© Preußische Allgemeine Zeitung / 20. Mai 2006

Querschüsse aus den eigenen Reihen
Linksextremisten setzen sich mit Unvereinbarkeitsbeschluß gegen Burschenschafter durch / Der "Fall Jung"
von Bernhard Knapstein

Peter Glotz, der verstorbene ehemalige Bundesgeschäftsführer der SPD, konnte durch offene Worte schockieren, war aber für Positionen anderer stets offen. "Wenn ich etwas hasse, dann sind es Berührungsängste", brachte er es einmal knallhart auf den Punkt.

Nicht jeder, der sich Sozialdemokrat nennt, soll aber auch einer sein dürfen. Der Parteirat hat einen Beschluß des Parteivorstands über die Unvereinbarkeit einer Mitgliedschaft in der SPD mit der in einer Burschenschaft, die der Burschenschaftlichen Gemeinschaft innerhalb der Deutschen Burschenschaft (BG) angehört, bestätigt. Dies galt in erster Linie dem 33jährigen Juristen und früheren Leipziger Juso-Chef Sascha Jung, der nach unbestätigten Gerüchten in der SPD-Mitgliedskartei nicht mehr geführt wird.

Jung läßt sich als energisch und zielstrebig, aber auch als weltoffen beschreiben. Es gibt für ihn nichts, über das man nicht diskutieren kann. Er betrachtet jede Diskussion als Bereicherung. Im Zweifel hat man halt in die Gedankenwelt eines anderen Menschen blicken dürfen. Um solche Erfahrungen auszubauen, bereist Jung als freier Wandervogel, der nach seiner Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr sein Jurastudium trotz Verpflichtungen in seiner Studentenverbindung und einjähriger Weltreise in Regelstudienzeit abgeschlossen hat, immer wieder Afrika und Südamerika. Während seiner Ausbildung wird er insgesamt zwei Jahre auf fast allen Kontinenten verbringen und dabei stets den Kontakt zu den einfachen Menschen suchen, um das Wesen der Völker zu studieren, denn für ihn liegt der Reichtum der Erde in ihrer kulturellen Vielfalt. Was ist aber nun mit diesem jungen Mann, daß die oberste SPD-Parteiführung ihn nicht mehr sehen und hören mag und deshalb die Scheuklappen anlegt, um mit ihm jedenfalls keine Debatte mehr führen zu müssen?

Jung trat gleich nach der Wende in seiner Heimatstadt Leipzig in die SPD ein und avancierte zum stellvertretenden Juso-Vorsitzenden im Freistaat Sachsen.

In Thüringen gründete er 1992 mit einigen Jungsozialisten den "Hofgeismarer Kreis", eine Wiederbelebung des 1923 durch Jungsozialisten begründeten gleichnamigen Kreises, der sich für einen demokratischen Sozialismus im nationalen Rahmen aussprach. Der neue Kreis um Jung nahm seine Arbeit als linkspatriotischer Diskussionskreis auf, um im Diskurs Alternativen für eine nationale Politik gegen gesamtgesellschaftliche Orientierungslosigkeit und wider den Kultur- und Werteverfall zu erarbeiten. Die Gruppierung fand rasch Anhänger. Und obwohl die Medien über die in linksextremistischen Zirkeln sogenannten "Fascho-Jusos" berichteten, wurde der neue Hofgeismarer Kreis durch Seminare und Tagungen der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung begleitet und intellektuell gefördert.

Die offene Diskussion über "Nation" und verschiedene Publikationen aus dem Dunstkreis der SPD, die sich ernsthaft mit Patriotismus befaßten, trieb allerdings auch schnell die Hysterie der Linksextremisten an die Oberfläche. Günter Thierse übernahm bald die Gutmenschenrolle des Anklägers in einem 1994 durchgeführten Parteiordnungsverfahren gegen mehrere Hofgeismarer. Ein Parteiausschluß war zwar nicht sein Ziel, aber Jung erhielt ein einjähriges Funktionsverbot. Andere Hofgeismarer in Westdeutschland flogen schneller aus der Partei, als sie in sie eingetreten waren, darunter auch Burschenschafter.

In der Folgezeit glätteten sich die Wogen, denn der Hofgeismarer Kreis wirkte nur noch unterhalb der Wahrnehmungsgrenze. So nahm man in der Parteizentrale auch nicht wahr, jedenfalls nicht offiziell, daß einige Hofgeismarer durch Eintritt in Burschenschaften ihre sozialdemokratische und patriotische Grundhaltung in diese hineintrugen. "Die Häuser unserer Studentenverbindungen sind Orte der freien Diskussion, der Toleranz und des gegenseitigen Respekts", erklärt Jung seine Affinität zur Burschenschaft. Die freie Diskussion sei für die Demokratie lebensnotwendig. Schon Parteigründer Lassalle war ein solcher Burschenschafter. Jung steht also in einer sozialdemokratischen Urtradition. Doch dies ficht heute jene nicht an, denen freie Meinung und Toleranz nur in selbstgesetzten Grenzen erträglich ist.

Die nun von der SPD durch den Vorstandsbeschluß angegriffene Deutsche Burschenschaft ist indessen weniger homogen als die SPD selbst. Ihre Mitgliedsvereinigungen setzen sich aus Mitgliedern und Sympathisanten nahezu aller im Spektrum der deutschen Parteienlandschaft zugelassenen Parteien zusammen. Gerade in Mitteldeutschland darf es da wenig verwundern, wenn sogar PDS- und NPD-nahe Burschenschafter mit Angehörigen der größeren Volksparteien als "Bundesbrüder" an einem Tisch sitzen und gemeinsam studentische Traditionen pflegen. Streit ist da zwar nicht ausgeschlossen, aber der von Jung betonte "freie Diskurs" lebt.

Diese Haltung bestätigt auch der Dachverband der Burschenschafter, deren Vorsitzende Burschenschaft erklärt hatte, daß man sich "weiterhin einer möglichen Diskussion mit der SPD nicht verschließen" werde. Stefan Teufel, Sprecher der Deutschen Burschenschaft, kann sich den Parteibeschluß nur mit einer "Schwächung der SPD durch zahlreiche andere Probleme" erklären. "Dies macht es solch ideologisch verbohrten Gruppen wie den Jusos natürlich leicht", so Teufel weiter, "ihre Vorhaben durchzupeitschen."

Sascha Jung ist, wie auch weitere Sozialdemokraten, Mitglied des Altherrenbundes der Burschenschaft Danubia, die der Burschenschaftlichen Gemeinschaft in der Deutschen Burschenschaft angehört. Der Danubenaktivitas wird von demokratiefeindlichen Kräften immer wieder Rechtsextremismus vorgeworfen. Dabei wird gerne übersehen, daß hier neben nationalkonservativen Intellektuellen auch eine bunte Mischung aus ehemaligen NS-Widerstandskämpfern, APO-Aktivisten und diversen Intellektuellen und Diplomaten aus dem Ausland zu Wort kommt.

Der BG werfen die Urheber des Parteivorstandsbeschlusses beleglos eine "biologistische, völkische und großdeutsche" Ausrichtung vor. Selbst, wenn man einzelnen Burschenschaftern eine politisch extremistische Haltung vorwerfen können sollte, so werden diese von ihren eigenen Bundesbrüdern, die mehrheitlich der demokratischen Mitte zugerechnet werden, neutralisiert. Letztlich sind auch Burschenschaften nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das Einstehen für die eigene sozialdemokratische Ausrichtung in einer Verbindung, die sich den Wahlspruch "Frei in der Rede, kühn in der Tat!" auf die Fahne geschrieben hat, ist jedenfalls nicht ehrenrührig. Und auch Jungs konkrete Verhaltensweisen gelten als untadelig.

Die Partei mag nun aber nicht mehr mit "ihren" Burschenschaftern sprechen und trennt sich in der Folge auch gleich vom Prinzip der Rechtsstaatlichkeit. So legte die Parteiführung den Nichtaustritt aus der Burschenschaft, zu dem Jung aufgefordert worden war, denn auch gleich als "Austritt aus der Partei" aus. Ein Parteiordnungsverfahren oder auch nur ein formelles Anhörungsverfahren mochte man nicht durchführen, sondern ging zur direkten Liquidierung aus dem Mitgliedsregister über. Eine Mitteilung über das Ende der Mitgliedschaft liegt Jung allerdings noch nicht vor.

Jung will sich von den Vorgängen nicht unterkriegen lassen. "Unsere Demokratie braucht Mut. Gegebenenfalls muß man dafür auch Nachteile in Kauf nehmen."

Der in der SPD von Linksextremisten forcierte und nun auch von der Parteispitze nach kurzem Zaudern mitgetragene Scheuklappenextremismus gefährdet nicht nur die demokratische Verfaßtheit der SPD, sondern unter Berücksichtigung des großen Einflusses dieser Partei auch die Demokratie insgesamt. Der "Fall Jung" könnte zu einem "Fall Deutschland" werden.

Presse bezeichnete den Hofgeismarer Kreis als "Fascho-Jusos"

Die SPD verweigert sich ihren "Burschenschaftern"


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren