© Preußische Allgemeine Zeitung / 22. April 2006

Wo Kant Urlaub machte
Erinnerungen an eine Wirkungsstätte des vor 282 Jahren geborenen Philosophen
von Heinrich Lange

Und noch immer sitzen wir hier draußen, ohne die Aussicht zu haben, anderswo als in Ostpreußen das Kriegsende zu erleben. Es ist zum ..." Dies ist der Hauptinhalt einer Ansichtskarte mit Poststempel vom 29. Juli 1940, die der in der Wrangel-Kaserne in Königsberg-Rothenstein stationierte Soldat Erwin nach Westfalen geschrieben hat.

Die Feldpostkarte im Museum Stadt Königsberg in Duisburg, die auf Grund der Bezeichnung Forsthaus Moditten "bei" Königsberg noch vor der Eingemeindung des Ortes am 1. April 1939 gedruckt worden sein muß, zeigt das Kanthäuschen und eine Innenansicht. Nach der umseitigen Legende war das Forsthaus "Beliebtes Ausflugslokal und Kantstätte". Dazu wird auch der hier kredenzte Johannisbeerwein mit dem Spitznamen "Kopskiekelwein" beigetragen haben.

Neben dem "Kantzimmer" im Stadtgeschichtlichen Museum wurde 1929 das "Kanthäuschen" westlich der Stadt als Kant-Gedenkstätte eingerichtet. Wohl auf Anregung der aus Kants Tischgenossen hervorgegangenen "Gesellschaft der Freunde Kants" ließ die Stadt 1927/28 das Fachwerkhäuschen, das einst dem Sekretär der zum Schloß Holstein am Pregel gehörenden Oberförsterei als Wohnung gedient haben soll, mit öffentlichen Mitteln - auch der Besitzer des Forsthauses beteiligte sich an den Kosten - durch den Architekten Walter Kuhrke umfassend umbauen und renovieren.

Ludwig Goldstein, Chef des Feuilletons der "Königsberger Hartungschen Zeitung", schildert das restaurierte Häuschen 1928: "Wer jetzt die Stadt der reinen Vernunft auf der Pillauer Landstraße verläßt und hinter dem alten Spittelkrug linker Hand auf den sandigen Landweg abbiegt, dem sticht bald das von drei alten Linden geschützte Häuschen durch seine kräftigen Farben ins Auge. Die weißgetünchten Wände werden von schwarzem Fachwerk, den blauen Türen und Fensterläden angenehm unterbrochen und durch ein rotes Ziegeldach gekrönt. Ein Miniaturgärtchen hält treu zum Hause, und der murmelnde Bach, der nahe vorbeifließt, erhöht die Stimmung ländlicher Einsamkeit."

Im Forsthaus und Gartenhäuschen, wohin vom Schloß Holstein eine Allee führte, hatte sich Kant in jüngeren Jahren des öfteren während der akademischen Ferien bei seinem gleichaltrigen Freund Michael Wobser, dem Förster des Moditter Beritts, Amt Kaporn, aufgehalten und 1763 die Schrift "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen", die eine besondere Stellung unter den Werken des Philosophen einnimmt, verfaßt.

Die Ausstattung des Kanthäuschens gibt Eduard Anderson, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums, in der 1936 vom Städtischen Verkehrsamt Königsberg herausgegebenen Broschüre "Das Kanthäuschen in Moditten" an: "In dem Wohnraum des Hauses steht die Büste Kants, die Hagemann 1801 nach dem Leben fertigte, in einem guten Abguß. Zeitgenössische Kantbilder (Reproduktionen) hängen an den Wänden und eine Vitrine enthält Nachbildungen von Handschriften und Buchtiteln Kants, sowie das Werk ‚Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen.'"

"Kant hatte als junger Mann", so schreibt Anderson, "in jener Zeit, als er Hauslehrer auf ostpreußischen Gütern war, die sommerlichen Schönheiten der Gärten und Parkanlagen lieben gelernt und dies hat seinen Sinn für die Natur noch vertieft. Der Anblick der Natur hatte ihn bei seinem tiefschürfenden Denken zu allerlei Betrachtungen und Vergleichen angeregt, wobei der Mensch auch hier Mittelpunkt des Denkens war. Rousseaus Anschauungen hatten einen nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht."

Friedrich Benninghoven bemerkt hierzu im Ausstellungskatalog des Geheimen Staatsarchivs Berlin von 1974: "Kant war damals gerade durch die Bekanntschaft mit dem Werk Rousseaus auf eine Suche des Weges zur Menschennatur gelangt. Rousseau galt ihm als ‚ein zweiter Newton'." Zu dem Naturphilosophen, der neben dem Engländer David Hume von den zeitgenössischen Philosophen auf die Entwicklung der Weltanschauung des Magisters Kant den größten Einfluß hatte, finden sich eigenhändige Eintragungen von 1764/65 in sein Handexemplar der "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen".

Auf einem der eingeschossenen weißen Blätter steht: "Ich bin selbst aus Neigung ein Forscher. Ich fühle den gantzen Durst nach Erkenntnis und die begierige Unruhe darin weiter zu kommen oder auch die Zufriedenheit bey jedem Erwerb. Es war eine Zeit da ich glaubte dieses allein könnte die Ehre der Menschheit machen und ich verachtete den Pöbel der von nichts weis. Rousseau hat mich zurecht gebracht. Dieser verblendende Vorzug verschwindet, ich lerne die Menschen ehren und ich würde mich weit unnützer finden wie den gemeinen Arbeiter wenn ich nicht glaubete daß diese Betrachtung allen übrigen einen Werth ertheilen könne, die Rechte der Menschheit herzustellen." Auf einem weiteren Blatt heißt es: "Rousseau verfährt synthetisch und fängt vom natürlichen Menschen an. Ich verfahre analytisch und fange vom gesitteten an".

Kants Handexemplar der "Beobachtungen" gehört zu den seit 1945 verschollenen Beständen der Königsberger Staats- und Universitätsbibliothek. Um 1940 wurde es für die von der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin herausgegebene Werkausgabe "Kant's gesammelte Schriften" ausgeliehen, wo die Schrift 1942 erschien, und bis 1943 nach Königsberg zurückgegeben.

Während Kant selbst nichts über Moditten niedergeschrieben hat, berichtet Pfarrer Ludwig Ernst Borowski in seiner "Darstellung des Lebens und Charakters Immanuel Kants" (1804): "Der Oberförster Wobser, der da wohnte, war ein Wirt, wie er ihn sich beim ländlichen Aufenthalt wünschte, ohne die mindeste Künstelei im Ausdruck und in Manieren, von sehr gutem natürlichen Verstande und edlem, gutem Herzen. Bei ihm hielt er sich während der akademischen Ferien gerne und auch wohl über eine ganze Woche auf. Hier, in diesem Moditten, ward das Werk über das Schöne und Erhabene (vielleicht die gelesenste von allen Kantischen Schriften) ausgearbeitet; hier mußte ihm der Oberförster Wobser zu dem Bilde sitzen, das Kant in der eben genannten Schrift vom Charakter des deutschen Mannes entwarf." "In gewisser Weise sind die ‚Beobachtungen'", so Benninghoven, "schon ein Schritt in der Richtung auf seine spätere ‚Anthropologie'. In ihnen findet sich eine Betrachtung der vier Temperamente ebenso wie eine Charakterisierung der Eigenschaften der verschiedenen Nationen."

Es war, so Goldstein, "in jener Zeit allgemein Sitte, des Sommers möglichst im Freien, das heißt in Gartenhäusern, zu wohnen und zu schaffen ... Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war die Blütezeit eines durch Rousseau nur noch gesteigerten neuen Naturgefühls. Es fand seinen unmittelbarsten Ausdruck in der Vorliebe, im Grünen zu leben, zu arbeiten, zu genießen und zu schwärmen." Davon zeugen auch die "Beobachtungen", aus denen auf der Tafel an der alten "Kant-Linde im Park" mit der Überschrift "Die Nacht ist erhaben, der Tag ist schön" zitiert wird: "Gemütsarten, die ein Gefühl für das Erhabene besitzen, werden durch die ruhige Stille eines Sommerabends, wenn das zitternde Licht der Sterne durch die braunen Schatten der Nacht hindurchbricht und der einsame Mond im Gesichtskreise steht, allmählich in hohe Empfindungen gezogen, von Freundschaft, von Verachtung der Welt, von Ewigkeit." Benninghoven stellt fest: "In eigenartiger Weise werden hier ästhetische und moralpsychologische Betrachtungen miteinander verbunden."

Goldstein, bis 1929 auch Vorsitzender des Goethebundes, schreibt über die im Januar 1764 bei Kanter in Königsberg erschienene, bei Kants Zeitgenossen sogleich populäre Schrift: "Sie war ein Lieblingsbuch Herders und spielte noch im Briefwechsel Schillers und Goethes eine gewisse Rolle. Goethe eröffnet am 18. Februar 1795 die Unterhaltung darüber mit der Kritik: ‚Es wäre eine recht artige Schrift, wenn die Worte schön und erhaben auf dem Titel gar nicht stünden und im Büchelchen selbst seltener vorkämen. Es ist voll allerliebster Bemerkungen über die Menschen, und man sieht seine Grundsätze schon keimen.'".

Im Sommer 1944 war es mit der Ruhe und Erholung in Moditten vorbei. Wie Gerda Kollecker, geborene Roeckner, die nach dem Tode ihres Vaters Max Roeckner 1933 letzte Besitzerin des Forsthauses, und Willi Freimann in "Königsberg und seine Vororte" (1988) berichten, beschlagnahmte das Generalkommando das in der Linie des äußeren Befestigungsrings zwischen den Forts VI "Königin Luise" und VII "Herzog von Holstein" gelegene Forsthaus und baute es zum "Gefechtsstand Moditten" um. Für Unteroffiziere und Mannschaften wurden im Park zwei Baracken aufgestellt und ein Luftschutzbunker gebaut. Im Kanthäuschen selbst installierte man die Telefonzentrale. Das Mobiliar - und die Exponate? - sollen im Königsberger Schloß sichergestellt worden sein. Schon bei der ersten Einschließung der Festung Königsberg Ende Januar 1945 war das Forsthaus, in dessen Balkonzimmer im Dachgeschoß bis März 1945 Kommandant General Otto Lasch Wohnung nahm, in größter Gefahr, danach Teil der Hauptkampflinie und ging erst beim Sturm der Roten Armee auf Königsberg Anfang April 1945 unter.

Die bis in jüngste Zeit anzutreffende Behauptung, das Kanthäuschen sei erhalten geblieben, trifft leider nicht zu. Daß es sich bei dem seit 1980 von sowjetischer Seite als Kanthäuschen angesprochenen Fachwerkhaus um einen Neubau im unweit gelegenen früheren Spittelkrug handelt, ist der erst nach der Öffnung des Kaliningrader Gebietes möglich gewordenen Untersuchung des Ravensburger Architekten Dietrich Zlomke 1992 zu verdanken. Noch immer bietet jedoch das Hamburger Bildarchiv "Ostsicht" Fotos von dem Neubau als "Immanuel Kants Sommerhäuschen in Moditten" und dem Haus links im Hintergrund als "Forsthaus" an.

Die Legende von dem noch existierenden Kanthäuschen soll nach Auskunft von Historikern der nunmehrigen Russischen Immanuel-Kant-Universität der 1994 verstorbene Schriftsteller und Vorsitzende des Kaliningrader Kulturfonds, Juri Iwanow, in die Welt gesetzt haben. Ihm hat dann auch Leonid Kalinnikow, Philosophieprofessor und Vorsitzender der russischen Kant-Gesellschaft, Glauben geschenkt. Vielleicht versuchte Iwanow mit seinem Übereifer eine alte Freveltat um 1945 wiedergutzumachen. Als junger Rotarmist hatte er nach eigener Auskunft mitgeholfen, die 1927 nach den Modellen von Stanislaus Cauer ausgehauenen Köpfe von Kopernikus, Kant, Herder und Corinth an den Pilastern des Eingangs zur Neuen Burgschule abzuschlagen.

Vom Zerstörungswerk in Moditten 1945 zeugt noch heute im verwilderten und versumpften Waldgelände ein Bombentrichter inmitten der teilweise durch Abholzung freigelegten Fundamente des Forsthauses. Unter den Resten des wahrscheinlich bei der Aufgabe des Gefechtsstandes von der Wehrmacht gesprengten Hauses ist noch eine Treppe auszumachen. Es ist der Aufgang zur Gartenterrasse mit der in Beton gegossenen Umfassungsmauer. Das Kanthäuschen ist hingegen bis zum letzten Ziegel verschwunden.

Der vom König genehmigte private Erbbegräbnisplatz der Familie des 1795 im Alter von 71 Jahren verstorbenen Oberförsters Wobser und seiner ihm 1806 nachfolgenden Gattin Sabina Charlotte, die zwei Töchter und den als Landjäger angestellten Sohn Michael Friedrich hinterließ, muß noch heute im einstigen Grenzbezirk des Forsthauses liegen. Anderson vermerkt schon 1936: "Die Linden, die diese Stelle umfassen, sind heute hohe alte Bäume geworden, deren dichtes Laubdach die Gräber wie ein Gewölbe umschließt." Wie schrieb doch Borowski vor mehr als 200 Jahren über Kant: "Nie vergaß er seinen Wobser und das Gespräch ward dann sehr lebhaft, wenn er auf diesen Mann, auch lange nach seinem Tode zurückkam."

Moditten: Hier entstand "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" Foto: Ullstein


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