© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Dezember 2005

Immer vorn am Büffet / Was soll die Aufregung: Schröder ist ganz der alte geblieben – nur seine Denkmalbauer stehen jetzt ein wenig blöde da
Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Das Überraschendste an Schröders hurtigem Eintritt in die gut bezahlten Dienste des Kreml ist die Überraschung darüber. Der Altkanzler habe „sein Ansehen verrubelt“, schimpfen die einen. Andere jammern gar, mit dem gasigen Engagement habe Schröder „sein eigenes Denkmal gestürzt“. Sein was? Der letzte Kanzler, der den Deutschen denkmalwürdig erschien, hieß Bismarck. Selbst Stresemann (der ja auch mehr als Außenminister reüssierte denn in seinen paar Wochen Kanzlerschaft) oder Adenauer kriegten keines, die müssen sich mit Straßen begnügen – und oft nicht mal besonders noblen. Bei Schröder wollen wir uns nicht einmal das vorstellen. Vielleicht schenken ihm ja seine neuen russischen Arbeitgeber dereinst einen hübschen „Schrjeder-Prospjekt“ im Herzen Moskaus.

Daß Schröder seine Kanzlerwürde mit der gleichen Unbekümmertheit in Zahlung gibt wie einen abgetragenen Brioni-Anzug, spricht vor allem für eines: Der Mann hat mindestens einmal nicht gelogen, nämlich als er tönte: „Ich lasse micht nicht verbiegen!“ Schröder, der Spaß-, Chaos- und Agendakanzler aus beschwingter Zeit, ist auch nach seinem Auszug aus dem Kanzleramt ganz der alte geblieben: Ein begnadeter Zocker.

Es ist wie im Märchen, nur daß die Rollen vertauscht wurden: Während die bescheuerten Kinder vom rot-grünen Gewand des Kaisers schwärmten, hatte der nie Schwierigkeiten damit, seine Nacktheit öffentlich zuzugeben. „Ich habe nicht vergessen, woher ich komme“ prangte als vielsagender Bannerspruch über dem Ex-Regierungschef. Wie jede Losung dieser Art ist auch das nur eine Überschrift. Der Text darunter lautet: „Wo ich herkomme, da greift man zu, wenn’s was umsonst gibt und fackelt nicht lange am Büffet!“

Die Denkmalbauer stehen nun natürlich ein bißchen blöde da. Sieben Jahre hatten sie sich abgerackert am Trugbild vom großen Staatsmann Schröder und unter heftigen Schmerzen die eigenen Sinne betäubt, um nicht dahinterzukommen, was sie eigentlich alle wußten. Jetzt dreht ihnen Schröder selbst eine lange Nase nach der Manier eines flüchtenden Gurus, der seinen konsternierten Jüngern zum Abschied grinsend zugluckst: „Und Ihr Idioten habt mir das alles geglaubt?“ – um in seiner Limousine auf Nimmerwiedersehen davonzubrausen.

Peinlich bewußt wird uns dieser Tage, daß wir wegen der großen Koalition gar keine richtige Opposition mehr haben im Bundestag. Die Grünen schimpfen ein bißchen über Schröders neueste Kapriole, aber wen kümmert das schon? Und wenn die PDS anderen Zynismus vorwirft, ist das ebenso überzeugend wie eine FDP, die sich über zu viele Aufsichtsratsposten von Politikern mokiert.

Dafür konnten die Liberalen in der Sache des von der CIA entführten deutschen Staatsbürgers al-Masri richtig auf den Putz hauen und die Bürgerrechtspartei herauskehren, was den Grünen übel auf den Magen geschlagen ist. Eigentlich wäre das ja ihr Thema: Deutschland als Bananenrepublik, die von korrupten Mitwissern der US-Geheimdienste regiert wird – diese Vorstellung gehörte im politischen Altar der Grünen an jene Stelle, wo bei anderen Glaubensgemeinschaften die Kreuzigung Christi abgebildet ist, als zentraler Dreh- und Angelpunkt ihres Weltbildes und ewigliche Mahnung. Es blieb dem treuen Bütikofer überlassen, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, als er den kichernden Journalisten erklärte, daß der damalige Außenminister Fischer von al-Masris Verschleppung keine Ahnung gehabt habe. Wie herauskam, hatte sich dessen Anwalt schon im Juni 2004 ans Außenamt gewandt – ohne Erfolg.

Das mit der „Bananenrepublik Deutschland“ ist natürlich gemeiner Unsinn. Ein kleines bißchen bananig darf sich die neue Kanzlerin allerdings schon vorkommen. Angetreten war sie, das Verhältnis zu den USA wieder aufzupolieren. Jetzt muß sie erst mal von den Frostbeulen genesen, die sie sich beim Gespräch mit Condi Rice geholt hatte, als die Rede auf die Fliegerei der CIA im deutschen Luftraum kam. Die Antwort der US-Außenministerin auf diesbezügliche Fragen lautete ins richtige (also nicht das diplomatische) Deutsch übersetzt: „Davon versteht ihr nichts, ihr verzogenen Pickelgesichter. Also haltet gefälligst den Rand!“ So hatte sich Angela Merkel das freudige Wiedersehen unter „Freunden und gleichberechtigten Partnern“ nicht vorgestellt. Dennoch verzog sie, ganz Profi, keine Miene. Muß sie auch nicht, denn ihre Miene ist, wie es scheint, immer schon ein wenig verzogen, noch bevor es einen Anlaß dazu gäbe.

Anlaß zu säuerlichen Zwischenrufen bietet allerdings die PDS. Der Eifer, mit welchem sich die Postkommunisten für die Menschenrechte ins Zeug legen, trägt schon komische Züge. War da nicht mal was? Man fragt sich ehrlich: Wie machen die das eigentlich? Lachen die sich abends heimlich ins Fäustchen, wenn sie an die dummen Gesichter der Demokraten denken, die sich von ihnen – ausgerechnet ihnen! – Moralpredigten von der reinen Lehre der Humanität anhören müssen? Wohl kaum, eher ist es wie bei Schauspielern, die irgendwann so intensiv in ihrer Rolle aufgehen, das sie glauben, sie seien es wirklich. Auf der Bühne oder am Drehort ist dieses Verschmelzen ein Ausdruck höchster Begabung, die man ja auch Gregor Gysi nicht absprechen mag. Derart talentierte Mimen bringen es fertig, von eingebildeten Monstern gejagt durch einen vermeintlichen Dschungel zu rasen, als seien sie wirklich in Lebensgefahr. Dabei hasten sie in Wahrheit nur an einer blauen Wand entlang durchs Studio, weil der ganze Rest erst später am Computer dazugemalt wird.

Solche Akteure können sich auch selber glauben machen, daß es „mit dem Aufbau des Sozialismus vorangeht“, während um sie herum ganze Städte zusammenkrachen oder daß sie die wahren Anwälte der Menschenrechte sind, nachdem sie nur wenige Jahre zuvor noch eine düstere Diktatur zu verantworten hatten. Alle sehen noch den armen alten Mielke in der Volkskammer unter dröhnendem Gelächter ausrufen: „Ich liebe doch alle Menschen!“ Das meinte er ernst, was jeden, dem die Fürsorge der PDS angedroht wird, zu äußerster Vorsicht gemahnt. Al-Masri, sei auf der Hut! Die PDS liebt dich!

Selbst wenn diese besondere Art der Liebe nicht gerade zu warmen Gefühlen anregt, eines kann man ihr nicht nachsagen: daß sie käuflich wäre. Im Gegensatz zur gewerbsmäßigen Zuneigung ist die marxistische Hingabe auch sehr dauerhaft. Wer sich die Liebe der Kommunisten erst einmal zugezogen hat, muß manchmal 70 Jahre und länger strampeln, um sie wieder vom Hals zu bekommen. Die Bordsteinschwalben der Europäischen Union sind da viel pragmatischer. Gestern noch waren die Polen beispielsweise die besten Freunde der Briten, und die polnische Regierung eine der treuesten Gespielinnen der „europäischen Einigung“.

Mit beidem ging es abrupt vorbei, als nunmehr England als EU-Ratspräsident den Wechsel kürzen wollte. Wut und Enttäuschung haben die heitere Stimmung im europäischen Boudoir gründlich versaut. Den Briten begegnet kalte Ablehnung, wo eben noch süße Komplimente plätscherten. Bei den EU-Nehmerländern fragt man sich, welchen Wert die „europäische Vision“ eigentlich noch hat. Bislang konnte man den in Milliarden Euro messen. Eine andere Maßeinheit kennt man dort dafür nicht. Wie im richtigen Leben dösten nur die zahlenden Freier in der bizarren Illusion dahin, beim gezinkten Liebesspiel seien echte Gefühle im Spiel.

Gerüchten zufolge will London versuchen, die Lösung des leidigen Finanzproblems bis zur deutschen Ratspräsidentschaft 2007 aufzuschieben. Dann könnten Polen und Briten ihre alte Freundschaft neu beleben. So wäre ja wenigstens ein gemeinsamer Feind zur Hand, was die Sache bekanntlich enorm erleichtert.

Wie im Märchen, nur umgekehrt: Der Ex-Kanzler hatte nie Probleme mit seiner Nacktheit

Wilder Wechsel Zeichnung: Götz Wiedenroth


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