© Preußische Allgemeine Zeitung / 29. April 2006

Ein Präsident, ein Volk
Im Atomstreit stehen die Iraner hinter Ahmadinedjad, im Alltag suchen sie sich Freiräume
von Amir de la Fuente

Fast täglich lesen und hören wir von neuen Drohungen seitens des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedjad gegen die "Aggressoren" der westlichen Welt. Die USA wollen hart gegen den Iran vorgehen, konnten ihre Partner im Sicherheitsrat allerdings bisher nicht überzeugen. Die Regierung um Mahmud Ahmadinedjad insistiert derweil in diesen Tagen stärker als je zuvor auf ihr Recht zur friedlichen Nutzung von Kernenergie. Und in der Tat, als Unterzeichner des Atomwaffensperrvertrages steht ihr das beanspruchte Recht vertraglich zu. Gegenüber diesem offiziellen und allseits bekannten Anliegen der iranischen Regierung stehen die nicht minder bekannten ausfälligen Äußerungen Ahmadinedjads. Sie wirken nicht förderlich im Hinblick auf das Finden einer Lösung in der Atomfrage, konstituieren sie doch stark den Gegensatz von

den vermeintlich ungefährlichen Atomambitionen der Regierung auf der einen und den kontraproduktiven Haßtiraden ihres Präsidenten auf der anderen Seite. Waren es anfangs höchst absurde und schockierende anti-israelische Drohgebärden des ehemaligen Teheraner Bürgermeisters und Neokonservativen Ahmadinedjad, welche die Welt erschütterten, so richtet sich sein Unmut nun, wohlgemerkt zusätzlich motiviert durch Androhung militärischer Gewalt von Frankreichs Staatschef Chirac, sowie Großbritannien und den USA, verstärkt auch gegen eben diese Staaten, denen man im Falle eines Angriffs auf Iran allesamt "die Hände abschlagen werde".

Ebenso unsanfte Töne, wenn auch in einer diplomatisch klüger dargebotenen Form als jene Ahmadinedjads, hört man derzeit von der US-Regierung. Nicholas Burns, US-Vize-Außenminister und US-Verhandlungsführer, in einem Interview des Fernsehsenders CBS: "Ich denke, daß Präsident Bush und Außenministerin Rice wissen, daß wir die Vorstellung oder die Realität eines Irans mit nuklearen Waffen einfach nicht tolerieren können. Nicht mit dieser radikalen Regierung, die heute Iran führt." Deuten die Zeichen also auf eine Verschärfung des Konflikts hin?

Auf dem Campus der technischen Hochschule Sharif in Teheran herrscht reges Treiben. In der Menge zeichnen sich mehrere Gesprächsgruppen ab, Männer und Frauen gemischt, die sich in Diskussionen und lockeren Flirts vertieft den Weg ins Hauptgebäude bahnen. Viele der weiblichen Studenten haben Make-Up aufgetragen, die Kopftücher liegen eher wie ein Mode-Accessoire auf ihren Köpfen, das Haar höchstens halb bedeckend. Sie tragen keinen langen Tschador, sondern wie ihre männlichen Kommilitonen Jeans, jedoch darüber einen modischen, möglichst nicht allzu langen Rock. Das Bild der modernen iranischen Frau wird abgerundet durch die in diesem Frühling unentbehrlichen italienischen Sonnenbrillen mit auffällig großen Gläsern. Die Iranerinnen besitzen weitaus mehr Freiheiten, als man im Westen annehmen könnte. Knapp 60 Prozent der Studenten in Iran sind Frauen. Nach dem Studium nehmen sie immer öfter hohe Positionen im Berufsleben ein.

Nach der letzten Vorlesung an diesem sonnigen Tag geht ein Teil der Studenten in naheliegende Parks, um sich zu unterhalten, das Wochenende zu planen und Männer sowie Frauen widmen sich einer weitverbreiteten Freizeitbeschäftigung unter jungen Iranern: dem Flirten. Öffentlich wird dies vorsichtig betrieben, man gibt sich, zumindest offiziell, als pflichtbewußter Staatsbürger des islamischen Irans. Zu später Stunde aber, besonders in den Wohnungen des teuren und schicken Norden Teherans, lassen nicht selten einige junge Menschen los von der Treue zu den staatlichen Gesetzen und geben sich den Parties, dem (verbotenen) Alkohol und dem Tanzen hin. Politische Unterhaltungen haben zumindest hier keinen Platz. Fragt man dessen ungeachtet einen Iraner trotzdem nach seiner Meinung bezüglich der antisemitischen Äußerungen Ahmadinedjads, lautet die Antwort für gewöhnlich: "Israel gewährt den Palästinensern, unseren muslimischen Glaubensbrüdern, keine Freiheiten und keinen Frieden. Unser Präsident hat in dieser Hinsicht Recht, wenn er unseren Feind bedroht." Und das sei im Grunde nichts neues. Israel sei schon lange der politische Feind des Iran, auch aufgrund der gemeinsamen Bande mit den USA.

Fest steht: Die Bevölkerung im Iran hat einen ganz anderen Blickwinkel auf die aktuellen Ereignisse rund um die iranische Außenpolitik. Aktuelle Umfragen zum Atomprogramm haben gezeigt, daß fast das gesamte Volk die Atompolitik der Regierung befürwortet. Die Tatsache, daß die iranischen Politiker sich international vehement für die Nutzung dieser Energie einsetzen, stärkt der Regierung um Präsident Ahmadinedjad in der Atomfrage auf nationaler Ebene den Rücken. Fragt man die iranischen Staatsbürger in den Straßen der zwölf Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Teheran, was sie von der Atompolitik ihrer Regierung halten, so ist der Tenor der Antworten meist der selbe. "Wir Iraner haben wie jeder andere souveräne Staat auch das Recht zur friedlichen Nutzung von Kernenergie", sagt die 23jährige Anglistik-Studentin Fatemeh und fügt hinzu: "Unser nationaler Stolz verbietet es uns, diesen Bestrebungen nach Fortschritt zu entsagen. Warum mischen sich die westlichen Staaten in unsere Angelegenheiten ein und wollen uns von der Entwicklung der Atomwissenschaft abhalten?"

Auch Mohammad, 26 Jahre alt und in einer Versicherungsfirma tätig, spricht sich für das Atomprogramm aus: "Von dieser Sache hängen zahlreiche Arbeitsplätze ab. Im Iran herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit und niemandem würde es gefallen, wenn nun in diesem Forschungssektor die Arbeiten eingestellt und folglich Arbeitsplätze gestrichen werden müßten."

Auch wenn die Mehrheit der Iraner hinter den Plänen der Regierung steht, gibt es hin und wieder kritische Stimmen, die laut werden. Erst kürzlich warf eine studentische Vereinigung in einem offenen Brief, anläßlich der Bekanntgabe des Präsidenten, daß man erfolgreich Uran angereichert habe, der Staatsführung vor, aufgrund des Atomprogramms einen Krieg mit den USA zu riskieren. Nicht oft wird in den iranischen Medien Kritik an der Regierung geübt und wenn, dann in sehr abgeschwächter Form, um zu verhindern, daß die jeweilige Medieninstitution vom Regime geschlossen wird. Reformorientierte Medien haben im Iran einen sehr schweren Stand. Die iranische Berichterstattung im Fernsehen ist staatlich gesteuert und bietet somit die Grundlage für die Propaganda der Ideologie des Regimes. Doch hinsichtlich des Atomprogramms bedarf es keiner propagandistischen Methoden. Die iranische Gesellschaft bezweifelt die friedlichen Motive der Regierung nicht.

Hintergrund ist die Tatsache, daß das Atomprogramm des Iran bereits seit langer Zeit existiert. 1959 wurde es mit Unterstützung der USA (sie lieferten einen Forschungsreaktor) aufgenommen, da bereits zur damaligen Shah-Zeit über die Begrenztheit fossiler Energiequellen (Erdöl und Erdgas) nachgedacht wurde. Durch die Revolution 1979 und den 1. Golfkrieg wurden die Arbeiten jedoch unterbrochen und man wurde in seinen wissenschaftlichen Errungenschaften zurückgeworfen. Die Atombemühungen Irans sind also auch den USA nicht erst seit gestern bekannt. Mahmud Ahmadinedjad verkündet dieser Tage stolz, daß man täglich Fortschritte in der Forschung auf diesem Gebiet mache. Und dies sagt er bewußt zu einem Zeitpunkt, an dem es innenpolitisch kriselt, wohlwissend, daß er dadurch von diesen Problemen ablenken und das Volk, in nationalen Angelegenheiten wie der Atomfrage vorbildlich solidarisch, auf seine Seite ziehen kann. Denn zehn Monate nach seiner Wahl hat der iranische Präsident kaum eines seiner Versprechen halten können. Die Korruption beherrscht nach wie vor den Alltag der Iraner, es herrscht Inflation und das Lebensniveau sinkt. Hinzu kommt, daß die wichtigste religiöse Person im Iran, der islamische Führer Ali Khamenei, durch den altersbedingten Rückzug einiger Ayatollahs aus der Politik wichtige Unterstützung verliert. Das Beste was einem Präsidenten in so einer Phase passieren kann, sind außenpolitische Machtscharmützel. Das gilt im übrigen auch für den 10000 Kilometer weiter westlich residierenden US-amerikanischen Präsidenten Bush, der aufgrund innenpolitischer Probleme die selbe Strategie verfolgt; die momentane Atomdiskussion kommt demnach beiden sehr gelegen. Daß dabei der Ölpreis in die Höhe schnellt, ist für Ahmadinedjad ein willkommener Nebeneffekt, denn so "müssen sie (die USA) nun den wahren Ölpreis zahlen". Doch abgesehen von der medialen Präsenz des "Atomstreits" genießt das Thema in der iranischen Bevölkerung bei Diskussionen im Freundes- oder Bekanntenkreis keine besondere Priorität. 70 Prozent der iranischen Bevölkerung ist jünger als 30 Jahre. Dies bedeutet, daß die Mehrheit der Einheimischen sich zwar für die atomaren Belange des Heimatlandes interessiert, sich aber darüber hinaus im Hinterkopf bewahrt, daß es sich um Belange einer Führung handelt, die längst den Kontakt zu ihrem Volk verloren hat.

Der Alltag dieser jungen iranischen Bevölkerung wird von den Hardlinern der Regierung mit argwöhnischen Augen betrachtet. Man trifft sich in einer der zahlreichen und modernen Fast-Food-Ketten in der Hauptstadt, redet über die neueste Musik aus Europa und den USA, tauscht Klingeltöne über das Handy aus und erfreut sich zu Hause der nahezu zensurfreien Zone des Internets. Die Weblogszene Irans boomt: Nicht nur Studenten und andere junge Menschen, sondern auch Geistliche und Anhänger der verschiedensten politischen Parteien schreiben in ihren Internet-Tagebüchern über aktuelle Ereignisse aus ihrem Leben oder nehmen Bezug auf die politische Situation im In- und Ausland. Das Internet ist für viele die Quelle staatlich unkontrollierbarer Nachrichten sowie die Plattform für Verabredungen zu Demonstrationen jeglicher Art oder einfach nur zu einem Date mit dem / der Angebeteten. Das weltweite Netz dient der weltoffenen iranischen Bevölkerung im wahrsten Sinne wie "das Tor zur Welt". Generell besteht also eine große Kluft zwischen islamisch geprägten Staatssystem und dem westlich-modern orientierten jungen Bevölkerungsteil im Iran.

Einzig der Drang nach Fortschritt und die Verwirklichung nationaler Interessen sowie Eigenständigkeit ist der Grund, warum man die Regierung in der Atompolitik unterstützt. Es bleibt abzuwarten, wie sich die nächsten Gespräche der internationalen Gemeinschaft auf das Handeln des Regimes in Iran auswirken werden. Sicher ist eines: Das Volk hält heute trotz seiner schwierigen innenpolitischen Lage so stark wie selten zuvor zu seinem international in die Kritik geratenen Präsidenten.

Fernab jedes Atomstreitsgeschreis: Iranische Studentinnen genießen Mittagspause in Teheran. Foto: AFP / Getty


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