© Preußische Allgemeine Zeitung / 29. April 2006

Ein Konzern cremt die Welt ein
von R. Fiedler-Winter

Die deutsche Wirtschaft ist ins Gerede geraten. Nur wenige Unternehmen müssen sich nicht für immer wieder neue Entlassungen rechtfertigen. Nur die Geschäftsleitung kann beurteilen, ob neue Kündigungen unumgänglich sind, und dabei wandert sie auf einem schmalen Grat. Sie dabei auch an ihre moralischen Verpflichtungen zu erinnern ist Aufgabe der Öffentlichkeit. Dazu gehört aber auch, den Blick für die Gesamtleistung eines Firmenverbandes wie seiner verbleibenden Mitarbeiter nicht zu verlieren, und genau das ist die Absicht der Leistungsporträts ausgewählter Unternehmen, die die PAZ ihren Lesern in loser Folge vorstellen will, hat die wirtschaftliche Eigenleistung der Bundesrepublik Deutschland doch nach wie vor hohen Rang. Deshalb sind die Betriebe eines Landes ebenfalls verpflichtet, eine solche Position, die allen nutzt, nicht außer Acht zu lassen. Entscheidend bleibt das Verantwortungsgefühl sowohl für den einzelnen als auch für die Allgemeinheit. Seine Balance zu halten und dennoch Gewinne zu verbuchen, das ist die Kunst der Unternehmensführung. Unser erstes Beispiel, der Beiersdorf-Konzern, wird zu jenen gezählt, die diesen Anforderungen bisher weitgehend entsprechen konnten, auch wenn er sich zu verschiedenen Personalreduzierungen bekennen mußte, wie zuletzt in Schweden und den Niederlanden, wo insgesamt 400 Arbeitsplätze verlorengingen, der Trend bleibt positiv.

Wenn einmal das Rezept für die ewige Jugend gefunden würde, dann von uns ...", schreibt der langjährige Beiersdorf-Vorstandschef, Dr. Rolf Kunisch, in seinen Vorwort zum Geschäftsbericht 2004, seinem letzten. Seit Mitte 2005 leitet ein neuer Mann, Thomas-Bernd Quaas, das Unternehmen, das zu den erfolgreichsten in ganz Europa gehört. Die Äußerung des scheidenden Vorstandsvorsitzenden aber ist symptomatisch für Stimmung und Erfolgsgewißheit im ganzen Hause.

Die mitten in Hamburg gelegene Konzernzentrale erscheint dagegen als schlichtes "Straßenkarreé einer Großstadt", das - hamburgischem Understatement entsprechend - die Weltgeltung seines "Inhalts" eher verbirgt als damit zu glänzen.

Das überläßt man dem Geschäftsbericht, der auch für das Jahr 2005 wieder "erneut Rekordwerte im Umsatz und betrieblichen Ergebnis" erwarten läßt.

In 130 Betrieben in zahlreichen Ländern erwirtschafteten 18000 Mitarbeiter einen Umsatz von 4,7 Milliarden Euro und übertrafen das Vorjahresergebnis um fast 4 Prozent. Der Jahresüberschuß wird voraussichtlich 330 Millionen Euro betragen und damit einer Nettoumsatzrendite von 7 Prozent entsprechen. Das erbrachte freilich nicht allein die Marke "Nivea", die immerhin zu fast 60 Prozent am Umsatz beteiligt ist und als größte Körperpflegemarke der Welt in 170 Ländern verkauft wird. Dazu gehören viele Produkte, die nicht älter als fünf Jahre sind, und das in einem Unternehmen, das sein 120. Jubiläum bereits hinter sich hat. Die Marken "Eucerin", "Juvena", neue Pflasterprodukte und nach wie vor "Tesa" gehören desgleichen zum Beiersdorfer Erfolgsverbund.

Auch für das Jahr 2006 heißt es: "Beiersdorf erwartet ein vergleichbares Umsatzwachstum wie 2005." Eine Prognose, bei der anderen die Luft weg bleibt, die aber bei Beiersdorf nicht einmal Risikogefühle aufkommen läßt.

Wie machen die das bloß, fragen sich viele und keineswegs nur die Konkurrenten. Der neue, übrigens aus Mitteldeutschland, und zwar aus Chemnitz in Sachsen stammende Vorstandschef sieht das so: "Mit dem Leitsatz: ,Wir stehen für Erfolg durch schnelle Veränderung und Innovation auf allen Ebenen unseres Unternehmens' wollen wir seine Zukunft sichern und gestalten." Er sagt auch: "Wir müssen uns bemühen, möglichst einfach zu erklären. Die erfolgreichsten Produkte bei uns haben immer die einfachsten Erklärungen". Die Basis-Marke Nivea kann ein Lied davon singen. Noch im afrikanischen Busch weiß man, was Nivea ist. Aber das allein genügt natürlich nicht, denn, wenn die Dosen dort angekommen sind, haben sie bereits die Wegstrecke zurückgelegt, auf die es ankommt: den Produktions- und Organisations-Ablauf einer Marke. Bei Beiersdorf nennt man das in wirkungsvoller neudeutscher Formulierung "unser Supply Change Management." Ein Logistik-Begriff, der wörtlich eigentlich kaum zu übersetzen ist, denn fast in jedem Unternehmen werden dafür individuelle Schwerpunkte gesetzt. Für Beiersdorf bedeutet es soviel wie eine Ketten- oder Netzwerkmarkierung für jedes Produkt, von dem jeder Ablaufpunkt elektronisch vermerkt wird. Die Warenentnahme aus dem Supermarkt wird sofort gespeichert, die Meldung geht weiter an die Lager, wo der notwendige Bestand vermerkt ist, von dort gelangt die Nachfrage zur Produktion und wird bis zum Rohstoffeinkauf geführt, so daß fast jedes Produkt zielgerecht gesteuert werden kann und dadurch Raum, Zeit und Geld gespart werden.

"Diese Vernetzung ist beispielhaft", sagen die Beiersdorfer von sich selbst, und dabei sind sie besonders stolz auf ihr von einem SAP-System gesteuertes Hochregallager. Dort wollen sie natürlich, wie das in der Wirtschaftswelt der Elektronik so zu sein pflegt, von jedem Produkt nur so viel vorrätig halten, wie unbedingt gebraucht wird und in der Regel schon vorbestellt ist. Und wer die Meisterfrage löst, was man macht, wenn plötzlich einer kommt und erheblich mehr haben will, der ist der König, denn Lagerhaltung ist teuer, und der Wettlauf um Preis und Qualität ist global immer schneller geworden. Deshalb sind bei Beiersdorf seit 2003 alle weltweiten Aktivitäten von Einkauf, Produktion, Logistik und Qualitätsmanagement in dem dafür damals neu geschaffenen Vorstandsbereich "Supply Chain" gebündelt. Und wer hat diesen Bereich geleitet? Der heutige Vorstandsvorsitzende, und er will diese "Versorgungskette" auch weiterhin optimieren. Denn die alte Weisheit, "Stillstand ist Rückgang" hat natürlich nicht nur für Niveaprodukte Geltung, so zahlreich sie inzwischen von der schlichten Creme in der traditionellen blauen Dose bis zum modischen Aftershave inzwischen geworden sind.

Außerdem legt man im Hause Beiersdorf sehr viel Wert auf die Feststellung: "Unsere Marken werden von Menschen für Menschen gemacht" und dazu gehört der offiziell formulierte Hinweis: "Bei Beiersdorf bestimmen soziale Verantwortung und nachhaltige Entwicklung seit 120 Jahren die Unternehmenskultur." Um diesen Grundsätzen bei immer vielschichtiger werdenden Aufgaben gerecht zu bleiben, ist vor kurzem ein neues Entscheidungsgremium installiert worden. Man hat es dem internationalen Wirkungsbereich des Hauses und natürlich der "PR Brillanz für Managementaktivitäten" gemäß "Sustainability Advisory Board" kurz SAB genannt.

In der Praxis will sich das SAB aller Themen annehmen, die unter dem Begriff "Nachhaltigkeit" zusammengefaßt werden können, und damit ist in diesem Falle die Wirkung von Unternehmenseinrichtungen auf eine breitere Öffentlichkeit sowie die dafür vorgesehene Verantwortlichkeit gemeint.

Dazu gehören die Überprüfung und Verbreitung der Rohstoffpolitik des Hauses, das seit Jahrzehnten auf Tierversuche verzichtet und alternative Testmethoden entwickelt hat.

Dazu gehört die Gesellschaftspolitik, in deren Rahmen Beiersdorf sein Engagement insbesondere auf den Gebieten Familie, Bildung und Kultur ausbauen will. Für diese und andere "nachhaltig wirkende" Bereiche sollen in allen Niederlassungen Informationen, Hintergründe und Ansprechpartner sozusagen auf Knopfdruck vermittelt werden können, nicht zu-letzt, damit jeder die Verantwortlichkeit für die Gesamtorganisation des Hauses erkennen kann.

Mit anderen Worten, das Unternehmen hat sich auch in harten Zeiten auf der Erfolgsschiene gehalten. Ein Ergebnis, das wie überall ohne seine qualitätsbewußten Mitarbeiter nicht möglich wäre. Der neue Markenvorstand, Pieter Nota, nennt das: "Wir lieben Renner und keine Penner."

Kontrolle: Produktion der weltweit bekannten "Nivea"-Creme Foto: Beiersdorf


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