© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. November 2006

Wettbewerb der Gewalt
Nach den Unruhen in Paris ist keine Ruhe eingekehrt - Linke zeigen Einsicht
von Jean-Paul Picaper

Pünktlich zum ersten Jahrestag der Novemberunruhen, die 2005 Frankreich erschüttert hatten, haben Jugendliche in der Hafenstadt Marseille (900000 Einwohner, darunter viele Immigranten) einen Brandkörper in einen Bus geworfen und damit einen Fahrgast schwer verletzt. Dieser Bus der Linie 32 verkehrt im Norden der Stadt, in der Nähe von sogenannten "sensiblen Bezirken", wo die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung aus Nord- und Schwarzafrika stammt. Man nennt diese Wohnbezirke in Frankreich "les cités" (die Satellitenstädte) oder "les banlieues" (die Vororte). Die 26 Jahre alte Studentin aus dem Senegal, schwebt seitdem zwischen Leben und Tod. Ihr Überleben ist keineswegs gesichert, sie wird lebenslang gebrandmarkt sein. Wie ihr Vater in früheren Jahren studierte sie in Marseille Medizin. Sie ist keine typische Zugewanderte. Die "Blacks" in den "cités" solidarisieren sich jedoch mit ihr.

Das mag geholfen haben. Zwei Tage nach dem Anschlag konnte die Polizei vier der Täter festnehmen, einen Tag später einen fünften. Die entscheidenden Hinweise kamen von Zeugen aus der Umgebung. Das "Gesetz des Schweigens" beziehungsweise "das Gesetz der Angst" wurde damit zum ersten Mal gebrochen. Nach 48 Stunden intensiven Verhörs wurde einer der Jungs wieder freigelassen, ein anderer, ein 17jähriger, der Haupttäter, wurde verhaftet. Sie sind alle zwischen 15 und 17 Jahre alt. Wegen der Schwere ihrer Tat dürfen die Richter sie nicht als Minderjährige einstufen. So drohen mit Haftstrafen bis zu 30 Jahren. Polizeibekannt waren sie bisher "nur" durch Diebstähle von Mopeds, Zerstörung von Briefkästen und Eigentums, kleine Gewaltdelikte und Verbalinjurien gegen Polizisten, die keine strafrechtlichen Folgen hatten.

Diese Jugendlichen werden häufig als Trottel dargestellt, die die Folgen ihrer Tat nicht erwogen hatten. "Weiß aber ein 15jähriger nicht, daß Brandsätze verletzen", fragen manche. Das Problem ist die zunehmende Neigung von immer Jüngeren zur Gewalt. Im Jahre 2004 wurden von französischen Richtern 80000 jugendliche Gewalttäter verurteilt. Fünf Prozent von ihnen waren unter 13 Jahren. Sieben- und Achtjährige werden immer häufiger wegen Angriffe auf Kameraden und Lehrer von den Schulen verwiesen. Das Verlangen nach geschlossenen Anstalten mit strenger Disziplin wird zunehmend deutlicher artikuliert.

Die Tat in Marseille, wo es bisher weder Massengewalt noch Aufstände gab, hatte eine Schockwirkung. Politiker und Journalisten, auch vom linken Spektrum, plädieren jetzt für Härte, um eine Entwicklung abzustoppen, die zu Zuständen wie in Bagdad und Palästina führen könnte. Abgesehen von den Angriffen auf die Polizei setzten im letzten Jahr die Aufrührer ausschließlich Gewalt gegen Sachen ein. Bei den Angriffen gegen Busse und Pkws forderten sie die Menschen noch zum Aussteigen auf, bevor sie die Fahrzeuge in Brand setzten.

Das Phänomen der Gewalt war in den 90er Jahren von den damals regierenden Linken kaschiert worden. Es galt die Parole: Die Assimilierung der Migranten ist erfolgreich. Der Journalist und Schriftsteller Jacques Julliard, der in der linken "Nouvel Observateur" schreibt, brach jetzt dieses Tabu. Er beschreibt die Tat in Marseille als "barbarisch" und sagt, "die Zeit der Entrüstung" sei jetzt überfällig. Julliard verwirft die Argumentation der Linken und der militanten Menschenrechtler von "SOS Rassismus", daß Arbeitslosigkeit, Ghettoisierung und Diskriminierung die Primärquellen der Gewalt seien. Er spricht von einem "Übel". Man sollte aus Tätern nicht mehr Opfer machen. Das ist bei den Linken ein Novum.

Soziologen diagnostizieren einen "sportlichen" Wettbewerb der Gewalt. Die Jugendbanden bilden sich nach strategischen, marktwirtschaftlichen und territorialen Spielregeln. In Bobigny (Département Seine-Saint-Denis bei Paris), wo sich das wichtigste Jugendgericht der Republik befindet, ist es ihnen gelungen, das Gelände des Tribunals zu kontrollieren. Dort belästigen sie das Wachpersonal, rauchen Hasch in den Räumen und sitzen einfach dort als Drohung für die Richter. Das sakrosankte französische Prinzip der territorialen Einheit der Republik wird so an vielen Orten außer Kraft gesetzt, indem es zunehmend Freizonen gibt, wo das organisierte Recht des Stärkeren gilt und Polizei und Verwaltung keinen Zugriff mehr haben.

Julliard empfiehlt einen kollektiven Widerstand der Bürger Frankreichs gegen die Steigerung der Gewalt. Geschieht das nicht, kommt die Stunde der Rechtsradikalen um Jean-Marie Le Pen, der als Präsidentschaftskandidat seine Popularität auf 20 Prozent erweitert hat. Auch der Kampf des konservativen Kandidaten Nicolas Sarkozy wird nicht mehr von den Linken als "neofaschistisch" verhöhnt. Einer der sozialistischen Präsidentschaftsbewerber, Laurent Fabius, bezeichnete die Täter von Marseille als "Lumpen". Eric Raoult, Mitglied der Sarkozy-Partei UMP und Bürgermeister von Raincy in der Seine-Saint-Denis, sagt durch die Blume, daß die von seiner Partei bewilligte millionenschwere finanzielle Unterstützung der "banlieues" nach den Unruhen vom letzten Jahr ein Fehler war.

Es geht ihm offensichtlich darum, die Menschen, die zu den demokratischen Werten stehen, aus den "cités" herauszuholen und letztere auszutrocknen. In Zusammenarbeit mit der Polizei bietet er den Menschen, die sich bei der Polizei melden und sachdienliche Hinweise über Täter geben, 15000 Euro und eine neue Wohnung an einem sicheren Ort. Ihre persönlichen Daten bleiben vertraulich.

Foto: Trotz politischer Debatte hat sich nichts geändert: Die Brutalität in den französischen Vorstädten nimmt eher zu als ab. (AP)


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