© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. November 2006

Worte Herders als "Wegzehrung"
Frauenreferentin und Schriftführerin der Landesgruppe Thüringen suchten mit zehn Gleichgesinnten die Verständigung

Ein verständigungspolitisches Begegnungsseminar führte eine zwölfköpfige Gruppe der LO-Landesgruppe Thüringen in die Heimat. An einem Dienstag fuhr das Dutzend mit einem Kleinbus aus dem etwa 20 Kilometer nördlich von Erfurt gelegenen Sömmerda in Richtung Maldeuten, Kreis Mohrungen. Dort waren sie im Hotel ,,Dworek Sople" untergebracht. In dem ehemaligen Herrenhaus herrschte eine sehr angenehme Atmosphäre und die Unterkunft wie auch die Verpflegung gaben auch keinen Grund zur Beanstandung. Von hier aus wurden Exkursionen nach Mohrungen, Rogehnen, Mühlhausen, Pr. Holland und Frauenburg unternommen. Überall wurden sie bereits erwartet und herzlich empfangen.

An ihrem zweiten Tag in Ostpreußen besuchten sie das Herder-Museum in Mohrungen, wo sie Ursula Manka von der "Deutschen Minderheit" in Mohrungen durch die Ausstellungsräume herumführte. Jedes Exponat ist in polnischer und deutscher Sprache beschriftet. Die polnische Museumsführung hatte Verständnis, daß alle Erläuterungen in deutscher Sprache erfolgten. Besondere Beachtung fanden Herders Aussagen zur Sprache, sein Verhältnis zu slawischen Völkern und seine Leistungen hinsichtlich der Volksliedersammlung. Herders Worte über die Macht des Menschen notierten sich viele Teilnehmer, um sie als "Wegzehrung" mitzunehmen: "Der Mensch hat in sich die Macht, nicht nur die Gewichte zu stellen, sondern auch selbst auf der Waage Gewicht zu sein."

Im Anschluß an das Museum wurde die Johanniterstation besucht, eine Hilfsmaßnahme aus der Bundesrepublik Deutschland für deutsche und polnische Bürger. Hier war vom Verein der ,.Deutschen Minderheit" liebevoll der Tisch gedeckt worden.

Bei einer Tasse Kaffee und selbstgebackenen Krapfen berichtete die Vorsitzende des Vereins über ihre Arbeit. Sie betonte, daß es durch das zunehmende Alter der Menschen sehr viele Kranke und sozial Schwache zu betreuen gebe. Oft wohnten Menschen vereinsamt in Dörfern, die junge Generation sei wegen Arbeitsmangel weggezogen. Die Renten der zur ,.Deutschen Minderheit" gehörenden Personen seien wegen fehlender Arbeitsjahre in der Nachkriegszeit gering. ,,Man ist zufrieden, wir richten uns ein", sagte sie. Die Verbindungen zur Bundesrepublik Deutschland seien durch Geldmangel eingeschränkt. Es sei günstiger, ein Ferienlager in Mohrungen zu organisieren, als den Kindern den Besuch eines Ferienlagers in der Bundesrepublik zu finanzieren. Die Zwölf entnahmen den Gesprächen, daß Hilfe erwartet wird, und überreichten Geschenke.

Am dritten Tag besuchten sie die Schule in Rogehnen. Auch hier bereitete die Direktorin der Schule dem Dutzend einen herzlichen Empfang. Die Lehranstalt wurde nach 1945 gebaut; sie macht einen sauberen und ordentlichen Eindruck. Einige Räume wurden den Gästen gezeigt. Der Religionsunterricht in einer Klasse wurde unterbrochen. Schüler wurden aufgefordert, zu zeigen, was sie im Deutschunterricht gelernt haben. Es wird von der ersten bis zur zehnten Klasse Deutsch gelehrt. Es zeigt sich, daß von Seiten der deutschen Gruppe über die Enkelkinder eine gute Verbindung zur jungen Generation besteht. Im Lehrerzimmer wurde anschließend außer über Europa auch über die unterschiedlichen Schulsysteme in der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen diskutiert. So erfolgt in den polnischen Schulen die Differenzierung erst ab Klasse sieben.

Nach dem Besuch der Schule geht es weiter nach Mühlhausen, wo die Gruppe herzlich von der Bürgermeisterin, Frau Semmerling, und ihren Mitarbeiterinnen begrüßt wurde. Zur Begrüßung überreichte die Frauenreferentin der LO-Landesgruppe Thüringen, Margarete Ritter, Salzheringe und frischte damit die Sage von der Salzhering-Züchtung im Brennerteich auf. Die Bürgermeisterin hatte davon bereits gehört und freute sich darüber. Frau Ritter begründete mit der "Deutschen Ostsiedlung", weshalb Mühlhausen für das verständigungspolitische Begegnungsseminar ausgewählt wurde, und stellte mit dem Sammeln von Bausteinen für das gemeinsame Haus Europa den Seminarzweck vor. Herr Schwenzfeier aus dem thüringischen Mühlhausen berichtete über die Verwaltungsstruktur in seinem Bundesland im allgemeinen und in seinem Ort im besonderen. Teresa Kiwit, Deutschlehrerin an der zuvor besuchten Schule in Rogehnen, übersetzte sehr fließend, so daß die Bürgermeisterin am Gespräch durch Fragen und Antworten teilnehmen konnte. Die Wirtschaft in Mühlhausen / Thüringen wurde vorgestellt, und die Beziehungen zu den Nachbarvölkern wurden thematisiert. Die touristischen, kulturellen Attraktionen Mühlhausens wurden durch mitgebrachte Prospekte verdeutlicht, Video, Bildband und Chronik wurden als Gastgeschenke überreicht. Sie sei überwältigt von Mühlhausen, erwiderte die Bürgermeisterin und zeigte Interesse, die Stadt kennenzulernen, von der sie meint, so manches lernen zu können.

Anschließend hielt Margarete Ritter ein Referat mit dem Titel "Vom Verständnis füreinander, zur Verständigung". Ausgehend von der gemeinsamen jüngeren Geschichte, die beiden Völkern Not und Elend gebracht hat, erläuterte sie den Standpunkt der Ostpreußen zu den neuralgischen Punkten. Es habe Schuldige und Unschuldige getroffen. Unrecht lasse sich nicht gegen Unrecht aufrechnen. Kollektive Schuld und Verantwortung würden ausgeklammert. Auch Schuldbekenntnisse seien kein angemessenes Zeichen der Verständigungsbereitschaft. Zum Dialog gebe es keine Alternative. Mit dem Wissen über die Vergangenheit, wolle man die Gegenwart besser verstehen. Die Jugend sei Gestalter der Zukunft. Die anwesenden Kinder hätten bereits erste Erfahrungen im Verstehen gesammelt.

Die zustimmenden Gesten der Zuhörer schon während des Referates und die abschließenden Worte von polnischer Seite, daß es keine Alternative zum Dialog gebe, bestätigten, daß die Deutschen verstanden wurden. Das gilt auch für ihr Anliegen, zwischen den Städten eine Partnerschaft aufzubauen. Herr Schwenzfeier überreichte als Präsent Pflaumenmus aus "seinem" Mühlhausen und Sekt mit dem Etikett "Mühlhausen". Die Bürgermeisterin schenkte den Deutschen Ansichtskarten von ihrer Stadt. Die Verabschiedung erfolgte mit herzlichem Umarmen.

Am darauffolgenden Tag ging es zur "Deutschen Minderheit" nach Pr. Holland, wo die Gruppe gleichfalls schon erwartet und herzlich begrüßt wurde. Die "Deutsche Minderheit" trifft sich jeden Freitag in ihrem Vereinsraum. Die Schriftführerin der LO-Landesgruppe Edeltraut Dietel vertrat in ihrem einleitenden Wortbeitrag die These, daß es gelte, im neuen Haus Europa das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen auf eine neue Grundlage zu stellen. Man müßte sehr nüchtern und ohne Illusionen die Schwierigkeiten und Möglichkeiten einer solchen Nachbarschaft überprüfen. Die Geschichte zeige, daß es viele Gemeinsamkeiten gebe. Alle Ereignisse erforderten die Sicht ihrer Zeit.

Von Seiten der Heimatverbliebenen bemerkten Teresa Kiwit und auch die Vorsitzende des Vereins der ,,Deutschen Minderheit" Inge Obiala, daß der "nationale Schmerz" niemals bei einem Dialog im Vordergrund stehen dürfe, man müsse vielmehr vorwärts schauen. An Stelle des patriotischen Stolzes sollte es zu einer ruhigen und sachlichen Beurteilung kommen. Es sei ein gutes Zeichen, daß polnische und deutsche Wissenschaftler sich gemeinsam der gemeinsamen Geschichte widmen. Abschließend wurde festgestellt, daß es genügend Baustoff für Denkmale nationaler Größe gebe, aber auch genügend Bausteine für ein Gebäude künftiger deutsch-polnischer Verständigung.

Sehr bewegt berichteten alle Teilnehmer über ihr eigenes Schicksal. Mit wenig Worten brachten sie ihre Überzeugung zum Ausdruck, daß sich ein Krieg zwischen den beiden Völkern nie wiederholen dürfe. Frau Obiala erhielt als Vorsitzende des Vereins der ,,Deutschen Minderheit" von der Gruppe aus Thüringen viele Geschenke, die sie an bedürftige Menschen verteilen will. Anschließend erfolgte eine Stadtrundfahrt einschließlich Besichtigung geschichtsträchtiger Bauten.

Am letzten Seminartag fuhren die Zwölf über Cadinen, wo sich ein großes Gestüt befindet, entlang dem Frischen Haff nach Frauenburg. Hier legten sie am Gedenkstein für die 450000 Ostpreußen, die bei Kriegsende vor der Roten Armee über Haff und Nehrung flohen, ein Gebinde nieder mit den Worten des ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland Theodor Heuß: ,,Das Geheimnis der Versöhnung ist die Erinnerung." LGT


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