© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. November 2006

Wo meine Heimat ist
Nachdenkliches zu den eigenen Wurzeln und der eigenen Identität
von H.-J. Mahlitz

Heimat - was ist das? Der Ort, da ich geboren bin? Oder aufgewachsen, zur Schule gegangen? Wo ich später meinen beruflichen oder familiären Lebensmittelpunkt fand? Oder einfach da, wo ich mich wohlfühle, wo ich gern bin - und gern bleibe? Oder gar - totaler Kontrast - da, wo ich bleiben wollte, aber nicht durfte, von wo man mich verjagt, vertrieben hat?

Letzteres, so scheint es, sollte die Definition eines aus seiner Heimat Vertriebenen sein, zum Beispiel des Heimatvertriebenen Wilhelm v. Gottberg. Der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, dieser auch "60 Jahre danach" noch recht lebendigen Schicksalsgemeinschaft, nutzte kürzlich einen Vortrag bei der Publizisten- und Historiker-Arbeitsgemeinschaft "Stimme der Mehrheit", um sich dem Thema "Heimat" auf sehr persönliche Weise zu nähern: Er sprach nicht über "die" Heimatvertriebenen an sich und als solche, sondern erzählte von seinem und seiner Familie Schicksal. Und so manch einer im Auditorium, der vielleicht eher auf eine streng sachliche, wissenschaftlich fundierte und damit eher etwas trockene Vorlesung über das Abstraktum "Heimat" (unter besonderer Beachtung der aus derselben Vertriebenen) eingestellt war, sah sich unverhofft veranlaßt, einmal über sich selber nachzudenken: Was und wo ist eigentlich meine Heimat? Habe ich überhaupt eine Heimat, oder bin ich womöglich zwar nicht heimatvertrieben, aber doch heimatlos?

So zum Beispiel sieht mein persönliches Schicksal aus: die Familie in Düsseldorf ansässig, vereinzelte Spuren verweisen ins Niederrheinische, andere verlieren sich über die Generationen im deutschen Osten. Die rheinische Nobel-Metropole also Heimat Nr. 1!

Kriegsbedingt fand die Geburt jedoch nicht am Rhein, sondern am Main, in Würzburg, statt. Dort, im Unterfränkischen, erlebt der rheinische Bayer (oder bayerische Rheinländer?) die letzten Kriegs- und die ersten Nachkriegsjahre, eine im Vergleich zu gleichaltrigen Ostpreußen, Schlesiern oder Sudeten ziemlich unbeschwerte, zeitweise durchaus glückliche Kindheit - Heimat Nr. 2 also, und womöglich gar die wahre?

Mit Eintritt der Schulpflicht zurück in die "erste" Heimat, dann die akademischen "Lehr- und Wanderjahre": Berlin, Tübingen, Bonn, unterbrochen durch ein kurzes Intermezzo in Frankreich. Zu intensiven Heimatgefühlen reicht nirgends die Zeit.

Der Beruf beglückt den jungen Journalisten mit weiteren "Heimaten" (gibt es von diesem Wort überhaupt einen Plural, und wenn nein - warum nicht?): Köln, Oberbayern (out of Rosenheim, ganz wörtlich), Hamburg, erneut Frankreich und erneut Oberbayern. Alles Orte, wo ich mich wohl und "heimisch" fühlte, wo ich gern blieb beziehungsweise bleibe. Sie alle kämen als Heimat in Frage; vielleicht macht ja gerade dies die Antwort so schwierig.

Wieviel Heimat(en) kann ein einzelner Mensch denn überhaupt haben? Wieviel braucht er, ab der wievielten wird es ihm vielleicht zu viel, so daß er es vorzieht, sich lieber gleich "heimatlos" zu fühlen? Oder zu katalogisieren, in Heimat erster, zweiter, dritter Klasse, in "alte" und "neue" Heimat"?

An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs gestattet. In bewegenden Worten schilderte der Heimatvertriebene Wilhelm v. Gottberg, wie sich ihm die "neue" Heimat offenbarte: unstet, oft auch kalt und abweisend. Acht Umzüge in wenigen Jahren, wie soll ein junger Mensch da Wurzeln schlagen, sich "in der Heimat" fühlen. Die Seele klammert sich an die persönlichen Erinnerungen, die das vierjährige Kind aus Ostpreußen, der "alten" Heimat, mitgebracht hat - und die immer mehr verblassen.

Das Wissen über Geschichte, Land und Leute im deutschen Osten, das man sich mit großem Fleiß aneignet, kann das Defizit an eigenem Erleben dieser "alten" Heimat letztlich nicht ausgleichen. Wir, denen ein solches Schicksal erspart blieb, sollten uns also hüten, das immer noch quälende Leid der Vertriebenen mit oberflächlich-tröstenden Hinweisen auf "alte" und "neue" Heimat zu "relativieren".

Gerade das ist das Unmenschliche einer jeden Vertreibung: Sie macht den Menschen "heimatlos" - nicht nur in jenem salopp-makabren Sinne, daß er "seine Heimat los ist". Sie raubt dem Menschen einen elementaren Bezugspunkt seines Lebens, den Kristallisationspunkt seines persönlichen Schicksals, zugleich Schnittpunkt mit dem Schicksal der Lebensgemeinschaft, in die er hineingeboren ist. Heimat, das ist der Punkt, an dem der Mensch sich orientieren kann, wenn er wissen will, wo er eigentlich hingehört, an dem ihm konkret sichtbar wird, wo er herkommt - und dann vielleicht auch, wohin sein Weg ihn führt. So betrachtet, ist "Heimat" weit mehr als nur ein geographischer Begriff - sie liegt nicht nur irgendwo auf der Landkarte, sondern vor allem im Herzen.

Wenn der oberste Repräsentant der heimatvertriebenen Ostpreußen sein Referat ausklingen läßt mit dem bitteren Satz, letztlich sei ja auch er selbst "heimatlos", muß man das nicht unbedingt als Ausdruck der Resignation verstehen. Wohl aber als mahnende Erinnerung daran, daß "Heimat" für jeden Menschen von elementarer Wichtigkeit ist. Wie wichtig, kann wohl nur der erfassen, der mit verbrecherischer Gewalt dieses Grundwertes beraubt wurde. In diesem Sinne um das wohlverstandene "Recht auf Heimat" zu kämpfen, ist eine Aufgabe, bei der Vertriebene und Nicht-Vertriebene Seit' an Seit' stehen müssen.


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