© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. November 2006

Ventil für den Volkszorn
Der politische Witz zur NS-Zeit

Auch wenn der Titel "Heil Hitler, das Schwein ist tot - Lachen unter Hitler" für ein so ernstes Thema doch ziemlich flapsig klingt, so ist das Buch selbst alles andere als mit leichter Feder geschrieben. Zwar gab es an der Buchverfilmung zu später Abendstunde bei der ARD Kritik, doch zumindest dem Buch ist anzumerken, daß sich Rudolph Herzog des Ernstes der Thematik bewußt war.

Der Autor reiht keineswegs nur Witze aneinander, sondern erklärt, den politischen Witz, seine Entstehung, seinen Sinn, seine Folgen über die Jahrtausende hinweg. Zwischen den politischen Witzen zur Kaiserzeit, NS-Zeit und auch in der DDR zeigt er Unterschiede auf. So gab es zum Beispiel Witze über Hindenburg, doch waren diese meistens nett gemeint.

"Politische Witze waren keine Form des aktiven Widerstands", räumt Herzog gleich eine Illusion vieler aus, "sondern Ventile für aufgestauten Volkszorn. Sie wurden am Stammtisch erzählt, in der Kneipe, auf der Straße - um wenigstens für einen Augenblick, in der Befreiung des Lachens, Dampf abzulassen."

Doch würden die Witze auch verdeutlichen, daß die NS-Gesellschaft keineswegs so gleichgeschaltet war, wie sich das Regime das immer gewünscht hatte. "Wer wird gerettet, wenn Hitler, Göring und Göbbels übers Meer fahren läßt und das Schiff umkippt. Antwort: Deutschland!" Neben einfachen Lachern gab es aber auch Witze, die Bilder transportierten: "Eine Köchin, die ohne Fett Bratkartoffeln bereiten sollte, begann die Hakenkreuzfahne über dem Herde hin und her zu schwingen. Auf die Frage nach dem Sinn ihres Tuns gab sie zur Antwort: ,Unter dieser Fahne sind schon viele fett geworden!'"

Viel mehr Raum als die Witze an sich nehmen ihre Erklärungen und Erläuterungen ein. Auch wendet sich Herzog der Frage zu, ab wann Witze gegen das Regime gefährlich wurden und für wen sie Konsequenzen hatten. An zahlreichen Schicksalen verschiedener Komiker führt er auf, daß keineswegs alle gleich behandelt wurden. Einige waren zu prominent, um sie ins KZ zu bringen oder gar zum Tode zu verurteilen, andere hatten beispielsweise die ehemalige Geliebte von Göbbels als Unterstützerin.

"Heil Hitler, das Schwein ist tot" nimmt sich des Themas Lachen unter Hitler durchaus seriös an, nennt Entwicklungen und Hintergründe, zeichnet die Zeit und ihre Zwänge sensibel nach. In jeder Hinsicht lesenswert! Bel

Rudolph Herzog: "Heil Hitler, Das Schwein ist tot - Lachen unter Hitler - Komik und Humor im Dritten Reich", Eichborn, Frankfurt / M. 2006, geb., 266 Seiten, 19,90 Euro, Best.-Nr. 5772


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