© Preußische Allgemeine Zeitung / 29. April 2006

Gewinner der Einheit
DDR-Bürgerrechtler sind vergessen, es lebe die PDS
von Helmut Matthies

Deutschland ist ein seltsames Land. Die jüngsten Wahlen ergaben, daß Rechtsextreme (DVU, NPD) eine geringere Rolle denn je spielen. Anstatt sich darüber zu freuen, erklärte der Zentralrat der Juden in Deutschland im Blick auf Sachsen-Anhalt, die etablierten Parteien hätten "die Begeisterung für rechtsextremistische Parteien nicht gebrochen". Tatsache ist: Die NPD trat gar nicht an. Sie unterstützte die DVU, die aber trotzdem nur 3 Prozent (1998 waren es noch 12,9 Prozent!) erhielt. Begeisterung? Daß in Sachsen-Anhalt Linksaußen 25,2 Prozent (4,2 Prozent mehr) erhielt, ist weder Juden noch Kirchen noch Parteien eine Silbe des Bedauerns wert. Und hier liegt das Problem: Während Rechtsaußen marginalisiert ist, feiert Linksaußen einen Triumph nach dem anderen.

Nicht genug damit, daß die PDS-Größen Gregor Gysi und Lothar Bisky von Talkshow zu Talkshow gereicht werden, obwohl sie in der SED-Diktatur verantwortliche Positionen innehatten. Jetzt ist eine PDS- beziehungsweise Linkspartei-Frau gar in eines der höchsten Staatsämter gewählt worden: Petra Pau wurde eine der Vizepräsidenten des Bundestages. Der SPD-Politiker Hans-Peter Bartels begründete dies lapidar mit den Worten, man habe sich "mit der kommunistischen Fraktion geeinigt", und dann "bekommt man eben eine Kommunistin". Petra Pau arbeitete einst im Zentralrat der FDJ. Christen, die sich weigerten, der FDJ beizutreten, durften oft nicht an die Oberschule beziehungsweise an eine Hochschule. Ihnen wurde damit trotz Begabung eine Karriere verweigert. Sie müssen jetzt mit geringeren Verdiensten auskommen. Sind etwa Mitarbeiter im Unterdrückungssystem nun im demokratischen Deutschland Gewinner der Einheit? Die einstigen Bürgerrechtler sind jedenfalls so gut wie alle aus dem Bundestag verschwunden. Die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, beklagte jetzt die zunehmend "aggressive Propaganda" sogar früherer Stasi-Mitarbeiter. Ausgerechnet während einer Diskussion in der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen beherrschten die Täter die Debatte, konnten Opfer gar als Kriminelle bezeichnen. Der anwesende Berliner Kultursenator Thomas Flierl (von der PDS!) schritt kaum ein. Für Birthler ist dies alles alarmierend, denn die SED-Diktatur sei ganz und gar nicht harmlos gewesen: "Es hat 250000 politische Gefangene gegeben, darunter viele, deren Leben zerstört wurde."

Noch längst ist die Stasi-Aufarbeitung - auch in den Kirchen - nicht beendet. In letzter Zeit wurde bald alle paar Tage ein neuer Fall in Sport und Politik bekannt. Dagegen haben die Opfer kaum Fürsprecher. Im Gegenteil: Anfang April hatte der PDS-Fraktionschef im sächsischen Landtag, Peter Porsch, zu einer Buchlesung mit Ex-Stasi-Offizieren in Dresden eingeladen. In dem Buch wird das Wirken der Stasi beschönigt. Als sich die wissenschaftliche Leiterin der Gedenkstätte Bautzen (dort war das brutalste DDR-Gefängnis, in dem auch Christen inhaftiert waren), Silke Klewin, und ihr Kollege zu Wort meldeten, ernteten sie "nur höhnisches Gelächter" (so die "Sächsische Zeitung"). Nach der Lesung sagte sie: "Einige der ehemaligen Häftlinge bekommen es wieder mit der Angst zu tun." Angst im demokratischen Deutschland vor denen, die vor mehr als 15 Jahren Verbrechen verübt haben? Deutschland hat 6000 Gedenkstätten, die an das Nazi-Unrecht erinnern. Dagegen gibt es nur wenige über die zweite deutsche Diktatur im letzten Jahrhundert. Eine Gedenkstätte, die das Leid der Christen, die sich der Diktatur verweigerten, vor dem Vergessen bewahrt, ist nicht einmal im Gespräch. Ein kleiner Trost ist, daß jetzt in vielen Kinos der Film "Das Leben der Anderen" läuft, in dem die Brutalität der Stasi deutlich wird. "idea" setzt ein kleines Zeichen: Sein Freundeskreis fährt am übernächsten Wochenende nach Bautzen. In der Gedenkstätte berichten zwei Christen, wie sie Gott erlebt haben - in der Haft.

Helmut Matthies ist bei "idea" zuständig für die Gesamtleitung.


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