© Preußische Allgemeine Zeitung / 20. Mai 2006

"Gegen die Menschenwürde"
Der Graphiker, Polit-Agitator und Jurist Klaus Staeck ist Präsident der "Berliner Akademie der Künste"
von Hans.-J. Mahlitz

Ein wenig war er wohl selber überrascht, als er sich da auf einmal als "Herr Präsident" anreden lassen durfte. Denn erst als sich zeigte, daß keiner der ursprünglichen Kandidaten eine Mehrheit fand, war sein Name ins Spiel gebracht worden. So wurde Klaus Staeck, Graphiker, Polit-Agitator und versierter Jurist (was man spätestens spürt, wenn man mit ihm in Streit gerät), zum Präsidenten der "Berliner Akademie der Künste".

Die Feuilletons der als konservativ geltenden Tageszeitungen "Welt" und "FAZ" waren allerdings von der Wahl nicht unangenehm überrascht - was wiederum überrascht, denn zu früheren Zeiten lag die nicht-linke Presse mit Staeck in heftiger Dauerfehde. So erfährt der überraschte "Welt"-Leser, Staeck sei "der richtige Präsident für ,Berlins Akademie der Künste'". Vor knapp drei Jahrzehnten klang das noch ganz anders. Da hatte Axel Springers publizistisches Flaggschiff den politisierenden Plakatmaler noch der "Unverfrorenheit" und "doppelten Moral" geziehen.

Die "FAZ" befand seinerzeit "mit Erschrecken", aus einigen Werken des Graphikers Staeck spreche "totale Intoleranz, die Denk-Möglichkeit der Vernichtung des Gegners inbegriffen", einer Geisteshaltung also, die man durchaus mit dem Begriff "faschistisch" in Verbindung bringen könne. Heute hingegen erklären die Blattmacher Kritiker und "unvermeidliche Widersacher" des neuen Akademie-Präsidenten zu "Kulturprovinzialisten" und stilisieren Staeck zum Hoffnungsträger des hauptstädtischen Kulturlebens hoch.

Klaus Staeck, inzwischen 68 Jahre alt, führt seit Jahrzehnten eine Art Doppelleben. Er ist Rechtsanwalt, und zugleich ist er Künstler. Kunstgraphiker, um es genauer zu sagen. Erzeuger aggressiver politisch-agitatorischer Kampfplakate, um es vollends auf den Punkt zu bringen. Oder, um die Tätigkeitsbeschreibung zum juristischen Casus zu machen, ein politischer Agitator, "dessen Agitation typisch faschistisch" ist.

So hatte sich damals der CDU-Bundestagsabgeordnete Wilfried Böhm, seit vielen Jahren ständiger Mitarbeiter dieser Zeitung, in einem kritischen Leserbrief in der "Hersfelder Zeitung" geäußert. Er hatte sich damit gegen Plakate verwahrt, auf denen unter anderem CSU-Chef Franz Josef Strauß als Metzger dargestellt war, mit einem langen Messer in der Hand, auf der blutverschmierten Brust den Spruch "Wählt christlich!" und über dem massigen Kopf die Worte "Entmannt alle Wüstlinge!"

Böhm empfand diese Plakate als "Hetze gegen politisch Andersdenkende und folgerte: "Wenn sie ,Kunst' sind, dann sind auch die Hetzkarikaturen der Nazis, mit denen sie im ,Stürmer' unsere jüdischen Mitbürger verächtlich machten, nachträglich als ,Kunstwerke' anzusehen."

Wie bei selbsternannten "kritischen Geistern" weitverbreitet, ist auch Staeck äußerst sensibel, wenn er einmal nicht selber austeilt, sondern einstecken muß. So fühlte sich durch Böhms Leserbrief der Künstler Staeck zutiefst beleidigt und setzte sofort den Juristen Staeck in Marsch: Auf drei Instanzen (Landgericht Fulda, Oberlandesgericht Frankfurt / Main und Bundesverfassungsgericht) versuchte er, dem Abgeordneten die kritischen Sätze untersagen zu lassen. In Fulda gewann er, in Frankfurt verlor er, in Karlsruhe wurde der Fall "mangels Erfolgsausssichten" gar nicht erst angenommen.

Die konservative Presse, allen voran "Welt" und "FAZ", kommentierten des Künstlers Niederlage vor Gericht ähnlich wohlwollend wie heute seine Wahl zum Berliner Akademie-Präsidenten. Wer allerdings damals gehofft hatte, damit sei diesem politischen Agitator das Handwerk gelegt, sah sich bald schon bitter getäuscht.

Zur Bundestagswahl 1980 nämlich trat ausgerechnet Staecks Lieblingsobjekt Franz Josef Strauß als Kanzlerkandidat der CDU/CSU an. Nun hätte man meinen sollen, der Bayer mit seinem durchaus deftigen Vokabular hätte der SPD eigentlich genügend Angriffsflächen für den Wahlkampf bieten sollen. Offenbar sah man das in der Bonner "Baracke", dem sozialdemokratischen "Führerhauptquartier", ganz anders und glaubte, nicht auf die Dienste des Künstlers mit den - laut Gerichtsurteil - "faschistischen" Polit-Plakaten verzichten zu können. So erlebte Deutschland einen Wahlkampf mit einer bis dahin unvorstellbaren Hetzkampagne. Strauß und seine Wegbegleiter, darunter die konservativen Publizisten Axel Springer und Gerhard Löwenthal, wurden mit Hitler auf eine Stufe gestellt, als Verbrecher, Horrorgestalten und Unmenschen diffamiert. Diese Hetzkampagne, an der Staeck maßgeblich mitwirkte, hat - neben der unsolidarischen "Zurückhaltung" feiger "Parteifreunde" - wesentlich dazu beigetragen, daß der CSU-Chef diese Wahl nicht gewinnen konnte.

Der damalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler hatte nach dem Wahldebakel in Bonn eine Ausstellung mit dem Titel "Politische Graphik gegen die Menschenwürde" initiiert. Bei der Eröffnung verwies er auf eine "sukzessiv sich steigernde Kette von Negativplakatierungen: Strauß als Horrorgestalt, als Verkörperung der Brutalität, als Hitler von heute ... Wer diesen Vergleich zieht oder auch nur suggeriert, der weiß nicht, was er tut, oder er weiß es sehr genau - und will es".

Der damalige Hetzer in Diensten der SPD (deren Mitglied er seit 46 Jahren ist) und heutige Akademiepräsident war und ist erkennbar ein Mann, der sehr genau weiß, was er will. Ob das aber auch im Sinne der altehrwürdigen Institution ist, darf trotz der überraschend freundlichen Begrüßung in "Welt" und "FAZ" bezweifelt werden.

Die Akademie, seit neuestem am Pariser Platz zu Berlin angesiedelt, steht in einer über 300jährigen Tradition, die wesentlich von preußischer Kultur- und Geistesgeschichte geprägt ist. 1696 war sie als "Academie der Maler-, Bildhauer- und Architectur-Kunst" von Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg gegründet worden, der sich fünf Jahre später in Königsberg zum König in Preußen krönte. Noch heute beruft sich die Akademie ausdrücklich auf diesde Tradition. Als strikter Hüter preußischer Tugenden - zu denen ja auch die Toleranz zählt - ist ihr neuer Präsident bislang jedenfalls nicht hervorgetreten.

Unbequem: Der Name Staeck bürgt nicht gerade für Beschaulichkeit. Foto: laif


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