© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Dezember 2005

Wo ist der Tannenbaum?
Bunter Flitterglanz bedroht den traditionellen Weihnachtsschmuck

Fährt man in diesen Tagen durch deutsche Großstädte, dann glaubt man in manchen Vierteln seinen Augen nicht zu trauen. Hat man sich verfahren? Ist man gar, durch irgendein nicht zu erklärendes Wunder, über den „Großen Teich“ gelangt und in den USA gelandet? Lichterketten ohne Ende zieren Hausdächer, auf denen waghalsig Rentiere balancieren und Schlitten hinter sich herziehen. Ein Weihnachtsmann – was sage ich, einer, Dutzende, Hunderte dieser rotgekleideten alten Herren hangeln sich mühsam an hellerleuchteten Strickleitern die Fassaden hoch, immer ein Auge auf den Kamin gerichtet, durch den sie wohl noch sausen müssen. Rot und blau leuchten Licherketten an Tannen in den Vorgärten, hier und da blinken Sterne in allen Regenbogenfarben (wo gibt’s das sonst?) in den Fenstern. Äußerst bescheiden nehmen sich da die Pyramiden aus, die nur zaghaft Licht aussenden. Ganz neu sind zarte Lichtnetze, mit denen Bäume und Büsche sich in der Dämmerung in wahre Zauberwesen verwandeln. Wo aber ist unser alter, traditionell mit Kerzen bestückter Tannenbaum? Wieviel mehr Behaglichkeit geht doch von ihm aus als von all dem bunten Flitterglanz. Os


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