© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. November 2006

Treu zur Sprache
Auch nach zehn Jahren hat sich die Rechtschreibreform nicht durchgesetzt
von Klaus D. Voss

Die Deutschen wissen, daß ihre Sprache der wichtigste Kulturträger ist - und sie halten diesen Besitz hoch. Die Sprache in Schrift und Wort erschließt das kulturelle Erbe.

Zehn Jahre nach dem verhängnisvollen Beschluß der Kultusminister, die deutsche Sprache einer Rechtschreibreform zu unterwerfen, lehnt eine deutliche Mehrheit der Bundesbürger die neuen Schreibregeln ab. Nach einer Umfrage, die die Zeitschrift "Deutsche Sprachwelt" zum Tag der deutschen Sprache 2006 veröffentlichte, lassen 56 Prozent der Befragten nur die traditionellen Rechtschreibregeln gelten, 16 Prozent richten sich nach einem eigenen Regelwerk, lediglich 28 Prozent halten sich an die neue Staats-Orthographie. Und nicht alle aus freien Stücken: Da viele Unternehmen entschieden haben, für ihren Schriftverkehr die reformierten Regeln anzuwenden, fühlen sich 60 Prozent der Berufstätigen dazu verpflichtet, aber fast die Hälfte aus dieser Befragten-Gruppe ist "Neuschreiber" gegen die eigene Überzeugung.

Das Erlanger Unternehmen "Textfex" hatte diese Zahlen erhoben, indem es Bundesbürger verschiedener Alters- und Berufsgruppen nach dem Zufallsprinzip auswählte und befragte. Die Untersuchung förderte auch zutage, wie sprachempfindlich die Deutschen, jedenfalls die angesprochenen Bürger mit "Bildungshintergrund" sind. 36 Prozent der Befragten wenden sich von Waren oder Dienstleistungen ab, wenn diese fehlerhaft oder schlecht beschrieben werden, 37 Prozent sind allerdings schon so abgehärtet, daß sie sich trotz schlechter Texte nicht den Konsum verleiden lassen. Immerhin 18 Prozent bekommen das Erbarmen mit den Sprachtrotteln und würden sogar mehr bezahlen, wenn dafür Bedienungsanleitungen oder Produktwerbung besser geschrieben wären. Überhaupt: Medien und Werbewirtschaft werden häufig für schlechtes Deutsch getadelt (14 und elf Prozent der Fälle), einsame Spitzenreiter bei den Sprachschlampern sind aber jene Personen, die sich zum öffentlichen Leben rechnen lassen.

Der "Verein Deutsche Sprache" (Dortmund), der nächste Woche in sein zehntes Jahr geht und nach seinen Angaben inzwischen schon 27000 Mitglieder zählt, und die anderen Sprachschützer müßten sich jetzt einer zweiten Aufgabe stellen: Da immer mehr junge Menschen kaum noch lesen wollen, dafür aber länger Radio hören, müssen die Rundfunk-Beiträge als Sprachvorbild kritisch analysiert werden.

In vielen Sendungen, auch bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten, wird nach täglicher Beobachtung nur noch Rumpfdeutsch gesprochen mit einem bedenklich hohen Anteil englischer Vokabeln - die oft genug sogar sinnwidrig gebraucht werden. Schmerzhaft wird die Rundfunk-Sprache, wenn es um Feinheiten der Grammatik geht, etwa um die Zeitenfolge zwischen Haupt- und Nebensatz. Solche Sprachästhetik gibt es höchstens noch auf Papier, von geübten Schreibern.

Und: Zum Glück gibt es immer noch gute Stimmen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, aber die Sprachliebe scheint auch dort eine Generationenfrage zu sein. Junge Sprecher haben nicht nur Vokalklang frei nach Schnauze, sondern auch, wie es sich anhört, eine tiefe Abneigung gegen korrekte Konsonanten. Das "r", immer schwer zu sprechen, wird regelmäßig zu einem langen "a" gequält. Wenn die Intendanten weiter so wenig Wert auf Sprechausbildung legen, geht auch noch die phonetische Qualität ihrer "Sendah in den Kellah".


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