© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. November 2006

"Die Prußen"
Seminar der Kulturabteilung der Landsmannschaft Ostpreußen im Ostheim
von Ruth Geede

Das Seminar trug den schlichten Titel "Die Prußen". Aber er genügte, um schon kurz nach der Terminierung ein volles Ostheim in Bad Pyrmont vorauszusagen. So wie vor vier Jahren, als das erste Seminar mit diesem Thema von der Kulturabteilung der LO veranstaltet worden war, meldeten sich mehr Interessenten als erwartet. Das ist erfreulich - weniger, daß nun einige Anmeldungen nicht berücksichtigt werden konnten, weil die Teilnehmerzahl auf 60 begrenzt bleiben mußte. Die aber kamen dann in dem dreitägigen Seminar voll auf ihre Kosten, denn es bot ein reichhaltiges, ausgewogenes Programm mit - für ein so eng gestecktes Thema erstaunlich breit aufgefächerten - Referaten und Diavorträgen, die durch kulturelle Beiträge aufgelockert wurden.

Der Vorschlag zu diesem Seminar über die preußische Urbevölkerung war von aktiven Ostpreußen aus Mitteldeutschland gekommen, also aus der praktischen Arbeit vor Ort. Sig-rid Kaminsky, Mittweida, aus Tilsit stammend, die sich mit Leib und Seele für die Präsentation ostpreußischen Kulturgutes engagiert und schon für einige stark beachtete Veranstaltungen im mitteldeutschen Raum verantwortlich zeichnete, hatte dazu die Weichen gestellt. Bei Dr. Sebastian Husen, Geschäftsführer und Leiter der Kulturabteilung der Landsmannschaft Ostpreußen, fand sie ein offenes Ohr, zumal auch von der LO ein weiteres Prußen-Seminar nach dem großen Erfolg des ersten schon in Erwägung gezogen worden war. Die Vorarbeit, die Sigrid Kaminsky in ihrem Wirkungskreis geleistet hatte, zeigte sich dann an dem lebhaften Interesse der Teilnehmer aus Mitteldeutschland und spielte auch bei den Referenten eine Rolle.

Daß nicht wenige der Frauen und Männer aus dem Teilnehmerkreis selber prußisches Blut in ihren Adern haben, bewiesen ihre Namen, und so ließen sich, durch die Referenten gut geführt, die Fäden zurückspulen in die Urheimat. Das bestätigte die lebhafte Reaktion aus dem Auditorium, vor allem auf den Vortrag von Professor Dr. Rainer Eckert, der schon im ersten Prußen-Seminar referiert hatte und auch für dieses gewonnen werden konnte. Der emeritierte Ordinarius der Universität Greifswald behandelte die Frage "Was besagt der Namensschatz über das Leben der alten Prußen" für die Zuhörer sehr informativ anhand von Wortbeispielen aus anderen baltischen Sprachen. Prof. Eckert zeigte auch interessierte Teilnahme an den anderen Referaten, wie überhaupt Vortragende und Zuhörer sehr gut aufeinander abgestimmt waren. Zu Beginn hatte der Lehrbeauftragte an der Universität Tübingen Hans-Ulrich Kopp mit seinem Vortrag "Die Prußen - Ursprung, Werdegang, Nachklang" die wissenschaftliche Basis für das Seminarprogramm gelegt, das von den Referenten Rolf Tolkmitt, Olaf Knafla und Gerd Schienitzky mit ihren Dia-Vorträgen "Der Alltag der Prußen", "Prußisches Brauchtum" sowie "Die Prußen und der Deutsche Orden" weitergeführt wurde. Sehr gespannt war man auf das Referat "Das Liedgut der Prußen", da ja hier so gut wie nichts überliefert worden ist. Lars Karrasch überraschte nach seiner Einführung in das deutsche Volkslied und die Volksliedforschung in Ostpreußen mit der Spurensuche nach prußischem Liedgut im masurischen und litauischen Volkslied, wobei er zu erstaunlichen Ergebnissen kam wie die Belegung des hohen Alters der Lieder anhand von Beispielen und das Auffinden von sprachlichen Resten - scheinbar sinnlose Silben aus einer anderen, geheimnisvollen Welt. Und aus dieser kamen auch die wundersamen Märchen, die Sabine Crone an einem kerzenerhellten Abend vortrug, Märchen des Prußenlandes, mit denen sie, von ihrem Mann Holger Crone musikalisch begleitet, die Zuhörer verzauberte. Da wurde Stille spürbar. Es gibt aber auch reale Spuren, die aus dieser fernen Zeit bis in die Gegenwart führen. Ruth Geede folgte ihnen, denn sie hat nach eigenen Worten "die Gnade der frühen Geburt" und konnte noch in Ostpreußen prußische Überlieferungen aufspüren, die im Alltagsleben bis in unsere Zeit lebendig geblieben waren. Wie die "Drei Knick-se für den Mond", die sie als Kind noch machte, wenn der Vollmond aufstieg - auch in einer Großstadt wie Königsberg. Eine uralte Bitte um Glück und Segen, der auf die Prußenzeit zurückgeht, wie manch anderer unbewußt erhaltener Brauch, an den sich auch so manche Frauen und Männer im Teilnehmerkreis plötzlich erinnerten. Lebendiges Wissen, das es zu bewahren gilt. Eine Verpflichtung, wie dieses Seminar deutlich machte, weil in einer Zeit, wo sich die Menschen wieder auf ihre Wurzeln besinnen, viele nicht wissen, wo und wie sie zu finden sind.


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