© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. November 2006

Immer wieder samstags
Subjektives Sicherheitsempfinden: Ein Opferbericht

Ein verregneter Oktobersamstag. Eine Frau wartet auf den Bus. Vor ihr, ein breitschultriger junger Mann, schiebt sich im Gedränge heran. Enge - eine alltägliche Situation. Sie wird in Kürze zur Lehrstunde in Sachen "subjektives Sicherheitsgefühl der Bevölkerung".

Die Frau spricht den Mann über dessen Rücken an: "Entschuldigen Sie, ich brauche auch Platz." Pöbelnd dreht sich der Mann um. Er beschimpft die Frau. Beide steigen in den Bus, steigen wieder aus, solange herrscht Ruhe - Endhaltestelle, S-Bahnhof. Der Mann schimpft laut. Die Frau schweigt, duckt sich aus dem Bus, Fahrgäste huschen teilnahmslos vorbei. Die Frau sagt schon lange nichts mehr, will weg. Der Fremde folgt ihr, sein gebrochenes Deutsch hallt über den Vorplatz des Bahnhofs: "Das nächste Mal, das nächste Mal" - er geht.

Ein Monat später, die Zufallsbegegnung wiederholt sich. Die Frau ist diesmal nicht allein. Ohne Anlaß fängt der damals schon Ungehaltene wieder an zu pöbeln, umkreist die Frau und ihren Bekannten, die versuchen, ihm auszuweichen. Dann greift er an, mit der Faust, boxt die Frau, ihr Begleiter geht dazwischen, die Faust des Mannes trifft ihn ins Gesicht, im Bahnhof. Leute gehen schnell vorbei, die S-Bahn kommt, der Schläger steigt ein - ist verschwunden.

Die Zwei gehen zur Notrufsäule, es dauert, bis sich jemand meldet. Ein Zug nach dem anderen fährt ein und aus. Eine Polizeistreife soll kommen - nicht von der nahen Wache, sondern Bundesgrenzschutz (BGS), der für die S-Bahn zuständig ist. Warten, elendig lang, dann an einer entfernten Treppe zwei Uniformierte, ihnen abgewandt. "Sie müssen sich ja mal bemerkbar machen", so die Beamten. "Was sollen wir machen", fragt die Frau, "Anzeige erstatten?". Schulterzucken bei den Polizisten. "Wie würden sie handeln?" - keine Antwort. Beim Bundesgrenzschutz angekommen, geben die Beamten die Daten der Geschädigten in einen uralten Rechner ein.

Am nächsten Tag erhalten die beiden Einsicht in eine Datei - getrennt. Bilder über Bilder sind zu sehen, "der könnte es sein". "Könnte? - das reicht nicht, Sie müssen sich mindestens zu 90 Prozent sicher sein, sonst tut der Staatsanwalt nichts", sagt der Polizist. Die Frau und der Mann seien sich sicher, müssen sie sagen, damit etwas passiert.

Wochen vergehen. Die dem Tatort nahe Wache, eigentlich nicht zuständig, meldet sich: Man habe den Täter ermittelt, aber er benutze verschiedene Namen. Monate später ein Termin. Ein weiterer Name für den Täter fällt. Diesmal werden die Zwei zur Hauptermittlungsstelle des BGS gebeten. Ein Beamter zeigt undeutliche Aufnahmen vom Bahnsteig, auf dem der mutmaßliche Täter einstieg: "Nur wenn der Zug an oder abfährt, sind die Kameras auf den Bahnsteigen an." Der Gesuchte tat niemanden den Gefallen einzusteigen, während der Zug anfuhr.

"Puzzlearbeit", nennt der Ermittlungsbeamte sein Tun. "In vier S-Bahnzügen haben wir innen Kameras - hilfreich, wenn man die afrikanischen Diebe identifizieren will, wie sie Fahrgäste ausrauben. Wenn es in allen Zügen Kameras gäbe, hätten wir mehr Erfolge." Doch die Überwachung sei gerade Politikern nicht geheuer.

Ein Jahr vergeht, der Täter ist bekannt, sein Wohnort ermittelt - das Gericht läßt auf sich warten. Als es nach weiteren Monaten zur Verhandlung kommt, wartet auf die Zwei eine peinliche Begegnung mit dem Peiniger, doch der Ermittelte ist nicht der Täter. Eine Gegenüberstellung hätte diese noch peinlichere Situation verhindert - hätte. Die Richterin lobt die zwei Zeugen. Er ist hingegen noch da draußen, fährt samstags Bus, und die Polizei hat kein Personal auch nur an einem Samstag eine Streife auf den S-Bahnhof zu schicken. SV


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