© Preußische Allgemeine Zeitung / 29. April 2006

Die Blume Europas
Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum zeigt Meisterwerke aus dem Nationalmuseum Breslau
von Silke Osman

Als Goethe im Jahr 1790 durch Schlesien reiste, schrieb er an seinen Freund Johann Gottfried Herder: "Seit Anfange des Monats bin ich nun in diesem zehnfach interessanten Lande, habe schon manche Theile des Gebirges und der Ebene durchstrichen und finde, daß es ein sonderbar schönes und begreifliches Ganze macht." Goethe war derart begeistert, daß er sagte, allein wegen der Dominsel und ihrer Kunstwerke lohne es sich, zu Fuß von Frankfurt nach Breslau zu gehen. Dichter, Maler und Musiker waren ebenso angetan und ließen sich zu unsterblichen Werken anregen. Carl Maria von Weber zum Beispiel zu seiner Oper "Der Freischütz", Caspar David Friedrich zu seinen Bildern vom Riesengebirge. Dichter wie Friedrich von Logau, Angelus Silesius, der eigentlich Johannes Scheffler hieß, Andreas Gryphius, Joseph von Eichendorff, Nikolaus Lenau, Gustav Freytag, Gerhart und Carl Hauptmann - sie alle stammen aus Schlesien.

Anziehungspunkt war damals - wie heute - die Hauptstadt Breslau, von der vor 400 Jahren der Historiker Nikolaus Henel von Hennenfeld schwärmte und von der "Sonne Schlesiens", von der "Blume Europas" sprach. Vor dem Hintergrund einer wechselvollen Geschichte galt Breslau als eines der großen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zentren in Europa. Kunstexperten schätzen sie als Hochburg des schlesischen Barock und würdigen die Kunstakademie auch als wichtigen Impulsgeber für die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Künstler der Moderne wie der Architekt Max Poelzig, die Maler Oskar Moll und Oskar Schlemmer gingen aus ihr hervor.

Eine glanzvolle Sammlung mit Werken der europäischen Malerei und Skulptur vom 14. bis 20. Jahrhundert hat das Nationalmuseum Breslau zu bieten. Entstanden ist sie durch die Zusammenlegung von mehreren Sammlungen nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Zu sehen ist die Kollektion, die immerhin über 100000 Werke umfaßt, im ehemaligen Regierungsgebäude, von 1883 bis 1886 von

Friedrich Endell nahe der Oder errichtet. Zum ersten Mal sind nun rund 80 besonders wertvolle und wichtige Werke aus dem Breslauer Nationalmuseum im Westen zu sehen. Ausgestellt werden sie bis zum 30. Juli im Kölner Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud. Entsprechend der eigenen Sammlung werden Werke aus dem Mittelalter, dem europäischen Barock und aus dem 18. und 19. Jahrhundert in Köln gezeigt, darunter Madonnenbilder der Frühzeit, Klassiker der Renaissance, des Barock und des Spätbarock wie solche von Antoine Pesne, der unter drei preußischen Königen als Hofmaler wirkte. Weiter sind zu sehen Werke holländischer und flämischer Meister, Bilder des Klassizismus und der Romantik wie von Ludwig Richter, des Realismus wie von Ferdinand Georg Waldmüller und Arbeiten von Impressionisten wie Lovis Corinth sowie von Wassily Kandinsky als Vertreter des Symbolismus.

Ein Meister der Barockmalerei war zweifellos der 1630 in Königsberg geborene Michael Willmann. Sein Name ist eng verbunden mit Schlesien, nannte man ihn doch auch den "schlesischen Raphael". In Breslau begegnete er dem Abt Arnold Freiberger vom Kloster Leubus; eine Bekanntschaft, die später noch besondere Früchte tragen sollte. Freiberger, der das Kloster nach den Verwüstungen durch den Dreißigjährigen Krieg wieder aufbaute, war begeistert von dem Können des Malers aus Königsberg.

Anfang des 60er Jahre des 17. Jahrhunderts ließ sich Willmann endgültig in Leubus nieder. Dort wirkte er, der inzwischen zum Katholizismus konvertiert war, mehr als vier Jahrzehnte lang als Maler im Kloster. Am 26. August 1706, vor nunmehr bald 300 Jahren, starb der Königsberger im schlesischen Leubus; er wurde in der Gruft der Klosterkirche beigesetzt.

Erich Wiese, Direktor des Schlesischen Museums der bildenden Künste in Breslau, betonte bereits Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts: "Mit seinem strotzenden Temperament und seiner wohldisziplinierten Arbeitskraft hat er seinen Werken das unverkennbare Gepräge persönlicher Leistungen zu geben gewußt. Ein Hauptcharakterzug hebt sich immer wieder heraus: die Unmittelbarkeit, mit der er Zustände und Vorgänge gestaltet, und zwar, was nicht zuletzt seine Größe macht, nach beiden Hauptrichtungen menschlichen Erlebens, der irdischen wie der überirdischen ... Virtuos handhabt er Farbe, Form und Licht, nie verschwenderisch, immer mit dem Maßhalten des echten Gestalters." In Köln sind nun herausragende Beispiele aus seinem Schaffen zu sehen, so das um 1685 entstandene Gemälde "Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten", das einst in der Klosterkirche Leubus hing und nach der Säkularisierung 1811 in das Königliche Museum für Kunst und Alterthum in Breslau gelangte. Eine abwechslungsreiche Landschaft in warmen braunen und grünen Tönen liegt im Licht einer untergehenden Sonne. Auf der Flucht vor den Häschern des König Herodes sieht man Josef, gehüllt in einen roten Mantel, und Maria im leuchtenden Blau, die, auf einem Esel sitzend, liebevoll das Kind umfängt. Experten vermuten, daß dieses Bild im Umfeld der Verehrung des hl. Josefs in Kloster Grüssau entstand, wie auch einige andere Werke, die im Auftrag des Klosters Leubus geschaffen wurden. Wenn auch Michael Willmann mehr als viereinhalb Jahrzehnte als Klostermaler gewirkt hat und so keinen großen Nachruhm erwirken konnte, zeigt doch nicht zuletzt auch dieses Gemälde, daß er in der deutschen Kunstgeschichte einen Platz beanspruchen kann.

Das Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, Obenmarspforte (am Kölner Rathaus) ist dienstags von 10 bis 20 Uhr, mittwochs bis freitags von 10 bis 18 Uhr, am Wochenende von 11 bis 18 Uhr geöffnet, montags geschlossen (außer Pfingstmontag), Eintritt 8 / 5 Euro, bis 30. Juli.

Michael Willmann: Flucht der Hl. Familie nach Ägypten (Öl, um 1685, Ausschnitt) Foto: Wallraf-Richartz-Museum


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