© Preußische Allgemeine Zeitung / 04. März 2006

Der Oberst Redl des deutschen Kaiserreichs
Gustav Wölkerling verdiente als Spion mindestens fünfmal soviel wie der ungleich berühmtere Österreicher
von Jürgen W. Schmidt

Der Spionagefall des k. u. k. Oberst Redl ist durch die bekannte Reportage von Egon Erwin Kisch und den nicht weniger beeindruckenden Film mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle in weiten Kreisen bekanntgeworden. Deshalb erstaunt es ein wenig, daß der zeitgleich zu Redl agierende und äußerst erfolgreiche Spion Gustav Wölkerling völlig aus dem kollektiven Bewußtsein in Deutschland verschwunden ist. Wie im Leben Oberst Redls finden sich bei Wölkerling Elemente der Tragik und Leidenschaft. Während Redl durch die Spionagetätigkeit für Rußland seine verdrängte Homosexualität zu kompensieren suchte, war Wölkerling bemüht, durch exzessiv betriebene Spionage die finanziellen Mittel für seinen sozialen Aufstieg zu erlangen und so seiner fast zehn Jahre jüngeren, abgöttisch geliebten Frau ein Leben in Reichtum und Luxus zu ermöglichen. Vielleicht liegt die fast völlige Vergessenheit Wölkerlings aber auch daran, daß er weder Offizier war noch dem Geheimdienst angehörte, stammte er doch aus sozialen Unterschichten und bekleidete nur die bescheidene Stellung eines Schreibers im Büro des Gouverneurs der Festung Thorn in Westpreußen. Trotzdem handelte es sich bei dem Fall Wölkerling um die bedeutendste Spionageaffäre der deutschen Kaiserzeit, die seinerzeit in militärischen und Polizeikreisen lebhaft diskutiert und kommentiert wurde.

Gustav Wölkerling wurde am 4. Mai 1882 in der Stadt Perleberg in der Westprignitz geboren. Seine Eltern, der Vater bezeichnete sich als "Ackerbürger", lebten in ziemlich dürftigen Verhältnissen, auch der sieben Jahre ältere Bruder Georg und die fünf Jahre ältere Schwester Auguste waren arm. So war es für den geistig begabten Gustav Wölkerling schon ein gewisser sozialer Aufstieg, als er 14jährig nach Beendigung der Volksschule 1896 eine Beschäftigung als Schreiber auf dem Landratsamt Perleberg fand. Später war er in gleicher Funktion bei der städtischen Polizeiverwaltung Perleberg tätig. Schriftstücke von der Hand Wölkerlings zeigen bis ins Alter eine schöne Kanzleihandschrift und einen gewählten Ausdruck.

Im Oktober 1903 erhielt der 21jährige Wölkerling seine Einberufung in das "1. Westpreußische Fußartillerieregiment Nr. 11" nach Thorn. Der intelligente junge Mann versuchte eine militärische Karriere einzuschlagen. Schnell wurde er zum Unteroffizier befördert und bereits nach zweieinhalb Dienstjahren als "etatsmäßiger Schreiber" der Festungskommandantur Thorn eingesetzt. Nach weiteren drei Jahren lernte der nunmehr 27jährige Unteroffizier Wölkerling im "Wese'schen Honigkuchengeschäft" in Thorn, in dem die berühmten "Thorner Katharinchen" verkauft wurden, seine große Liebe, die damals 18jährige Verkäuferin Minna Sommer, kennen. Schon nach einem halben Jahr erfolgte die Hochzeit und die Eheleute Wölkerling bezogen eine kleine Dienstwohnung in der Artilleriekaserne II in Thorn. Wölkerling brachte ersparte 800 Mark und seine Frau 300 Mark mit in die Ehe. Der mittlerweile zum Sergeanten beförderte Gustav Wölkerling wollte seiner Ehefrau allerdings mehr bieten, als sein nur mäßiges Unteroffiziersgehalt. Da erinnerte er sich an eine 1908 im Urlaub gelesene Zeitungsanzeige in einer Berliner Zeitung, die preußischen Unteroffizieren ein Zusatzeinkommen versprach. Hinter dieser Annonce verbarg sich allerdings Oberst Nikolai Stepanowitsch Batjuschin vom russischen militärischen Nachrichtendienst, bekannt als einer der erfolgreichsten Agentenführer seiner Zeit, der auf diese Weise nach potentiellen Agenten forschte.

Oberst Batjuschin versprach Wölkerling, für militärische Informationen gut zu zahlen, und bekam von dem Unteroffizier Vorlagen, nach denen er Nachschlüssel zu den Panzerschränken von Wölkerlings Vorgesetzten anfertigen ließ. Da die Schränke mit Geheimmaterial aller Art gefüllt waren, lieferte Wölkerling so binnen weniger Jahre eine Unmenge von Kopien und Abschriften vertraulicher Akten, hochgeheimer Mobilmachungsunterlagen sowie sonstiger brisanter militärischer Dienstvorschriften und Pläne an Rußland. Doch weil selbst Gustav Wölkerling als gelernter Schreiber unter Zuhilfenahme einer Schreibmaschine mit dem Kopieren der Akten seiner recht vertrauensseligen Vorgesetzten nicht nachkam, ging er später dazu über, nach Dienstschluß das Geheimmaterial zu fotografieren. Der Thorner Fotohändler Franke bezeichnete Wölkerling während des späteren Prozesses als "seinen besten Kunden". Das Spionagegeschäft rentierte sich für ihn. Nachdem Wölkerling Ende 1911 schon beträchtliche Geldsummen kassiert hatte und über einen großen Vorrat kopierter beziehungsweise abfotografierter Geheimakten verfügte, dessen stückweiser Verkauf ihm auf Jahre voraus ein gesichertes Einkommen garantierte, erbat er zum 31. Dezember 1911 seine Entlassung aus dem Militärdienst.

Das Ehepaar Wölkerling bezog Anfang 1912 eine luxuriöse Wohnung in der Stadt Bromberg in der Provinz Posen. Da sich Wölkerling während der späteren Untersuchung wenig kooperativ zeigte und ein (Teil-)Geständnis nur ablegte, um seine als Mitwisserin verdächtigte Ehefrau Minna zu entlasten, konnte der Umfang seiner Verratstätigkeit seinerzeit nicht vollständig aufgedeckt werden. Gewiß ist aber, daß Wölkerling einer der bestbezahlten Spione im 20. Jahrhundert war und in den Jahren 1908 bis 1912 etwa eine halbe Million Euro nach heutiger Währung einnahm. Damit hatte Wölkerling mit Spionage mindestens fünfmal soviel Geld verdient wie der ungleich berühmter gewordene österreichische Oberst Redl. Geschäftstüchtig hatte Wölkerling später gleichfalls mit dem französischen Nachrichtendienst Verbindung aufgenommen und die für Rußland kopierten Geheimdokumente gleich noch einmal verkauft. Als er zu demselben Zweck Anfang 1912 auch noch mit dem österreichisch-ungarischen Geheimdienst, dem k. u. k. Evidenzbüro, Kontakt aufnahm, bewirkte dies seine Enttarnung. Wölkerling hatte offenbar nicht bedacht, daß Österreich-Ungarn und Deutschland Verbündete waren. Der österreichische Nachrichtendienst verständigte sofort sein Partnerorgan beim deutschen Generalstab, die Sektion IIIb. Ein von Wölkerling fatalerweise mitfotografierter Verteilerstempel auf einem Dokument brachte die deutsche Spionageabwehr schnell auf seine Spur. Von Beamten der Berliner Politischen Polizei wurde Wölkerling dann im Februar 1912 auf einer Rundreise zur Übermittlung von Nachrichtenmaterial ins damals noch russische Warschau und nach Paris beobachtet und nachdem er noch einen Abstecher nach Perleberg zum Besuch seiner Eltern und Geschwister gemacht hatte, am 23. Februar 1912 in Berlin verhaftet. Kurz darauf wurde seine Ehefrau in Bromberg festgenommen und in der reich ausgestatteten Wohnung neben größeren Summen an Bargeld sowie vielen Wertpapieren und Hypothekenbriefen zirka zwei Regalzentner militärisches Geheimmaterial sichergestellt.

Gustav Wölkerling hingegen wurde, nachdem er dreimal gegen seine Verurteilung Revision eingelegt hatte, im Januar 1914 in vierter und letzter Instanz vom Reichsmilitärgericht zu Degradierung, Vermögenseinzug, einer hohen Geldstrafe und 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. bestätigte als oberster Gerichtsherr am 7. Februar 1914 das Urteil, das in seiner Höhe den gesetzlich möglichen Strafrahmen voll ausschöpfte. Gustav Wölkerling verbüßte seine Zuchthausstrafe in den Strafanstalten Sonnenburg und Brandenburg.

Im Juli 1928, kurz vor seinem regulären Entlassungstermin, wurde Wölkerling auf Grund der sogenannten "Koch"-Amnestie für politische Straftäter mitsamt dem Kommunisten Max Hölz und den Rathenau-Mördern Techow und Günther amnestiert. Er nahm seinen Wohnsitz nun bei seinen unverehelichten Geschwistern, die immer noch in Perleberg lebten. Zwar erklärte sich Gustavs ehemalige Ehefrau Minna erneut bereit, ihn zu heiraten. Allerdings wollte sie auf Zuraten des Perleberger Pfarrers nur dann wieder in die Ehe treten, wenn sich Wölkerling eine auskömmliche Existenz geschaffen hatte. Jedoch war Gustav Wölkerling anderthalb Jahre nach der Haftentlassung trotz vieler Bemühungen noch immer ohne Arbeit. Anfangs hatte sich sogar die Spionageabwehrabteilung des Reichswehrministeriums bemüht, Wölkerling eine Tätigkeit zu verschaffen, um so einem möglichen Rückfall in Spionageaktivitäten vorzubeugen. Doch durch einen Besuch beim französischen Generalkonsul in Berlin verscherzte er sich alle weiteren Bemühungen seitens der Reichswehr. Der gealterte und starrsinnig gewordene Wölkerling ließ sich nun in erfolglose Streitereien mit dem preußischen Justizministerium ein, um die Wiederaufnahme seines Prozesses zu betreiben und Teile seines einstigen Vermögens wiederzuerlangen. In den 30er Jahren verlieren sich allmählich die Spuren des ehemaligen Spions, der nur noch durch die Hilfe seiner gleichfalls wenig bemittelten Geschwister seine Existenz fristete. Am 23. Oktober 1954 verstarb Gustav Wölkerling in Heidelberg.


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