© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. November 2006

Kyrillisch auf dem Abstellgleis
Kasachstan will aus Emanzipationsgründen lateinisches Alphabet einführen
von M. Rosenthal-Kappi

Borat", der Film des britischen Komikers Sacha Baron Cohen, sorgte bei seinen Fans für Belustigung und in Kasachstan für Empörung. Cohen spielt in der Komödie den TV-Journalisten Borat Sagdiyev, einen der berühmtesten Männer Kasachstans, der die Werte und Traditionen seines Landes - wie Prostitution und Waffenschieberei - im Ausland vertritt. Politisch unkorrekt stellt Cohen alias Borat die Kasachen als rückständiges Bergvolk dar, das seine Frauen wie Vieh behandelt, sich die Wohnung mit Stallvieh teilt und von Judenhaß geprägt ist.

Borat reist mit seinem Team in die USA, um eine Dokumentation über die Vereinigten Staaten zu drehen, trifft auf für ihn völlig fremde Erscheinungen wie Feminismus und Homosexualität. Borats Akzent und zahlreiche Verwechslungen sorgen für eine Komik, deren Niveau jedoch auf unterster Stufe angesiedelt ist. Als "Ali G." hat Cohen in einer MTV-Show bereits mit den gleichen Gags wie denen im Film Kultstatus erreicht.

Zunächst reagierte die kasachische Regierung beleidigt und empört über die Gags auf Kosten ihres Volkes. "Absolut nicht hinnehmbar, geschmacklos und gegen die Regeln des Anstands verstoßend", hieß es. Man drohte gerichtlich gegen Cohen vorgehen zu wollen.

Rachat Alijew, stellvertretender Außenminister Kasachstans, witterte dann die Chance, die Geschichte als PR-Aktion für sein Land zu nutzen. Er lud Baron Cohen nach Kasachstan ein, damit dieser sich persönlich ein Bild davon machen könne, "daß Frauen Auto fahren, Wein aus Trauben hergestellt werden und Juden ungehindert die Synagoge besuchen können". Alijew sprach sich für eine humorvolle Auseinandersetzung mit dem Film aus, schließlich mokiere Cohen sich auch über die Irakpolitik der USA.

In der Tat ist Kasachstan kein rückständiges Hinterland mehr, sondern es erlebt zur Zeit eine Aufbruchstimmung.

Es ist ein multikultureller Staat, in dem 50 verschiedene Ethnien zusammen leben.

Etwa 54 Prozent der Bevölkerung sind Kasachen, Russen bilden mit 30 Prozent die größte Minderheit, Turkvölker, Ukrainer, Polen, Deutsche teilen sich in kleinere Minderheiten auf.

Geographisch wie politisch ist Kasachstan ein Schwellenland, reich an Rohstoffen, in der Mitte Eurasiens gelegen, mit Russen im Norden, Chinesen im Südosten, Turkmenen, Usbeken und Kirgisen im Süden als unmittelbare Nachbarn. Erdöl- und Erdgasförderung sowie Ölprodukte bilden die Basis der kasachischen Wirtschaft und bescheren Kasachstans nationalem Budget sprudelnde Einnahmen. Daneben gibt es eine gut entwickelte Hüttenindustrie (Schwarz- und Buntmetalle), Steinkohleförderung und reiche Reserven an Zinn, Uran, Blei, Zink, Gold, Silber und anderen Bodenschätzen.

Die Innenpolitik ist vom autoritären Regierungsstil Nursulatan Nasarbajews und dessen Familie bestimmt, der seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahre 1991 als Präsident die Leitung übernommen hat. Die Opposition ist stark eingeschränkt.

Außenpolitisch schwankt Kasachstan zwischen enger Anlehnung an Rußland einerseits und Bindungswünschen an die USA mit Emanzipationsbestrebungen von Rußland andererseits. Diese gegensätzlichen Ziele finden beispielsweise Ausdruck in den Mitgliedschaften Kasachstans in asiatischen, türkischen und europäischen Organisationen wie der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft, in Uno und Unesco, der OSZE und dem Zentralasiatisch-türkischen Gipfel.

Kürzlich erst verkündete Präsident Nasarbajew, in Kasachstan das lateinische Alphabet anstelle des kyrillischen offiziell einzuführen.

Zwar wird in der kasachischen Amtssprache schon länger lateinisch geschrieben, die Verkehrssprache zwischen den Völkern ist jedoch nach wie vor Russisch, das von 83 Prozent der Bevölkerung gesprochen wird, während nur 56 Prozent Kasachisch sprechen.

Die Absicht, Kasachisch als vorherrschende Amtssprache einzuführen, hat in der Vergangenheit zu einer Auswanderungswelle mit steigender Tendenz bei Nicht-Kasachen geführt.

Deshalb warnt Nasarbajew heute vor einer übereilten Reform und will für eine Übergangszeit an der parallelen Nutzung beider Alphabete festhalten. Mit dem Übergang zur lateinischen Schrift schließt Kasachstan sich seinen Nachbarn Turkmenistan, Usbekistan und Aserbaidschan an, die schon seit der Unabhängigkeit Lateinisch schreiben, was damals ein Teil der politischen Reformen war.

Kritikern der Reform, vor allem russischen, antwortete Nasarbajew mit der Begründung, der Wechsel der Schrift erfolge aufgrund der Tatsache, daß die lateinische Schrift auf dem Feld der internationalen Kommunikation, sprich im Internet, dominiere.

Wohl geht es auch um das Bemühen um die eigene Identifikation, die die Kasachen dazu bewegt hat, russische Städtenamen in kasachische abzuändern und das lateinische Alphabet verstärkt zu nutzen.

Auf unfreiwillige Weise leistet Borat den kasachischen Reformbestrebungen Vorschub, ist doch das Land dank dessen respektlosen Humors derzeit in aller Munde.


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