zeit insbesondere die unmittelbar unter dem Einfluß tatsächlicher oder imaginärer Reisen in exotische Welten geschaffenen Arbeiten sowie eine Gruppe von Werken, die in späterer Zeit als Nachwirkung der Südsee-Faszination entstanden sind. So werden „realistischen“ Bildern mit Motiven aus der unmittelbaren Lebenswelt der Künstler solche mit exotischer Thematik oder einer „exotischen“ Übersetzung gegenübergestellt.

Hamburg, die Stadt des Handels und Kommerzes, hat eine erstaunlich große Sammlung von Werken der „Brücke“-Künstler vorzuweisen. Auch wenn die Maler oft nur auf der Durchreise zu ihren Sommerdomizilen auf Fehmarn oder in Dangast sowie Osterholz Hamburg besuchten, so fand sich an der Elbe doch bald ein beachtlicher Freundeskreis ihrer Kunst. Viele der Förderer und Mäzene zählten zu den sogenannten „passiven“ „Brücke“-Mitgliedern wie der Jurist und Sammler Gustav Schiefler. Ausgerechnet Kunsthallendirektor Alfred Lichtwark, der zwar die junge Kunst durchaus schätzte, allerdings kein ausgewiesener „Brücke“-Freund war, hatte Schiefler auf die Expressionisten aufmerksam gemacht. Und Nachfolger Gustav Pauli engagierte sich leidenschaftlich auch nach Auflösung der „Brücke“ 1913 für die Künstler und ihre Werke, so daß in der Hamburger Ausstellung neben Leihgaben aus Privatsammlungen vor allem auch eigene Bestände gezeigt werden können. Nirgends wurde so früh im großen Stil die Kunst der „Brücke“ gesammelt wie in Hamburg.

Zu sehen sind in der aktuellen Austellung über 150 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphik, darunter viele von den Künstlern eigenhändig gemalte Postkarten, die sie an ihre Förderer schickten, „Kabinettstückchen“ der Klassischen Mo-derne. Faszinierend aber auch die Schmuckstücke, die Karl Schmidt-Rottluff für die Kunsthistorikerin und Förderin Rosa Schapire anfertigte, große Gürtelschließen oder Broschen, mit großen unbearbeiteten Saphiren geschmückt und mit gehämmertem Mustern versehen, die an Arbeiten von Eingeborenen der Südsee erinnern.

Natürlich sprechen einen Hanseaten die Hamburg-Motive besonders an. Wenn Emil Nolde mit glühenden Farben den Hafen malt, Kirchner mit leichtem Strich die Elbe bei Blankenese skizziert oder Schmidt-Rottluff, der ab 1910 für zwei Jahre ein eigenes Atelier in der Hansestadt hatte, Elbkähne in Holz schneidet, dann merkt auch der Laie, daß diese Stadt wie sonst nur vielleicht Dresden und Berlin die Künstler angesprochen hat.

Die Ausstellung „Die Maler der Brücke. Sammlung Hermann Gerlinger“ präsentiert im Schweinfurter Museum Georg Schäfer über 160 Werke des deutschen Expressionismus. Aus dem mehr als 900 Werke umfassenden Bestand der Sammlung wurde eine exemplarische Auswahl getroffen, die das Schaffen der „Brücke“-Künstler von ihren Anfängen bis zu späten Arbeiten zeigt. Ölgemälde, Aquarelle, Holzschnitte, Zeichnungen, Lithographien, Radierungen, Postkarten, Kleinplastiken und Schmuck-stücke führen die Vielfalt der bildnerischen Gattungen und Techniken der „Brücke“-Künstler vor Augen.

In der Ausstellung wird die ansonsten seltene Gelegenheit geboten, weit über die Zeit hinaus zu blicken und individuelle Entwicklungslinien der Maler bis in ihre späten Schaffensjahre nachzuvollziehen. „Die Werke der Expressionisten verlangen dem Betrachter ein doppeltes Sehen ab, eine erste und eine nachgeschaltete Wahrnehmung“, betont Museumsdirektorin Sigrid Bertuleit, „ein Phänomen, das schon Franz Marc bei seinem Besuch der Wohnung Heckels eindrucksvoll festhielt: ,Die Kunst Heckels ist sehr versteckt, mit einem sehr frommen, tiefen Sinn, der mehr das feine Echo, oder besser gesagt, der Gegenklang dessen ist, was man ganz zuerst vor der Leinwand spürt, er schreckt ab, um einen nachher besser zu fassen‘.“

Ihren dauerhaften Wirkungsraum hat die Sammlung Hermann Gerlinger in der Stiftung Moritzburg, Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt, gefunden. Sie „zählt zu den bedeutendsten ,Brücke‘-Sammlungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg im

20. Jahrhundert zusammengetragen wurden“, so Bertuleit. „Aus ersten vereinzelten Ankäufen in den 50er Jahren ist sie über fünf Jahrzehnte stetig und systematisch aufgebaut worden, bis sie schließlich, insbesondere durch seltene Mappenwerke und Drukke, zu einer Sammlung beachtlichen Umfangs und herausragender Qualität anwuchs. Ihre Bedeutung liegt sowohl in der Dokumentation der avantgardistischen Entwicklung der Gemeinschaft als auch im Aufzeigen des individuellen Stils der einzelnen Künstler.“ os / mgs

Die Berlinische Galerie ist montags bis sonnabends von 12 bis 20 Uhr und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt 8 / 5 Euro, bis 15 Januar 2006.

Das Schleswig-Holsteinische Landesmuseum Schloß Gottorf ist dienstags bis freitags von 10 bis 16 Uhr und am Wochenende von 10 bis 17 Uhr geöffnet, Einritt 6 / 3 Euro, bis 5. Februar 2006.

Das Saarland Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 22 Uhr geöffnet, Eintritt: 1,50 / 1 Euro, bis 8. Januar 2006.

Die Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, Hubertus-Wald-Forum, ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, 22. Dezember sowie Ersten und Zweiten Weihnachtstag von 10 bis 18 Uhr, Silvester und Neujahr von 12 bis 18 Uhr geöffnet, Heiligabend geschlossen, Eintritt: 8,50 / 5 Euro, bis 15. Januar 2006.

Die Schweinfurter Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr geöffnet; ebenfalls geöffnet: 2. Weihnachtstag und Neujahr, Heiligabend, 1. Weihnachtstag und Silvester geschlossen, Eintritt: 6 / 5 Euro, bis 15. Januar 2006.

Karl Schmidt-Rottluff: Segler auf der Elbe bei Hamburg I (Holzschnitt, 1911)


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