© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Dezember 2005

Wenn Legenden Beweise ersetzen
Wie das Deutsche Historische Institut Warschau mit Steuergeldern der Bundesbürger Geschichtsklitterung betreibt
von Heli Berryseld (DOD)

Zwei volle Säle füllten sich in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin bei der Eröffnung der Ausstellung „Größte Härte – Verbrechen der Wehrmacht in Polen September / Oktober 1939“. Die Geladenen bekundeten also großes Interesse, sich über dieses Kapitel der deutsch-polnischen Geschichte – eines der düstersten Kapitel – zu informieren.

„Wichtig ist nicht nur, woran wir uns erinnern, sondern auch wie“, mit diesem Satz leitete Professor Klaus Ziemer, Direktor des Deutschen Historischen Instituts Warschau, die Reihe der sechs Reden ein. Der Botschafter von Polen, Dr. Andrzej Byrt, hob den Zeitpunkt der Ausstellung hervor, denn sie beginne „am Vortag der feierlichen Eröffnung des deutsch-polnischen Jahres, mit dem angestrebt wird, Polen und Deutsche einander näherzubringen“.

Er hatte die Ausstellung selbst noch nicht gesehen, als er idealistisch anmerkte: „Um künftig deutsch-polnische Spannungen vermeiden und das Vorfeld für gemeinsame, in Eintracht realisierte, europabezogene deutsch-polnische Projekte bereinigen zu können, müßte man im deutsch-polnischen Jahr auf Konzerte, Ausstellungen und Kunstprojekte verzichten, dafür das ganze Programm dem Geschichtsunterricht widmen – über den Verlauf des Zweiten Weltkrieges sprechen, Tatsachen feststellen, informieren, auf Unterschiede in der Wahrnehmung und Auslegung der Geschichte aufmerksam machen.“

Verwundert hörte man nun den nächsten Redner, Professor Hans-Erich Volkmann, ehemals vom militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam. Er beendete seine lange Rede mit dem beschwörenden Satz zur Aufgabenstellung dieser Ausstellung: In das deutsche „Wahrnehmungsszenario vermeintlicher geschichtlicher Realität eine Ordnungsfolge nach den Prinzipien von Ursache und Wirkung zu bringen war und ist eine Aufgabe insbesondere deutscher Historiker als Zeichen moralischer Wiedergutmachung unserem östlichen Nachbarn gegenüber“.

Die Präsentation der Ausstellung war vom jungen deutschen Nachwuchshistoriker Dr. des. Jochen Böhler zusammen mit zwei polnischen Wissenschaftlern gestaltet worden. Sie beschränkt sich auf zwei Monate im Jahre 1939 gleich nach dem Kriegsbeginn, jedoch versprachen die Reden, daß das deutsch-polnische Verhältnis im Kontext und nach den „Prinzipien von Ursache und Wirkung“ gesehen werden sollte.

Diese Ausstellung war schon ab dem 1. September 2004 im Warschauer Königsschloß und in mehreren Städten der Republik Polen gezeigt worden. Inzwischen hat sie die Bundesrepublik Deutschland erreicht, wo sie bis Ende nächsten Jahres zu sehen sein soll. Darmstadt und Bonn stehen dabei ebenso auf dem Programm wie Dresden und Heidelberg. Den Anfang machte die Bundeshauptstadt Berlin mit der Gedenkstätte deutscher Widerstand in der Stauffenbergstraße, gleich neben dem Potsdamer Platz und der Jugendherberge.

Jeder, der die Ausstellung sieht, fühlt sich betroffen über die dargestellten Morde an polnischen Zivilisten und Kombattanten in Polen durch die deutsche Wehrmacht. Da die Ausstellung für die breite Öffentlichkeit – vor allem auch junge Menschen – gemacht ist, werden bei den jeweiligen ausgeübten Verbrechen allgemeine Erklärungen gegeben zum Kombattantenstatus, zu geltendem Kriegsrecht, zu Partisanen, zu Geiseln und so weiter. Es werden Zahlen und Daten genannt und der Betrachter geht davon aus, daß die Fakten historisch belegt und nicht strittig sind. Historisch muß aber offensichtlich nicht heißen „dokumentarisch belegt“ oder „geprüft“, wenn die Ausstellung „ein Zeichen moralischer Wiedergutmachung an unserem östlichen Nachbarn“ sein soll.

Die Ausstellung besteht aus viereckigen Säulen in zwei Räumen, auf denen dargestellt wird, wo die Verbrechen der Wehrmacht verübt worden waren. Zwei Gebiete interessierten am meisten, lagen sie doch vor dem Versailler Vertrag innerhalb des Gebietes des Deutschen Reichs: Danzig und Bromberg. Daher ist die Darstellung des Verhaltens der Wehrmacht an diesen Orten besonders interessant.

Danzig gehörte bis 1945 nicht zu Polen, sondern war eine Freie Stadt, die Hitler nach den ersten Schüssen des Septembers 1939 auf die Westerplatte eroberte und dem Dritten Reich einverleibte. Das war völkerrechtswidrig, wird aber hier gar nicht angeprangert; hervorgehoben wird die Verteidigung der polnischen Post in Danzig. Sie wurde einen Tag lang verteidigt von rund 100 Mann, die sich schließlich ergaben. Sie wurden vor ein deutsches Kriegsgericht gestellt, das ihnen den Kombattantenstatus aberkannte und sie zum Tod durch Erschießen verurteilte.

Hier fehlte der Kontext, eine Information oder eine Erklärung der Unterschiede in der Wahrnehmung und Auslegung der Geschichte zwischen Polen und Deutschen. Danzig gehört heute zu Polen, aber nicht 1939. So verständlich der Widerstand polnischer Postangestellter gegen bewaffnete Deutsche war – ob es Wehrmachtsangehörige waren, wird von Danzigern bestritten – die in polnischen Postuniformen steckenden Verteidiger waren mitten in der Freien Stadt Danzig bis an die Zähne bewaffnet. Diese strittige Situation wird in der Ausstellung als Heldentum dargestellt, so wie in allen polnischen Geschichtsbüchern und Darstellungen – die Erschießung der polnischen Verteidiger aber als Verbrechen der Wehrmacht in Polen.

Die Darstellung der Verbrechen der deutschen Wehrmacht in Bromberg wird unter dem Stichwort Geiseln vorgenommen. Der Text an der Säule lautet:

„In Bromberg waren am 3. September polnische Truppen, die sich durch die Stadt vor den deutschen Panzertruppen zurückzogen, beschossen worden – höchstwahrscheinlich von Angehörigen der deutschen Minderheit. Als Reaktion darauf töteten polnische Soldaten und Zivilisten auf dem Bromberger Stadtgebiet deutschstämmige Einwohner.

Polnische Schätzungen der Opferzahlen liegen zwischen zehn bis 300 (inzwischen geändert in 100 bis 300, die Autorin).

Am 5. September rückte die deutsche Wehrmacht in die Stadt ein. Die örtliche Bürgerwehr leistete in den ersten Tagen noch erbitterten Widerstand.

Es waren nach der Besetzung durch deutsche Truppen noch tagelang vereinzelt Schüsse auf das Stadtgebiet zu hören.“

Daraufhin wurde vom Stadtkommandanten Generalmajor Braemer am 8. September öffentlich verkündet, daß Geiseln aus der Zivilbevölkerung genommen und bei weiteren Schüssen durch Freischärler hingerichtet werden würden.

Am 9. September inhaftierte er 100 Geiseln und von diesen wurden am 10. September 20 erschossen, weil es weitere Schüsse gegeben hatte.

Weitere Exekutionen und die Zahl der ermordeten polnischen Zivilisten werden angegeben, nicht aber die Tatsache, daß Generalmajor Braemer nach dem Krieg von einem britischen Gericht freigesprochen worden ist, weil er nach geltendem Kriegsrecht gehandelt hatte.

Zu dieser Ausstellung hatte man sich im Warschauer deutschen historischen Institut entschlossen, als Dokumente ge-

funden worden waren, nach denen die Wehrmachtssoldaten schon vor dem Polenfeldzug auf mögliche Hekkenschützen und Freischärler in Polen hingewiesen worden waren. Diese Instruktionen sollen ihre Nervosität gesteigert haben. Dazu heißt es im Ausstellungsprospekt: „Zudem beschossen sich unerfahrene und nervöse deutsche Soldaten häufig gegenseitig. Dadurch wurde unter ihnen der falsche Eindruck erweckt, allerorten Zielscheibe von Angriffen der polnischen Zivilbevölkerung zu sein. Dieser ,Freischärlerwahn‘ führte dazu, daß die deutsche Wehrmacht in den ersten Wochen des Einmarsches Tausende polnische Zivilisten erschoß.“

Vergebens sucht man bei der Darstellung über Bromberg, die mit den Ereignissen vom 3. September beginnt, den Kontext, die Vorgeschichte oder eine Erwähnung der Ereignisse in der Umgebung Brombergs an diesem Sonntag, der im deutschen Gedächtnis „Bromberger Blutsonntag“ heißt und von dem heute noch die abenteuerlichsten Legenden existieren. In dieser Ausstellung wird nicht erklärt, daß seit dem Einmarsch der Wehrmacht mindestens 1500 Deutsche von polnischen Horden ermordet worden waren. Ihre Leichen lagen am Wegesrand und vor den Häusern und wurden dort von den deutschen Soldaten gefunden. Das hatte sie in diesem Bereich wirklich sehr „nervös“ gemacht. Letztendlich forderte der Bromberger Blutsonntag in der gesamten Umgebung etwa 5000 namentlich bekannte Tote deutscher Abstammung.

Schon vor über drei Jahren wurde vom Historischen Direktor der „Akademia Bydgoszcz“, Professor Wlodzimierz Jastrzebski, öffentlich in der Zeitung und danach auf einer deutsch-polnischen Tagung in Bromberg vorgetragen, daß es keine Beweise gibt für die Darstellung, daß von Deutschen auf polnische Soldaten geschossen worden sei. Es gab keine verletzten oder getöteten Personen und keine Munitionshülsen oder eingeschlagene Munition. Es gab aber Beweise für die zuvor tausendfach getöteten Deutschen und den Todesmarsch nach Lowitsch.

Inzwischen ist Professor Jastrzebski als Historischer Direktor in Bromberg abgesetzt worden, und seinem damaligen Assistenten, Dr. habil. Witold Stankowski, hat man eine Professur in Bromberg versagt, weil auch er nicht die bisherige offizielle Meinung der polnischen Historiker vertrat.

Nach Besichtigung der Ausstellung traf ich auf den Ausstellungsmacher Jochen Böhler und den polnischen Botschafter. Böhler vertrat vehement die Ansicht, daß Professor Jastrzebski ja zuvor jahrelang das Gegenteil behauptet hätte. Deshalb könne man nicht die bisherige Geschichtsauffassung ändern. Polnische Historiker tun dies inzwischen, die vom Deutschen Historischen Institut in Warschau nicht. Der Botschafter hatte die Ausstellung noch immer nicht gesehen.

Um was geht es bei dieser Ausstellung? Geht es um Ursache und Wirkung, um historische Dokumente oder um die Wiederholung propagandistischer Legenden? Es kann nur darum gehen, daß in Deutschland mit einer solchen Ausstellung die Vorbehalte gegen die Aufarbeitung der Geschichte nicht abgelehnt, sondern gefördert werden sollten.

Der angesprochene Historiker Böhler hat auf schriftliche Hinweise die Zahlen der deutschen Toten in der Stadt Bromberg geändert, zum Status Danzigs aber überhaupt nicht reagiert, so als sei Danzig immer Polen gewesen.

Entweder man läßt ein solch schwieriges Kapitel wie Geiseln in Bromberg weg oder man stellt die ganze Wahrheit dar. Offensichtlich haben sich die deutschen Historiker dazu entschieden, nur die bisherige polnische Sicht der Ereignisse darzustellen. Unglaubwürdige Teile aber entwerten die übrigen Teile der Darstellung und bestätigen vorverurteilende Skeptiker. Damit wird rechthaberischen Geschichtsinterpretationen eine offene Flanke geboten. „Am Vortag der feierlichen Eröffnung des deutsch-polnischen Jahres, mit dem angestrebt wird, Polen und Deutsche einander näherzubringen“, konnte man etwas anderes erwarten. Selbst der polnische Botschafter, mit dem ich diskutierte und Korrespondenz führte, reagierte betroffen auf meine Vorhaltungen. Was aber soll er ändern, wenn deutsche Wissenschaftler aus Warschau resistent gegen die Wahrheit sind und mangelnde Beweise durch unbewiesene Legenden ersetzen?

Faltblatt zur Ausstellung „Größte Härte“: Unter der Überschrift „,Freischärler‘“ heißt es dort, ein „,Freischärlerwahn‘“ habe dazu geführt, daß die deutsche Wehrmacht in den ersten Wochen des Einmarsches tausende polnische Zivilisten grundlos erschossen habe. Foto: Archiv


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