© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Dezember 2005

Überraschung am Heiligabend
Der Ostpreuße Heinrich Klostowiak erlebt, wovon er jahrelang geträumt hat
von Kurt Baltinowitz

Heinrich Klostowiak hatte es im Leben wirklich nicht leicht gehabt. Da seine ostpreußische Heimat, unter polnischer Verwaltung stand, verschlug es ihn nach der Kriegsgefangenschaft in einen kleinen Ort unweit von Hamburg. Trotz vieler Anlaufschwierigkeiten gelang es ihm schließlich, Jura zu studieren. Bald war er ein angesehener Rechtsanwalt, heiratete eine gutsituierte Einheimische, die ihm zwei Söhne gebar. Doch nach zehn Jahren zerbrach die Ehe. Heinrich verfiel in Depressionen, geriet auf die schiefe Bahn, verlor seine Existenz, sprach dem Alkohol zu, verschuldete sich und landete eines Tages in der Gosse, lebte von der Sozialhilfe und vom Betteln. Der Kontakt zu seiner Ex-Frau und den Söhnen bestand nicht mehr.

Natürlich gibt ein urwüchsiger, kerniger und hartgesottener Ostpreuße auch in einer ausweglosen Situation sich nicht so schnell auf. Langsam drosselte Klopstowiak seinen Alkoholkonsum, holte sich von der Armenhilfe Bekleidung und wagte sich wieder unter Menschen. Unentwegt sprach er bei Firmen und Behörden vor, bis ihm endlich das Glück hold war. Wenn auch nicht seinen geistigen Fähigkeiten entsprechend, war er dennoch dankbar, in einem Hotel als Portier arbeiten zu dürfen, ließ gänzlich vom Alkohol und avancierte nach relativ kurzer Zeit sogar zum Empfangschef.

Als Heinrich in Rente ging, bezog er eine kleine Wohnung in einer Altenwohnanlage, fand rasch Kontakt zu den Mitbewohnern und freundete sich mit Alwin Laudarius an, der ähnliche Schicksalsschläge wie er aufzuweisen hatte. Sie trafen sich täglich in der Cafeteria.

„Du siehst ja heute wieder ziemlich zerknittert aus, Heinrich“, frozzelte Alwin schmunzelnd. „Warst du etwa auf Brautschau?“ Der 83jährige rüstige Heinrich winkte grinsend ab und entgegnete: „Immer die gleiche Platte legst du auf. Kannst wohl überhaupt nicht verschmerzen, daß dich seinerzeit Renate nicht genommen hat? Sie mag eben lieber knakkige, jung gebliebene Ostpreußen.“

Alwin Laudarius lachte schallend auf und sagte: „Du bist vielleicht ein Spinner! Bist gerade ein Jahr jünger als ich und mimst hier den Frauen-schwarm. Ich finde auch noch mein Pendant. Verlaß dich drauf!“ „Oder der Weihnachtsmann bringt dir so ein schnuk-keliges Frauchen mit Sexy-Figur, Atombusen und lange Beine bis zum Bauch“, warf Heinrich spöttisch ein.

Zunächst schwieg Alwin, wurde nachdenklich und sagte dann nach einer Weile mit ernster Miene: „Erinnere mich bloß nicht an das Fest der Liebe, der Freude, der Harmonie... Weih-nachten Feiern im Kreis der Familie kennen wir doch schon eine Ewigkeit nicht mehr. Alles vorbei! Deine Söhne haben sich von dir entfremdet, meine beiden Töchter leben bereits jahrelang in Australien und Kanada. Der Kontakt ist abgerissen. Was haben wir nur falsch gemacht? Haben wirklich nur wir alles falsch gemacht? Sind wir Rabenväter?“

„Ach, Alwin, das kann man wohl beim besten Willen nicht mehr so genau nachvollziehen. Wer weiß schon, was aus unseren Sprößlingen mittlerweile geworden ist. Ich weiß nicht mal, ob meine Herren Söhne verheiratet sind, vielleicht auch schon geschieden, eventuell sogar wie ich gescheitert, auf die schiefe Bahn geraten. Wer weiß es schon?“

„Ja, ja, du hast schon recht, Heinrich, aber es bringt nichts, uns gegenseitig die Ohren vollzujammern. Lassen wir alles auf uns zukommen. In zwei Wochen ist Weihnachten. Auch diesmal werden die Feiertage wieder freudlos an uns vorüberziehen. Jedenfalls an mir! Du hast ja deine Renate dein Marjellchen aus Ostpreußen.“

„Bin ich auch stolz drauf“, gab Heinrich lächelnd zu verstehen. „Trotzdem hätte ich auch gern Verbindung zu meinen Söhnen. Ach was, Schwamm drüber. Da kann nichts mehr werden, weil wir uns zu lange entfremdet haben und meine Ex-Frau die Kinder ständig gegen mich aufhetzte. Dabei hatte ich zu meinen Söhnen immer ein gutes Verhältnis.“

Den Heiligabend verbrachte Heinrich mit seiner Renate: Eine Flasche Rotwein, eine gute Zigarre, ein kleines Plastikweihnachtsbäumchen. Renate legte eine Weihnachtskassette ein. Plötzlich schrillte die Türglocke. „Hast du jemand eingeladen?“ forschte Renate. „Den Alwin?“ „Aber nein! Das sind wahrscheinlich wieder Bettler wie im vorigen Jahr. Meistens schicken sie ihre Kinder los. Da, es läutet wieder!“ Renate schaute durch den Spion. „Eine Frau mit Kind“, sagte sie. „Gib ihr zwei Euro, dann sind wir sie los,“ brummte Heinrich. „Mach du das, Heinrich. Wer weiß, was für eine das ist!“

Heinrich legte die Sicherheitskette vor und öffnete die Tür einen Spalt. „Willst du uns nicht reinlassen, Opa?“ fragte die hübsche junge Frau mit einem Mädchen an der Hand. „Wir sind...“ „Heinrich...! Schließ sofort die Tür“, zeterte Renate. „Das ist eine ganz faule Masche, auf der die Frau reist. Im Hintergrund steht bestimmt so ein Kerl, der uns dann überfällt und ausraubt.“

Trotz Renates Bedenken öffnete Heinrich dennoch die Tür und hieß die beiden Über-raschungsgäste einzutreten. Irgendwie ahnte er etwas, denn das Mädchen an der Hand der Frau wies eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem Sohn Kay auf. Unverkennbar. Und während Heinrich noch völlig durcheinander rätselte, sprudelte es aus der jungen Frau heraus: „Ja, hier steht deine Schwiegertochter vor dir. Ich bin die Ehefrau von Kay, deinem Sohn. Und hier“, sie schob das Mädchen vor sich hin, „das ist Melanie, dein Enkelkind. Vorgestern neun Jahre alt geworden.“

„Und... meine Ex-Frau..., weiß die was davon, daß ihr hier seid? Stotterte Heinrich, streichelte Melanie zaghaft übers Haar.

„Sie verstarb vor vier Jahren, an Krebs“, sagte Anja leise. „Sicher an Lungenkrebs, denn sie rauchte schon zu meiner Zeit 40 bis 50 Zigaretten am Tag ... Na ja... Wie geht es denn deinem Mann, meinem Sohn Kay?“ „Er wartet unten im Wagen auf uns“, gab Anja geheimnisvoll zu verstehen. „Zieh dich schnell um und dann fahren wir zu uns, feiern dort gemeinsam Weihnachten. Ich glaube mich wohl nicht zu täuschen, daß die nette Dame auf dem Sofa deine Freundin ist. Sie kommt natürlich mit... Und morgen besuchen wir deinen Sohn Karsten. Dann lernst du auch noch deine zweite Enkeltochter Petra kennen.“

Es dauerte eine geraume Weile, bis sich Heinrich von dem Schock erholt hatte, der ihm in die Glieder gefahren war, hervorgerufen durch die freudige Überraschung am Heiligabend, wovon er jahrelang geträumt hatte.

Heinrichs Traum: Weihnachten im Kreis der Familie


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