© Preußische Allgemeine Zeitung / 19. August 2006

Der Balken im eigenen Auge
Der Skandal ist weniger Günter Grass’ "Jugendsünde" als sein langes Schweigen
von Manuel Ruoff

Wenn einer mit einer weißen Weste sich zum Moralapostel aufschwingt, ist das unsympathisch. Und wenn einer keine weiße Weste hat und verschämt den Kopf einzieht, ist das auch nicht gerade ein Sympathieträger. Aber wenn einer keine weiße Weste hat und sich trotzdem als Moralapostel aufspielt, ist die Grenze zur Frechheit überschritten. Ein solcher Fall liegt jetzt mit Günter Grass vor. Dabei ist es zweitrangig, ob eine Mitgliedschaft in der Waffen-SS nun objektiv ein Fleck auf der Weste ist oder nicht, entscheidend ist, daß Grass ein Spitzenrepräsentant jener Kreise ist, die eine solche Mitgliedschaft als Schandfleck betrachten und gemeinhin anklagen. Es sind jene Kreise, die es für unmöglich hielten, daß Helmut Kohl als Bundeskanzler den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan als seinen Gast auf einen Soldatenfriedhof geführt hat, auf dem auch gefallene Angehörige der Waffen-SS lagen. Grass selber wandte sich gegen diesen Friedhofsbesuch in Bitburg als „eine Geschichtsklitterung, deren auf Medienwirkung bedachtes Kalkül Juden, Amerikaner und Deutsche, alle Betroffenen gleichermaßen, verletzte“. Wäre es dann nicht konsequent, daß Grass, der Gegner der Ehrung seiner einstigen Waffen-SSKameraden, nun seinerseits seine ganzen Ehrungen zurückgibt, allen voran den Nobelpreis, da doch die öffentliche, publikumswirksame Ehrung eines Waffen- SS-Mannes wie ihn nach seinen Maßstäben eine Verletzung von Juden wie Deutschen darstellt. So viel Konsequenz ist von diesem Menschen jedoch nicht zu erwarten. Vielmehr ist zu befürchten, daß Grass ganz bewußt erst jetzt mit der Wahrheit herausrückt, da ohnehin keine weiteren großen Ehrungen mehr zu erwarten und die bereits erteilten ihm nicht mehr zu nehmen sind.

Spannend wird nun sein, wie die politisch korrekte Linke auf den Fall Grass reagiert. Läßt sie ihn fallen? Dann verlöre sie einen ihrer prominentesten Vertreter. Oder versucht sie, ihn zu verteidigen? Dann müßte sie so argumentieren, wie es gemeinhin der bis aufs Blut bekämpfte politische Gegner tat, die sogenannte Rechte. Sie müßte differenzieren zwischen SS und Waffen-SS oder zwischen „guten“ und „schlechten“ Mitgliedern von NS-Organisationen oder zwischen Jungen und Alten, wie Ralph Giordano es nun tut, der gleich dessen ganze Generation freispricht, um Grass zu retten. Sollte das allerdings Schule machen, ließen sich ehemalige Nationalsozialisten zukünftig nicht mehr wie bisher pauschal verurteilen. Die pauschale Verurteilung der deutschen Vergangenheit, die ausgehend von der SS über die Waffen- SS inzwischen bis zur Wehrmacht fortgeschritten ist und die Kollektivschuldthese zum Ziel hat, würde um Jahrzehnte zurückgeworfen. Doch selbst, wenn es gelänge Grass’ Waffen-SS-Mitgliedschaft zu rechtfertigen - wie will man schlüssig begründen, daß er diese erst jetzt einräumt? Die Antifa steht vor der Wahl, entweder den ehemaligen Waffen-SS-Mann Grass oder sich selber - und damit auch den gegenwärtigen Grass - schuldig zu sprechen. Denn was sagt es über den angeblich herrschaftsfreien Diskurs eines Jürgen Habermas aus, wenn Unbescholtene schweigen müssen, um nicht Opfer einer Antifa-Hetzjagd der politisch Korrekten zu werden. Und wäre es nicht ähnlich schlimm wie ein mögliches Verbrechen als Waffen-SS-Mann, wenn Grass sich zum Repräsentanten eines Zeitgeistes gemacht hätte, von dem er selber annimmt, daß man als Unschuldiger schweigen und lügen muß, um gesellschaftlich überleben zu können? Martin Walser verteidigt Grass in der „Stuttgarter Zeitung“ damit, daß er „durch die souveräne Plazierung seiner Mitteilung diesem aufpasserischen Moral-Klima eine Lektion erteilt“ habe.

Dieser Argumentation könnte man ja folgen, wenn dieser „rigoroseste Moralapostel, was die deutsche Vergangenheit anlangt“, dieser „sich zum unerbittlichsten Vergangenheitspuristen aufspielende Präzeptor des antifaschistischen, des besseren Deutschlands“, wie Helmuth Karasek ihn treffend nennt, nicht maßgeblich für dieses „aufpasserische Moral- Klima“ verantwortlich zeichnete. „Bei jemandem, der so stark wie er in der Öffentlichkeit die mangelnde ,Bewältigung‘ der NS-Vergangenheit angemahnt hat, hätte ich schon erwartet, daß er sich früher geäußert hätte“, lautet denn auch die verständliche Kritik Arnulf Barings. Doch statt sich seiner Scheinheiligkeit zu schämen, ist Grass auch noch stolz darauf. Auf die Frage, ob er den richtigen Zeitpunkt für die Thematisierung seiner Vergangenheit verpaßt habe, antwortet er, das wisse er nicht. Er habe ja seinen Lernprozeß durchgemacht und geglaubt, mit dem was er „schreibend tat, genug getan zu haben“. Was er „schreibend tat“, war weniger Selbstkritik, denn Kritik an anderen. Selbstkritik kann eine Form begrüßenswerter Reue sein, aber die Suche nach dem Splitter im Auge des anderen kann nicht das Übersehen des Balkens im eigenen entschuldigen.

 

Zeitzeugen

Hardy Krüger - Denkt man an eine Person des gegenwärtigen öffentlichen Lebens mit NS-Hintergrund, so fällt einem schnell der 1928 geborene Schauspieler ein. Auf der Adolf-Hitler-Schule in der Ordensburg Sonthofen wurde der Berliner für seine vorgesehene Führungsposition im NS-Staat erzogen. Krüger war zwar nie bei der Waffen-SS, spielte aber bei dem NS-Propagandafilm „Junge Adler“ (siehe auch Reinecker unten) mit. In der letzten Kriegsphase mußte Krüger 16jährig noch an die Front.

Jürgen Girgensohn - Im Gegensatz zu Günter Grass machte der ehemalige Kultusminister (1970- 1983) von Nordrhein-Westfalen schon früh kein Hehl aus seiner Waffen-SS-Zeit und zog für sich daraus Konsequenzen. Der 1924 geborene SPD-Politiker setzte sich engagiert für den Frieden ein.

Günter Samtlebe - Obwohl 1983 bekannt wurde, daß der 1926 Geborene ab 1943 Mitglied der Waffen-SS, genauer der SSPanzerdivison „Hohenstaufen“, an der Ostfront gewesen war, blieb der SPD-Politiker in seinem Amt. Samtlebe war von 1973 bis 1999 Oberbürgermeister von Dortmund. Auch war Samtlebe Präsident des deutschen Städtetags und besitzt die Ehrendoktorwürde der Universität Dortmund. 2001 wurde er Ehrenbürger Dortmunds.

Otto Beisheim - Auch der 1924 geborene Gründer des „Metro“- Konzerns geriet ins Kreuzfeuer der Kritik. So soll er bei der „Leibstandarte- SS Adolf Hitler“ gewesen sein. Der Gutsbesitzersohn äußerte sich jedoch nie zu den Vorwürfen. Erst als das bayrische Fernsehen Unterlagen vorlegte, war der Otto-Beisheim-Stiftung immerhin die Aussage zu entlokken, daß Beisheim „nur den untersten Dienstgrad“ innegehabt habe.

Herbert Reinecker - Der berühmte Drehbuchautor der beliebten Krimiserie „Derrick“ hatte lange unter seiner NS-Vergangenheit zu leiden. Der 1914 geborene Autor arbeitete unter anderem damals für die Zeitschrift „Jungvolk“ und „Der Pimpf“. Als Kriegsberichterstatter der Waffen-SS war er in Rußland im Einsatz. 1944 schrieb er das Drehbuch zu dem NS-Propagandafilm „Junge Adler“, der die Kriegsbegeisterung der Jugend anfeuerte.


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