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17.02.07 / Ost-Deutsch (2): Gastarbeiter

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-07 vom 17. Februar 2007

Ost-Deutsch (2):
Gastarbeiter
von Wolf Oschlies

"Habseligkeiten" ist das "schönste deutsche Wort" - hat der Deutsche Sprachrat 2006 verkündet. Ich hätte "Gastarbeiter" vorgezogen. Dieses Wort ist schön (da es übel konnotierte Begriffe wie "Fremdarbeiter" umschiffte), unfreiwillig witzig (wo in aller Welt gibt's Gäste, die arbeiten), anonym (auch die "Gesellschaft für deutsche Sprache" weiß nicht, wer es wann prägte) und ein in Osteuropa so rückhaltlos akzeptiertes Sprachgeschenk, daß ich es zum Germanismus des 20. Jahrhunderts proklamieren möchte.

Kaum eine Sprache unserer Nachbarn, die ihn nicht kennt. Ein unübersetzbares Wortfeld hat sich um ihn gebildet - mit Adjektiven ("gastarbajterski") und Substantiven ("gastarbajterstvo"). In Ex-Jugoslawien hat es den Ausdruck "Jugo-Schwaba" verdrängt, in Makedonien gar einen Armvoll von Begriffen für die, die ihre Arbeitskraft im Ausland verkaufen (argat, pecalbar), ausgemustert.

Und das war nur der Anfang, dem die schönsten Sprachspiele folgten. Rund 70000 Deutsche sollen in Polen Arbeit gesucht und gefunden haben - berichtete vor Jahren die Warschauer Wochenzeitung "Wprost" unter dem Titel "Gastpracownicy". "Gast" ist deutsch, "pracownik" (Arbeiter) polnisch - noch Fragen?

Vor zwei Jahren warteten Moskauer Blätter mit dem Begriff "vestarbajter" auf. "Westarbeiter" sind jene Glücklichen, die in der ukrainischen Boom-City Kiew einen Job ergatterten: Papiere unwichtig, Sprachprobleme Null, Verdienst blendend - Russenherz, was willst du mehr?

Freie russische Arbeitsplätze haben Hunderttausende "gastarbajtery" aus Usbekistan und Kirgisien besetzt, dazu Chinesen, Afghanen, Vietnamesen und, "nach Rassenmerkmalen nicht gleich erkennbar", solche aus Moldawien und der Ukraine. Mit denen nahm das deutsche Wort eine negative Färbung an, denn "jeder dritte Rechtsbrecher ist gastarbajter".

Gastarbeiter in Deutschland kamen per Vertrag und sind sozial abgesichert. Wie anders es russischen gastarbajtery geht, läßt ein neuer Begriff erahnen: Gastrabajter. Da geht's nicht nur um ein vertauschtes R - Rab heißt auf russische Sklave.


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