© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. November 2006

Endlich umdenken
Günter Rohrmoser fordert eine konservative Kulturrevolution

Günter Rohrmoser stellt dem jüngsten seiner vielen Bücher ein Wort John Stuart Mills voran: "In jeder politischen Ordnung, die dauerhaft existiert hat, gab es einen Fixpunkt, etwas, was die Menschen übereingekommen waren, für heilig zu halten ... Wir meinen ein Gefühl gemeinsamen Interesses unter denjenigen, die unter derselben Regierung leben, daß ... sie das Gefühl haben, ein Volk zu sein, daß sie ihr Los teilen." Da dies von einem Klassiker des utilitaristischen Liberalismus des 19. Jahrhunderts stammt, stellt der ehemalige Ordinarius für Sozialphilosophie und Professor für Politische Philosophie der Universitäten Stuttgart-Hohenheim und Stuttgart damit klar: Das Konservative ist nichts Gestriges nur für Konservative, sondern für alle, welche die Zukunft lebenswert gestalten wollen. So wirbt er zunächst für eine konservative Kulturrevolution, um die erfolgreiche Kulturrevolution der Frankfurter Schule, welche die Wirklichkeit mit fatalen Folgen für den einzelnen und die Gesellschaft umwertete, wiedergutzumachen durch: Wiedergewinnen des Geschichts-, Traditions-, Kulturbewußtseins, das als konsensbildende, erhaltende Kraft der Gesellschaft notwendig ist, ohne das die simpelsten, beruflich nötigen, von der Schule zu vermittelnden Kulturtechniken verlorengehen und ohne die beispielsweise kein eingewanderter Türke für die Integration zu gewinnen ist. Ferner die Wiederherstellung der Familie und ihre Befreiung von quasi-totalitären staatlichen Eingriffen; er fordert Schlußfolgerungen aus dem gescheiterten Glauben an Wachstum, Sozialverteilung und Selbstverwirklichung und anderes mehr. Kurz: Er fordert einen neuen, zukunftsgewandt konservativen, an der Wirklichkeit orientierten Ansatz, mit dem wir "an Stelle von Utopien, Illusionen und Träumen die Notwendigkeit ... den Imperativ der Selbstbehauptung verinnerlichen. Wenn ... etwas bis in die Wurzeln konservativ ist, dann natürlich die Auseinandersetzung, in der nur Sachverstand und Vernunft gilt."

Rohrmoser läßt eine Reihe konservativer Denker des 19. und 20. Jahrhunderts sprechen, besonders Carl Schmitt und Arnold Gehlen. Dabei gelingt ihm etwas Bewundernswertes: Er macht ihre für das Thema wichtigen Kerngedanken und deren Bedeutung so lebensnah klar, daß es selbst für den philosophischen Laien spannend und lehrreich ist. Die Moderne ist nach Gehlen ein "wissenschaftlich-technisch-industrieller ... Riesenapparat", "an dem das schiere Überleben der Menschen hängt", der aber quasi-archaisch unveränderbar ist. Dazu macht die durch die linke Kulturrevolution erzeugte Ignoranz die Menschen "zum beliebig disponiblen Material ständiger Transformation", wobei der Fortschrittsprozeß zu einer Neuschöpfung aus dem Nichts wird, weil das zu Verändernde mit der Veränderung verschwindet, wodurch wiederum die Sinnhaftigkeit eines "Fortschritts" gar nicht mehr feststellbar ist.

Der Hegelsche Staat geistiger und sittlicher Autorität erhält die Substanz der Freiheit und schützt sie vor der Gesellschaft. Diese kann nämlich, wie Alexis de Tocqueville am Beispiel der USA bereits vor über 160 Jahren erkannte, in die "sanfte Despotie" abgleiten, in der wie zum Beispiel in Deutschland, eine Political Correctness herrscht, "wie sie in einem autoritären Staat kaum besser funktionieren könnte".

Im wertneutralen Staat sind Verfassung und Gesetze rein formale Regelmechanismen. Rohrmoser, der merkwürdigerweise der Siegerversion der Ursachen des Zweiten Weltkriegs glaubt, fragt zu Weimar angesichts der damaligen Wahl zwischen marxistischem und nationalen Einheitsstaat allerdings politisch unkorrekt: "War es ein Verbrechen, daß in dieser Situation ein großer Teil des deutschen Bürgertums sich für die Nation entschieden hat?"

Für Rohrmoser ist der sowohl geistlich wie weltlich geltende Islam mit dem Christentum inkompatibel. Nur dieses ist auch dem Sünder in Nächstenliebe verbunden. Die Weisheit des alten Europa hatte, indem es dem Feind die gleiche Würde zuerkannte, den Krieg politisch und rechtlich so eingehegt, das wirklicher Friede möglich wurde. Auch müsse das deutsche Volk im Gegensatz zur deutschen Praxis in vielen Fragen mitsprechen können. Mit Fichte ist der Autor überzeugt: "Die Deutschen müßten Volk werden, nicht aus rassistischen, ethnischen ... geschichtlich-traditionellen Gründen, sondern um Willen des Christentums."

Dem, der meint, die oft religiöse Begründung konservativer Gedanken sei in der modernen Welt für Mensch, Volk und Staat nicht bedeutsam, beschert Rohrmoser große Klarheit über unsere Probleme und einen Schatz fundierter Gedanken für mögliche Lösungen, die unserer kurzatmigen, mechanistischen Reformflickschusterei haushoch überlegen sind. Das Buch ist daher eine vorzügliche Orientierungshilfe. M. Backerra

Günter Rohrmoser: "Konservatives Denken im Kontext der Moderne", Gesellschaft für Kulturwissenschaften, Bietigheim 2006, geb., 325 Seiten, 22,75 Euro, Best.-Nr. 5923


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