© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Dezember 2005

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied und Familienfreunde,

immer wieder steigt die Vergangenheit auf, die manchmal verdrängte, aber nie vergessene, und in diesem Jahr, das sich nun seinem Ende zuneigt, ist sie lebendiger als je zuvor. Vor 60 Jahren verlebten wir die erste Weihnacht als Vertriebene, und jeder von uns hat seine eigenen Erinnerungen an jene Zeit – das besagen die Briefe, die ich jetzt erhalte, und die auch in mir so vieles wecken, was die Jahre übertüncht hatten. Plötzlich ist die Erinnerung da an das erste Weihnachtsfest in unserer Flüchtlingsbehausung in der Lüneburger Heide und das Glücksgefühl, das ich empfand, als ich endlich eine Gabe für meine bettlägerige Mutter bekommen hatte: ein Leinennachthemd, leicht vergilbt, also schon sehr alt, aber nie getragen – für sie ein Geschenk des Himmels, denn sie besaß nun endlich ein eigenes Nachthemd! Es ist gut, wenn wir diese Erlebnisse nicht vergraben, über ihnen würde doch nicht das Gras des Vergessens wachsen. Und es ist gut, daß gerade in diesem Jahr viele Vertriebene ihre Erinnerungen aufgeschrieben haben, diese brüchigen Stufen ihres Lebens, die so schwer zu begehen waren. Es sind Dokumente, in die das Schicksal den Siegel drückte, und sie werden ihre Gültigkeit behalten.

Zu ihnen gehört auch ein schmales Büchlein, das mir mein immer hilfsbereiter Landsmann und Brückenbauer zu vielen Leserinnen und Lesern, der Königsberger Detlef Arntzen, jetzt überreichte. „Der Brief meiner Mutter“ ist es betitelt, und wird vom Verlag als Novelle bezeichnet. Literarisch betrachtet könnte man dieses kleine epische Werk so einordnen, aber es ist mehr als das. Es ist eben auch ein Dokument, das die Flucht im Januar 1945 akribisch schildert, aber auch die Emotionen klar und unverfälscht wiedergibt, denn der Autor fühlt sich als Übermittler: Er spricht für und über seine Mutter, deren im Februar 1945 an ihre Schwester gerichteten Brief er erst spät aus deren Nachlaß erhielt, ein auf vier Seiten mit Bleistift auf zerknittertem Papier geschriebener Bericht über das Verlassen der Heimat und die damaligen Zwischenstationen. „Dieser Brief ist wenig mehr als der Rahmen eines Berichtes über eine Flucht. Meine Mutter fühlte sich wie nach einer schweren Krankheit, sie konnte körperlich und seelisch das Erlebte nicht verständlich machen, sie wollte es auch nicht. Ich will nach Jahrzehnten den Brief aufarbeiten, der Wahrheit wegen.“ Der Sohn hat es getan – denn diese Wahrheit betrifft nicht nur das historische Geschehen, sondern vor allem eine von ihr so empfundene Schuld. Und die eigentlich noch immer im Raum steht und deshalb den Leser zwingt, über das Geschilderte nachzudenken, auch wenn man das – übrigens glänzend geschriebene – Büchlein zur Seite gelegt hat.

Es ist jener Augenblick, den Ilse Arntzen nie vergessen hat, als sie im Januar 1945 in Pillau an Bord der „Robert Ley“ ging, kurz vor dem Auslaufen, die Gangway wurde schon hochgezogen, und ihre Freundin zurücklassen mußte. Sie selber trug die Rote-Kreuz-Tracht und wurde als Schwester auf dem mit 5000 Flüchtlingen belegten Schiff eingesetzt. Gemeinsam hatten die Freundinnen die ersten Fluchtversuche unternommen, kamen mit einem bis zum Bersten vollen Flüchtlingszug bis Elbing, mußten nach Königsberg zurück. Ilse Arntzen wollte unbedingt zu ihren Kindern, die sie in Kolberg in Sicherheit wiegte – ihr Mann war als Major vor Leningrad gefallen –, Inge Wahrburg sollte sie begleiten. Die Freundschaft war noch jung, Inges Mann war erst 1944 von Köln nach Königsberg versetzt worden und hatte hier die Leitung des Arbeitsamtes übernommen. Nun blieb Inge Wahrburg so verloren am Kai zurück – und niemals hat Ilse Arntzen erfahren, was aus ihrer Freundin geworden ist. Ging sie nach Königsberg zurück, kam sie mit einem anderen Schiff doch heraus, lebte sie vielleicht später im Rheinland, oder wurde sie verschleppt, getötet? Ilse Arntzen fühlte sich immer schuldig – aber ist es nicht vielen von uns Vertriebenen ähnlich ergangen, wenn man in den Wirren jener furchtbaren Zeit von lieben Menschen getrennt wurde und nie erfuhr, wie ihr weiteres Schicksal war? Ich lese diese vermeintliche Schuld aus vielen Zuschriften heraus, die ich bekomme. Deshalb fügt sich „Der Brief meiner Mutter“ in den Rahmen unserer Ostpreußischen Familie ein (Erschienen im Laumann Verlag, Dülmen, 48 Seiten, ISBN 3-89960-277-3, Anschrift von Dr. Detlef Arntzen: Parkstraße 12 in 22605 Hamburg, Telefon 0 40 / 82 48 54).

Manche Namen vergißt man noch nach Jahr und Tag nicht, selbst wenn man 90 Jahre alt geworden ist und die Gesuchte, wenn sie noch lebt, auch bereits diese „Datumsgrenze“ überschritten hat! Aber ein Fünkchen Hoffnung bleibt, und das hält Felicitas Dreyer im glimmen, und jetzt fachen wir es an mit dem an unsere Ostpreußische Familie gestellten Suchwunsch nach Käte Burbiel. Sie und Frau Dreyer wurden gemeinsam am Hygienischen Institut in Königsberg zur medizinisch-technischen Assistentin ausgebildet. Sie wurden Freundinnen, verlebten auch 1934 oder 1935 zusammen ihren Urlaub in Berchtesgaden. Danach trennten sich ihre Wege. Felicitas Dreyer war eine Zeitlang außerhalb ihrer Heimatstadt Königsberg in Stellung, machte dann noch eine weitere Ausbildung zur Röntgenassistentin. Während der ersten Kriegsjahre war Frau Dreyer in der Praxis von Dr. Jaguttis in dem Haus an der Schloßteichbrücke tätig, in dem sich das Kino befand. Aber da stand sie schon nicht mehr mit Käte Burbiel in Verbindung und weiß deshalb auch nichts über ihren weiteren Lebens- und Berufsweg. Ja, das ist schon eine lange Zeitspanne, die es zu überbrücken gilt. Wenn sich auch die Gesuchte nicht finden sollte, was wahrscheinlich ist, dann vielleicht jemand aus ihrer Familie oder Bekanntschaft, der über das Schicksal von Käte Burbiel etwas sagen kann (Felicitas Dreyer, Berliner Straße 43 in 16515 Oranienburg).

Auch Benno Krutzke meldet sich mal wieder mit zwei Fragen, von denen ich die eine direkt beantworten, die zweite hier veröffentlichen will. Es handelt sich um den Verlauf des sogenannten Tatarenweges, über den Herr Krutzke unterschiedliche Angaben besitzt. Die eine bezieht sich auf das Buch „Masuren – ein Land wie aus einer anderen Zeit“. Danach verlief der Tatarenweg nach der Schlacht bei Prostken 1656 von dort nach Lyck. 1656/57 stießen die Tataren von Passenheim nordwärts bis Ragnit vor. In der Straßenkarte „Polen – südliches Ostpreußen“ ist eine Tatarische Wanderroute von Ortelsburg bis Babenten eingezeichnet. (Wanderroute klingt ja reichlich harmlos, immerhin haben die Tataren 13 Städte, 250 Dörfer, 37 Kirchen und unzählige Höfe niedergebrannt, 11000 Bewohner getötet und dreimal soviel verschleppt!) Aber nun zu der Frage von Herrn Krutzke, die da lautet: „Verlief der historische Tatarenweg über Lyck hinaus auch durch andere Gebiete?“ (Benno Krutzke, Neptunring 21 in 23968 Wismar, Telefon 63 66 53).

Zu „Gertlauken“ und das dort gefundene Liebesgedicht bekam ich ein nettes Schreiben von Oberforstmeister a. D. Friedrich-Karl Scharfetter. Natürlich moniert er – wie auch andere Leser – mit Recht, daß ich Gertlauken in den Kreis Gumbinnen verlegt hatte, wo es doch im Kreis Labiau liegt, aber den Irrtum habe ich bereits korrigiert. Herr Scharfetter schreibt: „Anfang August 2006 fahren Gertlauker zum ehemaligen Forstamt Neu Sternberg in Gr. Raum und nach Gertlauken. Meinen Freund Otto Lenz habe ich unter Beilage Ihres Berichtes gebeten, dann das gut renovierte Haus zu suchen und mir den ehemaligen Eigentümer mitzuteilen. Hoffentlich leben noch Nachkommen von ihm. Mein Vater war von 1920 bis 1945 Leiter der Oberförsterei des Forstamtes Gertlauken. Er war Lehroberförster, bildete Forstbeflissene (Anwärter für den höheren Forstdienst) aus und gehörte zur Prüfungskommission für die Försterprüfung. Außerdem kamen Forstreferendare während der Reisezeit nach Gertlauken. Daher habe ich im Deutschen Forsthandbuch von 1937 nach dem Namen ,Rawenst…‘ gesucht, ihn aber nicht gefunden!“ Vielen Dank, lieber Herr Scharfetter, für Ihre Bemühungen. Sie sind mal wieder ein Beispiel dafür, wie hilfsbereit und engagiert unsere Leser sind!

Einen kleinen Erfolg hat Karen Baum zu vermelden. Sie suchte im Rahmen ihrer Ahnenforschung nach der Familie Radtke aus Labiau, und – wie so oft – geschah erst einmal nichts. Aber dann meldete sich aus Orlando / Florida eine Ostpreußin, die als Kind in Labiau gelebt hatte und deren Eltern die Nachbarn des namentlich erwähnten Albert Radtke gewesen waren. Dadurch erhielt Frau Baum viele interessante Informationen. Ja, unsere Zeitung wird eben weltweit gelesen, und deshalb sollte man nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, wenn nach einem veröffentlichten Suchwunsch vorerst nichts geschieht.

Da schließen wir doch gleich einen Suchwunsch aus den USA an. Dort, im Staate Illinois, wohnt Wolfgang Reich, der im Rahmen einer Ostsee-Kreuzfahrt mit der „Constellation“ in der memelländischen Heimat seines Vaters war. In Heydekrug und Didszeln (Didßeln), wo sein Vater Friedrich Reich 1897 geboren wurde (Standesamt Trakseden), ging er auf Spurensuche. Der Reich-Hof wurde 1920 Friedrichs Schwester Hildegard übergeben, die später August Matejat heiratete. Wolfgang Reich fand dann auch im Museum Heydekrug (Silute) eine Einwohnerliste von 1942/43, in der August Matejat als Landwirt in Didszeln verzeichnet ist. Friedrich Reich soll in seiner Heimat Bäcker gelernt haben. Er ging 1920 in den Westen, lernte in Bad Doberan seine Frau kennen und zog nach Bremerhaven. Dort lebt auch der Bruder von Wolfgang Reich, und beide Brüder wollen nun mehr über die väterliche Familie und die Heimat ihrer Vorfahren wissen. Wer hilft ihnen dabei? Es gibt sicherlich noch ehemalige Nachbarn, die sich an die Familie Reich / Matejat aus Didszeln erinnern oder die ihnen bei der Ahnenforschung helfen können (Wolfgang Reich, 13474 Stone Hill Drive, Huntley / IL 60142 / USA, Telefon 8 47 / 5 15 / 38 35, E-Mail: wolfreich@comcast.net).

„Allwissend“ bin ich wirklich nicht, wie mir im nächsten Fall zugetraut wird, und manchmal geht es mir wie Goethes Faust: “… und sehe, daß wir nichts wissen können …“ Zwar will es mir nicht „schier das Herz verbrennen“, aber manchmal bin ich doch mit mir unzufrieden, wenn ich das Vertrauen, das in mich gesetzt wird, nicht erfüllen kann. Gut und schön, hier weiß ich nicht weiter, auch fachkundige Kollegen konnten mir nicht helfen – was mich wiederum etwas tröstet –, aber vielleicht hilft unsere große Familie. Herr Dr. med. G. Kaiser erfuhr von einer aus Rußland stammenden deutschen Krankenschwester, daß ihre Familie eigentlich aus Ostpreußen komme, ihre Sprache verrate dies noch. Ihre Vorfahren wurden von der Zarin Katharina der Großen (1729–1796) angeworben und hinter dem Ural angesiedelt. Die Familie kommt ursprünglich aus Klippenfeld – das soll irgendwo in Ostpreußen liegen, ist aber in keinem Ortsverzeichnis zu finden. Es gab lediglich eine Försterei Klippen in der Elchniederung. Wo lag dieses Klippenfeld? Kann es sein, daß es ein Ort im damaligen Kurland war, nordöstlich des Memellandes? Denn dort gab es „Klippen“ – das beweist auch ein Lied, das wir alle als unser Hafflied kennen und lieben: „Wo det Haffes Wellen trecken an den Strand …“ Ursprünglich auf der Zingst von Martha Müller-Grählert im pommerschen Platt geschrieben, wurde es vielerorts übernommen und umgedichtet. So in Inse von dem Präzentor Leiber zum „Hafflied,“ aber auch im Baltikum, „wo de Wälle trecke on den Klippenstrand“. Vielleicht bin ich jetzt über die falschen Klippen gestolpert, aber eine Überlegung ist es schon wert, denn es erscheint eigentlich nicht sehr glaubhaft, daß im 18. Jahrhundert, wo im von Pest und Tartaren verwüsteten Altpreußen neue Siedler in das Land gerufen wurden, auch noch Menschen abwanderten. Kurz und gut: Wer weiß etwas über die Ansiedlung von Ostpreußen zu jener Zeit in Rußland? Wo taucht der Ortsname „Klippenfeld“ auf (Antworten sind zu richten an Herrn Dr. med. G. Kaiser, Karl-Engelhard-Straße 7 in 34286 Spangenberg, Telefon 0 56 63 / 79 00, Fax 0 56 63 / 9 10 49)?

Habe ich doch ein bißchen zu viel geschabbert? Dann lag es daran, daß ich gerade einen Brief von unserm Landsmann Rüdiger Sakuth aus Australien bekommen habe, in dem er schreibt: „Ich freue mich jedesmal über Ihre Seite. Was mir daran gefällt, ist, daß Sie eine Fülle von Informationen bringen, kurz und trotzdem sehr vielsagend!“ Na, das verpflichtet doch!

Und Marianne Seelbach hat sich für die erneute Veröffentlichung der wundersamen „Familienzusammenführung zwischen Belgien und Ostpreußen“ so herzlich bedankt, auch im Namen ihres 99jährigen Vaters Hans Licht und der Familie Janssens, daß ich diesen Dank einfach weitergeben muß. Die Artikel aus unserer PAZ wandern nach dem Lesen immer nach Belgien – auch dort machen sie Freude!

Eure Ruth Geede

Konfirmation von 40 Jungen und 32 Mädchen in Wallenrode, Kreis Treuburg mit Pastor Marienfeld, der zu diesem Ereignis auf Proteste des Kirchenvorstandes hin aus der Haft entlassen worden war und Ende der 90er Jahre im Altenheim von Iserlohn verstorben ist: Wer sich wiedererkennt, wende sich an seinen Mitkonfirmanden Hans Skubich, Schmützberg, 23717 Kasseedorf / Sagau, Telefon (0 45 28) 91 16 25. Foto: privat


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