© Preußische Allgemeine Zeitung / 29. April 2006

"Willkommen in Insterburg"
Reportage eines Ostpreußen, der in der Gegenwart Spuren der Vergangenheit sucht
von Klaus Marczinowski

Wir halten vor dem Ortseingangsschild, das gleich nach Klein Georgenburg und noch vor der Kreuzung der A 197 steht. Auf dem Schild, das zweibeinig und hochbeinig aus grünbuntem Unterwuchs ragt, lese ich schwarz auf weiß "Tschernjachowsk". Links ragt hinter dichten, hohen Bäumen der markante Stufengiebel der ehemaligen Festung Georgenburg hervor. Sechs Giebelpfeiler recken sich in die Höhe, zeigen dem Reisenden schon von weitem, hier ist Georgenburg. Mein erstes Insterburger Foto entsteht. Bevor wir weiterfahren, zeige ich Denis, unserem Taxifahrer, auf der Stadtkarte von 1939 den Weg zum Hotel "Zum Bären".

Mit der Angerappbrücke nimmt Denis das Tempo zurück. Da ist die Schloßruine und hier, trotz Lenin, der leere Alte Markt. Im Hintergrund sieht man die gotische Mauer. Jetzt bist du auf der Hindenburgstraße. Eine der Straßen nach rechts muß die Deutsche Straße sein. Ja, nach rechts in die Ludendorffstraße. Da ist schon die Tunnelstraße und da links das Hotel. In wenigen Minuten einer Autofahrt schon so vieles gesehen. Das wird ein Tag!

Ich steige aus. Ich stehe in Insterburg, geht es mir durch den Kopf. Nach 60 Jahren stehe ich wieder in Insterburg! Ich klingele. Ein Holztor wird geöffnet. Ich sage meinen Spruch auf, im Auto noch kurz vorher geübt und sich gefühlt wie ein Konfirmand. Ich, ich, ich ... Der Wachmann weiß Bescheid, ich darf passieren. Eine hübsche junge Frau kommt mir entgegen. Angela Ivaniy ist es, Begrüßung und: "Willkommen in Insterburg!" So ganz einfach sagt sie zu mir: "Willkommen in Insterburg!" Was hatte ich mir da nur für sorgenvolle Gedanken gemacht. Und jetzt! Willkommen in Insterburg. Wir gehen raus auf die Straße. Begrüßung mit Karin und Denis ...

Wir sitzen in einem kleinen Klubraum des Hotels. Angela serviert Kaffee. Wir lernen uns kennen. Glücklich und zufrieden stelle ich fest, daß wir uns von Anbeginn gut verstehen. Angela möchte uns ihre Stadt zeigen, hat viele Kopien alter Ansichtskarten meiner Stadt auf dem Tisch ausgebreitet. So wird ihre Stadt zu meiner Stadt und meine Stadt zu der ihrigen.

Na, dann los! Die Ansichtskarten nimmt Angela mit. Da werden wir an den entsprechenden Punkten Tschernjachowsks stehenbleiben, ihre Stadt der Gegenwart vergleichen mit meiner Stadt der Vergangenheit.

Von der Tunnelstraße gehen wir in die Gartenstraße, und schon nach wenigen Schritten öffnet sich der Blick in die Deutsche Straße. Da merke ich, was tiefes Erleben ist. Der Hals wird mir eng. Ich will sagen, daß wir erst bis zur Hindenburgstraße vorgehen wollen und dann wieder zurück, aber die Stimme versagt mir, und einige Tränen der Rührung sind auch dabei. Man bemerkt meine Erregung, läßt mich allein auf dem alten Kopfsteinpflaster gehen, vorbei am Haus Nummer 11, das ich berühre. Das also war dein Zuhause, die Heimstatt der Eltern. Das war das Glück, das durch den Krieg verlorenging. Ich bleibe stehen, stelle mir vor, von hier aus an der Hand der Mutter in die Welt marschiert zu sein.

Jetzt muß gearbeitet werden: Suchen und finden, vergleichen und entscheiden, verarbeiten und erleben, dann fotografieren.

Wieder stehe ich vor dem Haus Nummer 11. Das war unser Haus. Deutlich erkenne ich die diagonale Vermauerung der Wunden des Krieges. Der ehemalige großzügig gestaltete Eingang ist zugemauert. Neue Menschen, neue Türen. Geblieben sind auf der Straße zwei Stufen, ein wenig ausgetreten, die keine Stufen mehr sind. Ich stelle mich auf diese Stufen, bin für Sekunden in der Vergangenheit. Dann gehe ich einige Schritte zurück und schaue nach oben. Zwei Fenster, so zähle ich durch, könnten noch Fenster unserer Wohnung sein. Eine Katze zeigt sich hinter den Scheiben. Ich fotografiere das Gebäude von allen Straßenseiten, gehe dann ein Stück zurück in Richtung Albrechtstraße - Ecke Deutsche Straße. Das bekannte Eckhaus habe ich jetzt in seiner ganzen Breite im Bild, bekannt, weil die Insterburger, besonders die Damen, das Café Dünckel sehr gern besuchten.

Wir gehen um unser ehemaliges Wohnhaus herum auf den Hof. Da ist das rote Mauerwerk mit seinen Fenstern ehrwürdig alt und ohne Nachkriegsreparaturen. Die Räume in der zweiten Etage sind unser Zuhause gewesen. Ich fotografiere, bin unkonzentriert, denn meine Gedanken eilen voraus. Werden wir unsere Wohnung betreten? Dann steigen wir zu dritt durch das Treppenhaus in die zweite Etage. Das Treppenhaus zeigt offen und ehrlich sein unrenoviertes Alter, das das meine überschritten hat. Freut es sich auf meinen Besuch? Die Räume zur Straße hin sind eine Wohnung, so lese ich ein Namensschild, die Räume zum Hof eine zweite. Hier klingelt Angela. Mir klopft das Herz bis zum Hals. Kurzes, banges, langes Warten, dann öffnet sich die Tür. Eine Frau in einem Sommerkleid und umgebundener Schürze, nur wenig jünger als ich, steht vor uns, ist mehr erstaunt als erregt über die Fremden. Angela dolmetscht unsere Wünsche und Hoffnungen. So viel muß sie da gar nicht sagen, dem Erstauntsein folgen ein bestätigendes Nicken und ein einladendes Lächeln. Ein Stein fällt mir vom Herzen, ein Traum wird zur Wirklichkeit. Ich stehe in unserer ehemaligen Küche. Später sind wir in der Wohnstube, haben Platz genommen und erzählen. Plachandern und schabbern, geht mir durch den Sinn. Das ist schon ein Wunder, da hast du vor wenigen Minuten einen Menschen kennengelernt, der dir nach kurzer Zeit gar nicht mehr so neu und fremd ist, der interessiert deine Informationen von früher aufnimmt und der dir erzählt, wie es ihm ergangen ist. Und noch ein Wunder. Frau Nadja ist Lehrerin für Mathematik und unterrichtet in der Schule, die auf dem Gelände der ehemaligen Gaststätte des Großvaters in der Göringstraße errichtet worden ist.

Die Wohnung ist gemütlich eingerichtet. Da ist eine Schreibtischplatte, darüber ein Bücherregal, auf einem Brett familiäre Erinnerungen. Gemeinsam schauen wir uns meine Fotos an. Das Historische zum Haus und zur Deutschen Straße ist neu für sie, selbstverständlich, denn sie kam nach dem Krieg aus Usbekistan und wohnt erst seit sechs Jahren in diesen Räumen.

Vom kleinsten unserer Familienbilder hatte ich eine Kopie angefertigt. Jetzt möchte ich sie ihr überreichen, bin mir aber nicht sicher, ob man es einfach so machen kann und darf. Vorsichtig nehme ich Anlauf, aber Frau Nadja kennt sich mit Gefühlen aus, nimmt mir den halben Weg ab und mehr noch. Mein kleines Lieblingsbild unserer ostpreußischen Familie bleibt nicht nur in der Wohnung, nein, es kommt zu den russischen Familienstücken auf das Bücherbrett. Da steht es nun im schlichten Schwarz-Weiß der Vergangenheit, umgeben vom Bunten der neuen Zeit. Das halte ich im Foto fest. Nadja schreibt mir ihre Anschrift mit dem Namen ihrer Tochter auf, denn sie wohnt mit Lilija und dem Enkelsohn Pawel in dieser Wohnung. Die Verabschiedung ist herzlich. Wir wollen uns schreiben. Ich überreiche mein Gastgeschenk, früher gab es auch Gastgeschenke bei Reisen in die SU. Ich bin ihr dankbar. Träume werden wahr.

Das Volksbankgebäude blieb vom Krieg verschont. Ich stehe davor und lese über dem Eingang: Apotheke. Beim Weitergehen, fast unbemerkt geblieben, entdecke

ich völlig überraschend die drei Sockelsteine des einstigen Denkmals für Schulze-Delitzsch. Roter Granit. Ich gehe in die Hocke. Tatsächlich, deutsche Schrift gibt es zu lesen, man muß nur genau hinsehen. Auf dem linken Stein finde ich den Ausspruch, der mir bereits bekannt ist. Rechts entziffere ich: "Was du nicht allein vermagst, dazu verbinde dich mit Anderen, die das Gleiche wollen." Der mittlere Sockelstein trägt die Inschrift: "Vom Vorschuß-Verein zu Insterburg errichtet am 11. Juni 1911." Das Haus gegenüber, die Wilhelmstraße 3, blieb nicht verschont, wurde durch einen wuchtigen Neubau ersetzt. Das Postamt in der Wilhelmstraße 35 hat sein Äußeres aus Vorkriegszeiten erhalten, postalisch gibt es in seinem Inneren nichts mehr zu erledigen. Später wird uns Angela in ein Postamt führen, denn wir werden Briefmarken für unsere Ansichtskarten benötigen. Das wird die ehemalige Frieda-Jung-Mittelschule sein.

Dann gehen wir zum Bahnhof. Im Wartesaal gibt es mehr als eine Überraschung. Nicht das Porträtfoto und die Biographie Tschernjachowskis, nicht eine Tafel zum Frontverlauf um Insterburg sind es, die die Überraschung ausmachen, sondern eine Zeittafel zur Geschichte der Stadt, beginnend mit dem Jahr 1274 und acht gemalte Großbilder zum alten Insterburg an den Wänden des Raumes. Hier im Bahnhofsgebäude, wo man Abschied nimmt und auch wieder ankommen kann, Erinnerungen an die deutsche Stadt Insterburg. Das stimmt optimistisch, daß das historische und politische Bewußtsein reift, nicht erst 1945 hat hier die Geschichte begonnen.

Durch die alten Unterführungen gelange ich auf einen Bahnsteig. Hier sind wir im Oktober 1944 abgefahren, hierher bin ich nach 60 Jahren zurückgekehrt. Ich und nicht mehr wir. Da stehe ich nun aus dem Jahrgang 1940 und spüre das Leben. Ich war und bin da, wo die Seele lebt. Schweigen. Tiefes Schweigen! Und tief im Schweigen das Bild meiner Eltern.

Aus: "Wo die Seele lebt oder Die späte Reise in das nördliche Ostpreußen", Ziethen Verlag, 240 Seiten, 20,40 Euro

Verwahrlostes Bürgerhaus am Markgrafenplatz: "Fleisch- und Wurstwaren" ist noch schemenhaft in deutscher Schrift über der linken Tür zu entziffern und erinnert an das alte Insterburg. Foto: Günter Stukowski


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