© Preußische Allgemeine Zeitung / 29. April 2006

Ritterschlag erteilt
Die Schöpfung einer Ostpreußin bekommt ein eigenes Museum
von Bernhard Knapstein

Dem jungen Hendrik Drauskat will das Grinsen nicht vergehen, während er den letzten Zipfel verdrückt. Er hat bei seiner Wette recht behalten. Der wohl beliebteste Schnell-imbiß aus deutschen Landen, die Currywurst, ist ostpreußischer Herkunft. "Made of East Prussian", wie Hendrik sich ausdrückt. Nicht "in", aber immerhin "of".

Seinen Berliner Schulkameraden, die ihn wegen seines eigenwilligen Detailwissens über dieses Ostpreußen, das es doch eigentlich gar nicht mehr gibt, ausgelacht haben, ihnen ist zumindest vorübergehend die Lust an der Wurst vergangen. Etwas unwillig stochern sie in ihren Papptellern herum. Wer kommt auch schon darauf, daß die in Berlin erstmals verkaufte Wurstspezialität, ostpreußische Wurzeln hat.

In der Tat. Jene Herta Heuwer, die in Berlin, genauer an der Charlottenburger Kreuzung Kantstraße (wie könnte sie anders heißen) und Kaiser-Friedrich-Straße 1949 einen rollenden Schnellimbiß aufmachte, war Flüchtling aus Ostpreußen.

Die 1913 als Herta Charlotte Pöppel geborene Königsbergerin erwies sich als geschäftstüchtig. Mit einem alten Imbißwagen begann der Aufbau ihrer neuen Existenz. Da die Besatzungstruppen das Bild des Berliner Lebens bestimmten und der "american way of life" eine verständliche Abwechslung von den Nachkriegssorgen bildete aber auch ein zweifelhaftes Vorbild in jener Zeit war, richtete Herta Heuwer ihre Geschäftsstrategie hiernach aus und beschloß, amerikanisches Essen zu kredenzen. Steaks mit Ketchup sollte es eigentlich sein, so wie die "Amis" es lieben. Da aber im Nachkriegsberlin Steaks kaum beschafft werden konnten und auch die potentielle deutsche Kundschaft sich solcherlei kaum leisten konnte, servierte sie halt Dampfwurst in selbstgewürzter Tomatentunke. Das Currygewürz war neben Chilipulver das I-Tüpfelchen der roten Soße, die fortan Chillup-Sauce hieß.

Es geschah wie so oft in der Weltgeschichte der Armeleuteessen. Die Wurst, besser die Soße der Ostpreußin, rief auf zu einer kulinarischen Revolution und marschierte auf Eroberungszug durch das zerstörte Land. Der Wurststand, den Herta Heuwer liebevoll "Erste Wurstbraterei der Welt" nannte, wurde schnell bekannt. Der Stand wuchs zur Imbißhalle mit 19 Verkäuferinnen. 1959 ließ sich die Ostpreußin ihre Soße patentieren. Heuwer, die 1999 verstarb, wurde ein echtes Original im Berliner Stadtbild.

Heute verschmähen weder Bauarbeiter oder Börsenmakler noch sozialdemokratische Ex-Bundeskanzler das urdeutsche Gericht, das inzwischen den Trieben der Evolution folgend je nach Region in verschiedenen Varianten hochgeschätzt wird. So wird etwa in Hamburg die Wurst gepudert, während der Berliner die Wurst am liebsten übergossen mag. Für den einen muß es vom Schwein, für die andern vom Kalb sein. Diese Wurst wird durch den Häcksler geschoben, jene wird traditionell handzerteilt. Spielarten der Zubereitung für die jährlich 800 Millionen in Deutschland verzehrten Currywürste sind in jede Richtung denkbar. Selbst auf Galaveranstaltungen und bei Fernsehköchen geht es oftmals um die Wurst.

Kurz, die Currywurst genießt bei den Deutschen heute unschlagbaren Kultstatus. Selbst der gleichfalls in Berlin entstandene Döner und der aus Übersee importierte Hamburger, erfreuen sich, auch wenn sie ernsthaft als Konkurrenz einzustufen sind, nicht dieser unübertroffenen Beliebtheit unserer Currywurst. Welche Speise kann schon von sich behaupten, Thema eines eigenen Museums zu sein. Berlin jedenfalls wird der Currywurst mit der Eröffnung eines Currywurstmuseums (www.currywurstmuseum.com) im Herbst des Jahres den Ritterschlag erteilen.

In dem Museum, für das noch ein geeigneter Standort gesucht wird, sollen auf 1500 Quadratmetern Herkunft, Produktion und Bedeutung des deutschen Leibgerichts präsentiert werden.

Hendriks Freunde machen sich jedenfalls so schnell nicht mehr über ihn und "sein Ostpreußen" lustig. Und auch beim Wetten werden sie künftig vorsichtiger sein, wenn es um die Wurst geht. Herta Heuwer und der ostpreußischen Kreativität sei Dank.

An der Ecke Kantstraße zur Kaiser-Friedrich-Straße hängt heute übrigens eine Gedenktafel für die Königsbergerin und ihre Currywurst.

Delikat: Die Currywurst ist für viele ein Gaumenschmaus. Foto: Breloh


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