© Preußische Allgemeine Zeitung / 29. April 2006

"Gasprom" zeigt Muskeln
Russischer Energieriese droht Europa - Wie realistisch ist ein Gaslieferstop?
von Dietrich Zeitel

Letzte Woche schreckte der russische Erdgasproduzent "Gasprom" die Staaten der EU mit der Drohung auf, möglicherweise die Senkung des Lieferungsumfangs zu prüfen, falls seine Interessen "nicht genug Beachtung" fänden. Erinnerungen an den russisch-ukrainischen Gasstreit vom Anfang des Jahres, in dessen Verlauf "Gasprom" die Lieferungen an die Ukraine vorübergehend einstellte, wurden wach. Aktueller Anlaß für die heftige Reaktion des russischen Staatskonzerns in Richtung EU sind Pläne der britischen Regierung, eine mögliche Übernahme des britischen Gasversorgers "Centrica" durch "Gasprom" zu verhindern. Großbritannien ist für "Gasprom" deshalb interessant geworden, weil es in den letzten Jahren mehr und mehr vom Gasexporteur zum -importeur geworden ist. "Gasprom" will laut "Spiegel-Online" bis 2015 20 Prozent der britischen Gasversorgung bestreiten. London erwägt deshalb eine Gesetzesänderung, die der Regierung ein Vetorrecht bei einem derartigen Zusammenschluß ermöglicht. "Gasprom"-Vorstandschef Alexei Miller erklärte daraufhin vielsagend, daß es "notwendig" sei zu erwähnen, "daß Versuche, ,Gasproms' Aktivitäten in Europa zu beschränken und Gasversorgungsfragen zu politisieren, ... nicht zu guten Resultaten führen werden." Weiter führte Miller gegenüber der "Financial Times Deutschland" ("FTD") vielsagend aus, daß "nicht vergessen werden sollte, daß wir uns aktiv mit neuen Märkten wie China und Nordamerika vertraut machen".

Reaktionen in der EU auf dieses Muskelspiel blieben nicht aus. Österreichs Wirtschaftsminister Bartenstein forderte, alternative Projekte voranzutreiben und verwies auf das "Nabucco-Pipeline-Projekt", das die EU bis 2011 mit kaspischen und auch iranischen Erdgasvorkommen verbinden soll. Dieses Projekt ist eines von mehreren Projekten, Rußland bei den Gasleitungen Konkurrenz zu machen. Die Wiener "Nabucco Company" plant derzeit mit Unterstützung der EU eine Gasleitung, die von der Ostgrenze der Türkei über den Balkan nach Österreich führen soll und bis in die Niederlande verlängert werden könnte. Allerdings, und dies ist das große Fragezeichen, das hinter diesen Plänen steht: Sollte es wegen des Atomprogramms des Irans zu einer militärischen Konfrontation kommen, dürfte deren Umsetzung ernsthaft in Frage gestellt sein. Nämliches gilt für Projekte von "BP Amoco", parallel zur Erdölleitung Baku-Tiflis-Ceyhan eine Gasleitung ins türkische Erzerum zu bauen, beziehungsweise für die Planung eines Baus einer Gasleitung vom Iran nach Armenien, die dann bis nach Europa verlängert werden könnte.

Angesichts der Unwägbarkeiten derartiger Pläne stellt sich für die Europäer deshalb die Frage, wie ernst die Drohungen des russischen Energieriesen zu nehmen sind. Hier ist zunächst festzustellen, daß "Gasprom" etwa über ein Sechstel aller "sicher wirtschaftlich gewinnbaren Gasreserven der Welt" verfügt und über das mit einer Länge von etwa 150000 Kilometern größte Fernleitungsnetz der Welt zirka 90 Prozent seiner Exporte (Erdöl und Erdgas) in Europa absetzt. Hauptimporteure sind derzeit die Türkei, die Ukraine, Deutschland, Frankreich, Italien sowie Weißrußland (Zahlen 2004).

Der größte Teil des russischen Gases fließt dabei durch das ukrainische Gastransportnetz. Das System der nach Westen führenden russischen Haupterdgaspipelines beginnt nach Angaben von Roland Götz von der Forschungsgruppe Rußland / GUS der Stiftung für Wissenschaft und Politik "mit zwei Leitungssträngen in den großen westsibirischen Erdgasfeldern südöstlich der Jamal-Halbinsel". Der zentrale südliche Strang, der den Namen "Bruderschaft" trägt, läuft durch die Ukraine, die Slowakei und Tschechien über Österreich nach Deutschland. Eine Abzweigung durchquert Rumänien und endet in der Türkei. Der nördliche Strang ("Polarlicht") durchläuft Weißrußland und vereinigt sich in der Ukraine mit dem südlichen Strang. Eine dritte Leitung ("Union") führt von den Gasfeldern im Wolga-Ural-Gebiet in die Ukraine, wo sie in die Hauptleitung mündet. Diese Transportinfrastruktur verdeutlicht unter anderem, warum Rußland an der Ostseegaspipeline interessiert ist. Der geplante Leitungsverlauf umginge die (westlich orientierten und damit aus russischer Sicht "unsicheren" Staaten) Ukraine und Polen, aber auch Weißrußland. Durch diese Staaten laufen derzeit alle Gasfernleitungen von Rußland in Richtung Westeuropa.

Mit ziemlicher Sicherheit wird Europa, so die Überzeugung von Roland Götz, auch in Zukunft "der dominierende Markt für russische Energieträgertransporte" bleiben. Dies deshalb, weil bei Erdgas "die Lieferbeziehungen bis auf weiteres ... durch das bestehende Pipelinenetz festgelegt" sind. Die Kapazität in Richtung China / Pazifikküste werden "künftig maximal 20 Prozent der gesamten Transportkapazität betragen". Mit anderen Worten: Den derzeitigen "Gasprom"-Drohungen in Richtung Europa fehlt die Kraft der Überzeugung. Auf russischer Seite wird überdies schon länger über Pipeline-Projekte nachgedacht, die der Belieferung des Fernen Ostens beziehungsweise der USA dienen sollen, die aber alle mit mehrjährigen Bauzeiten und vor allem mit erheblichen Kosten verbunden sind. China zum Beispiel erhält derzeit geringe Mengen russischen Erdöls (2004 laut "Vereinigte Wirtschaftsdienste" fünf bis sechs Millionen Tonnen) auf dem Schienenweg. Diese Menge soll bis 2007 aufgrund der hohen Nachfrage auf bis zu 30 Millionen Tonnen erhöht werden.

Die seit geraumer Zeit zu beobachtende "Westexpansionsstrategie" ("FTD") von "Gasprom", die jetzt im Zusammenhang mit dem britischen Energieunternehmen "Centrica" augenfällig geworden ist, muß auch vor dem Hintergrund der Besonderheiten des russischen Gasmarktes gesehen werden. Der russische Staat erzwingt von "Gasprom" auf dem russischen Binnenmarkt nicht kostendeckende Preise. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Sie sind sozial- und industriepolitischen Erwägungen geschuldet. Etwa zwei Drittel seines Gases setzt "Gasprom" im Inland ab, erzielt damit aber nur etwa ein Drittel der Erlöse. Die Dumping-Preise verhindern gleichzeitig, daß sich gegenüber "Gasprom" eine nennenswerte Konkurrenz etablieren könnte. Als "Kompensation" hierfür, so Roland Götz, hat der russische Staat ",Gasprom' das Transport- und Exportmonopol für Erdgas in und aus Rußland überlassen". Nachdem es dem Staatskonzern im GUS-Raum gelungen ist, die Gastransportwege mehr oder weniger zu beherrschen, kann nun seit geraumer Zeit beobachtet werden, daß der russische Energieriese in Europa seinen Marktanteil zu erhöhen versucht. So betreibt, um hier nur einige Beispiele zu nennen, "Gasprom" mit der "BASF"-Tochter "Wintershall" das Gemeinschaftsunternehmen "Wingas", das laut "FTD" "rund 20 Prozent Anteil am deutschen Großhandel" hat. Auch für den wichtigsten deutschen Ferngasversorger "E.on Ruhrgas" ist "Gasprom" wichtigster Vorlieferant. Hier ist "Gasprom" ein Einstieg bisher nicht geglückt

wohl aber "E.on Ruhrgas", das derzeit sechs Prozent der "Gasprom"-Aktien hält. Darüber hinaus ist "E.on"-Vorstandsmitglied Bergmann derzeit der einzige Ausländer im Aufsichtsrat von "Gasprom". Intensive Verhandlungen laufen auch zwischen dem Essener "RWE"-Konzern und "Gasprom". Hier ist es das Ziel von "Gasprom", auch auf dem westeuropäischen Endkundenmarkt Fuß zu fassen.

Gaspipeline: Sie bestimmen, wohin Rußland überhaupt liefern kann. Foto: pa


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